Cover
»«
Veröffentlicht am
19.05.2021
Autor
Die geistliche Familie "Das Werk"

Wie wirkt Gott?

1. Teil

Jesus sagte zum Apostel Thomas: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,29). Jesus will, dass wir in dieser Seligkeit leben. Er will, dass wir mit den Augen des Glaubens sein machtvolles Wirken in unseren Tagen erkennen, auch wenn es viele Zeichen eines weiter voranschreitenden Glaubensschwundes gibt. Gott will, dass wir wahrnehmen, wie er wirkt und wie wir seinem Wirken die Wege bereiten können. Er hat nicht nur auf vielerlei Weise in diese Welt hineingesprochen (vgl. Hebr 1,1), auf vielerlei Weise wirkt er auch in dieser Welt. Davon soll in dieser Meditation die Rede sein.

Gott wirkt in der Stille und oft durch wenige

Wir brauchen die Stille, um die Herzen anrühren zu können. hl. Mutter Teresa
Die Welt begehrt das, was laut ist und glänzt. Gott hingegen ist oft leise. Er beginnt große Werke mit einzelnen oder mit wenigen. Seine Werke sind am Anfang meist nicht größer als ein Senfkorn, das aber zu einem Baum heranwächst, der größer wird als die anderen Gewächse (vgl. Mt 13,31f.). Deshalb müssen wir ernst nehmen, was Gott in der Seele eines Kindes oder eines jungen Menschen tut. Junge, gläubige Eheleute, die im Vertrauen auf Gott ihren gemeinsamen Lebensweg gehen, sind vielleicht berufen, die Eltern künftiger Heiliger oder großer Männer oder Frauen zu werden. Gott wendet sich durch seinen Heiligen Geist an alle Menschen. Er spricht mit seiner Stimme in das Gewissen aller Menschen. Er tut es auf uns unbekannten Wegen. Große und besondere Werke in der Kirche und in der Welt beginnt er oft in der Stille und lässt sie in der Stille wachsen.
In der Enzyklika Spe salvi zitiert Papst Benedikt XVI. die Worte des heiligen Bernhard von Clairvaux. „Das Menschengeschlecht lebt von wenigen, denn würde es diese nicht geben, würde alle Welt zugrunde gehen“ (Spe salvi 15). Es ist ein Prinzip der Heilsge­schichte, dass Gott große Dinge durch wenige tut. Er macht einzelne Menschen zu Trägern der Erneuerung und zu Kanälen des Segens für viele. Schon im Alten Bund hat der fromme Judas Makkabäus gläubig bekannt: „Es kann leicht sein, dass viele wenigen in die Hände fallen; für den Himmel macht es keinen Unterschied, ob er durch viele oder wenige Rettung bringt. Denn der Sieg im Kampf liegt nicht an der Größe des Heeres, sondern an der Kraft, die vom Himmel kommt“ (1 Makk 3,18f.). Dasselbe erfuhr David, als er gegen Goliath kämpf­te, oder Judith und Ester, die als mutige Frauen ihr Volk gerettet haben. Was Gott für viele will, wird oft von wenigen ausgeführt. Die Kirche hat die Sendung, zu allen Völkern zu gehen und alle Menschen zu Jüngern Christi zu machen. Dennoch ist wahr: Die geistliche Kraft der Kirche hängt nicht allein von der Zahl ihrer Glieder ab. Um seine Werke zu vollbringen, braucht Gott nicht unbedingt viele, sondern gläubige Menschen. Davon war der heilige John Henry Newman überzeugt. Es sagte, es sei ein Merkmal der Vorsehung Gottes, „wenige zu Kanälen seiner Segnungen für viele zu machen. ... Alle großen Werke werden nicht von der Masse, sondern vom tiefverwurzelten Entschluss weniger vollbracht“ (DP I, 321.325). Die wenigen, die einen Auftrag für die vielen haben, müssen aber bereit sein, das eigene „Ich“ zurückzustellen und sich ganz und ohne Zögern dem Willen Gottes zur Verfügung zu stellen.

Gott wirkt unerwartet und anders

Als Paulus nach seiner Bekehrung zum ersten Mal nach Jerusalem kam, wurde er dort nicht mit offenen Armen empfangen. Lukas berichtet uns: „Als er nach Jerusalem kam, versuchte er, sich den Jüngern anzuschließen. Aber alle fürchteten sich vor ihm und konnten nicht glauben, dass er ein Jünger war“ (Apg 9,26). Paulus war ein vollkommen unerwartetes Geschenk des auferstandenen Herrn an die junge Kirche. Niemand hatte gedacht, dass er, der große Christenverfolger, sich bekehren würde. Deshalb begegneten ihm die Jünger des Herrn zuerst mit Skepsis. Wie die Auferstehung Christi selbst ein unerwartetes Ereignis für die Jünger war, so wirkt der auferstandene Herr unerwartet und anders, als wir Menschen denken. Im Lauf der Jahrhunderte hat sich oft gezeigt, dass neues kirchliches Leben unverhofft kommt. Die großen Ordenscharismen waren unerwartete Geschenke an die Kirche. Auch die neuen Gemeinschaften und Bewegungen, die der Kirche heute in vielen Ländern neue Lebenskraft schenken, sind Gaben des Heiligen Geistes, der unaufhörlich Neues wirkt. Gott greift oft unerwartet in die Kirche und in das Leben Einzelner ein.

Gewiss ist es wichtig, sich Gedanken über die Zukunft zu machen und zu planen. Gott nimmt solche Bemühungen ernst, denn „er liebt es nicht, in ein Chaos herabzusteigen“ und „ein Lückenbüßer für unseren mangelnden Einsatz zu sein“ (Mutter Julia). Aber alle menschlichen Überlegungen und Planungen müssen offen bleiben für das, was Gott will und wirkt – auch unerwartet und anders. Die Hirten der Kirche müssen führen und leiten. Sie sollen zugleich auf die unerwarteten Werke Gottes vertrauen. Der Herr sendet Hilfe, wo wir nicht mehr weiter wissen, er bahnt Wege, wo es für uns nicht mehr weitergeht, und er hat Lösungen, wo wir keine sehen. Die ganze Geschichte der Kirche ist auch eine Geschichte der Überraschungen Gottes. Als Jünger des Auferstandenen wollen wir darauf vertrauen, dass er seiner Kirche unaufhörlich neue Lebenskraft schenkt. Er ist der Herr.