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P. Johannes Nebe FSO

Zum Allerseelenmonat

Wie können wir für unsere Verstorbenen beten?

Am Allerseelentag – und im Besonderen in diesem Monat November, übernehmen wir eine geistliche Sorge für Seelen, für die Seelen unserer lieben Verstorbenen, ja aller in Christus Verstorbenen. Sie sind wohl ihres ewigen Heiles sicher, aber es haftet an ihnen noch etwas, was sie von der himmlischen Freude trennt. Es ist ähnlich, wie wir es im Buch Jesaja hören: wie eine "Hülle, die alle Nationen verhüllt, und die Decke, die alle Völker bedeckt" (Jes. 25,7). Den sogenannten Läuterungszustand nach dem Tod können wir uns vorstellen wie das sehnsüchtige Leben unter einer Hülle, durch die hindurch das Licht der ewigen Seligkeit schon wahrnehmbar ist, aber es fehlt die Fähigkeit, diese Hülle so einfach hinweg zunehmen. Der heilige Paulus drückt dies im Römerbrief so aus: die ganze Schöpfung, die "in Geburtswehen liegt", seufzt und wartet auf die volle Erlösung (cf. Röm. 8,22). Ganz intensiv durchleben dies die 'Armen Seelen' im Fegefeuer. Der Schmerz der Sehnsucht nach dem Himmel kann ihnen nicht getilgt werden, ja er durchdringt sich so sehr, dass sie sich einerseits keinen anderen Ort wünschen, an dem sie lieber wären, andererseits aber mit dieser Sehnsucht ein büßendes Leiden zu tragen haben. Dies entspricht der Einsicht großer Mystiker des Fegefeuers; Gott hat ihnen diese Einsicht geschenkt, damit wir auf Erden fähig werden, inniger mit unseren Verstorbenen mitzuleben, mitzufühlen, und in Gebet und Opfer uns für sie einzusetzen.
 
Eine besonders kräftige Weise, den Verstorbenen im Blick auf den Himmel etwas Gutes zu tun, besteht in der Darbringung des heiligen Messopfers und unserer gläubigen Teilnahme daran. Denn jede Messe – so lehrt es das Konzil von Trient – hat eine sühnende Kraft. Das kommt beispielsweise in den Hochgebeten zum Ausdruck, wenn von dem "Opfer unserer Versöhnung" (III. Hochgebet) die Rede ist, oder wenn gebetet wird "Schenke uns gnädig Verzeihung" (I. Hochgebet). Das dürfen wir aber nicht so auffassen, als könnten wir unser eigenes Bemühen, den Verstorbenen Gutes zu tun, billig auf die Messe abschieben. Gott blickt auf unsere Herzen, wenn wir die Messe mitfeiern. Wir müssen uns mit dem Opfer Jesu Christi innig verbinden – in der Haltung der Sühne und Fürbitte für unsere Verstorbenen. Jesus steht im Zentrum der Messe; Er allein ist der Erlöser. Im Johannesevangelium lesen wir: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch Mich."(Joh 14,6) Aber der Herr sagt dabei auch: "Glaubt an Gott, und glaubt an Mich!" (Joh 14,1) Das ist unser Mitgehen, das ist unser Beitrag, unsere Vereinigung mit Jesus. In diesem Glauben halten wir den eucharistisch gegenwärtigen Jesus durch die Hände des Priesters sozusagen dem himmlischen Vater hin – und legen dabei in Vereinigung mit Jesus uns selbst, unser ganzes Leben, mit in die Waagschale vor Gott. "Glaubt an Mich" – das heißt nämlich konsequenterweise: uns selbst loslassen, uns selbst Christus übergeben, uns ganz hineinlegen in das, was auf dem Altar geschieht – und dies im fürbittend-sühnenden Anliegen, es möge den Verstorbenen zugutekommen. Diese Herzenshaltung, dieses Durchleben der Heiligen Messe, ehrt Gott, und Gott antwortet darauf mit seiner Barmherzigkeit: So wird die Hülle, welche die Armen Seelen noch von der himmlischen Freude trennt – bildhaft gesprochen – immer durchsichtiger; ihre Sehnsucht wird dabei umso stärker; intensiver werden dabei Schmerz und Freude zugleich, bis auf einmal der Durchbruch da ist und die Hülle ganz wegfällt.
 
Was wir in diesem Novembermonat den Armen Seelen Gutes tun, das strömt als Segen und Licht auf unsere irdische Situation zurück. Es gibt eine tiefgehende Gnadengemeinschaft zwischen allen Gliedern der Kirche, den hier auf Erden Lebenden, den Verstorbenen im Fegefeuer und den Heiligen im Himmel. Werden im Läuterungsort Hüllen gelichtet, dann ist das eine Grundlage dafür, dass auch hier auf Erden sich im Herzen mancher Menschen Hüllen lichten können.