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Autor
P. Peter Willi FSO

Gott wird Mensch

einige Gedanken zum Geheimnis der Weihnacht

Leo Tolstoi, der russische Schriftsteller, hat folgende ergreifende Geschichte geschrieben: „Es war einmal ein Herrscher, der viel erlebt hatte. Nun wollte er unbedingt Gott sehen. Und weil er ein absoluter Herrscher war, befahl er seinen Priestern und Weisen, ihm innerhalb einer festgelegten Frist diesen Wunsch zu erfüllen. Doch selbst der Weiseste unter ihnen vermochte dies nicht. Und so erwartete man voll Bangen die Strafe, die der König aussprechen würde. Da kam ein Hirte vom Feld, der von des Königs Befehl gehört hatte, und sagte: ‚Erlaube mir, König, deinen Wunsch zu erfüllen!’ ‚Gut’, entgegnete der König, ‚aber bedenke, es geht um deinen Kopf.’ Der Hirte führte den König auf einen freien Platz und zeigte ihm die Sonne. ‚Sieh hin’, sagte er. Der König hob seine Augen und wollte in die Sonne schauen. Aber der Glanz blendete ihn, und er musste den Kopf senken und die Augen schließen. ‚Willst du, das ich erblinde?’ fragte er verärgert den Hirten. ‚Aber König, das ist doch nur ein kleiner Teil der Schöpfung, ein schwacher Abglanz der Größe Gottes, ein kleines Fünkchen eines flammenden Heeres. Wie willst du mit deinen schwachen, tränenden Augen Gott sehen? Suche ihn mit anderen Augen.’ Der Einfall gefiel dem König. Er sagte zum Hirten: ‚Ich erkenne deinen Geist und sehe die Größe deiner Seele. Antworte nun: Was war vor Gott?’ Nach einigem Nachdenken meinte der Hirte: ‚Bitte, mein König, werde nicht zornig, aber beginne zu zählen!’ Entschlossen sprach der König: ‚Eins, zwei...’ ‚Nein’, unterbrach ihn der Hirte, ‚nicht so, fang mit dem an, was vor eins kommt!’ ‚Wie kann ich denn? Vor eins gibt es doch nichts.’ ‚Sehr weise gesprochen, mein Herr! Auch vor Gott existiert nichts.’ Diese Antwort gefiel dem König noch besser als die erste. ‚Ich werde dich reich beschenken; zuvor aber beantworte mir noch eine dritte Frage: ‚Was macht Gott?’ Der Hirte sah, dass sich des Königs Herz geöffnet hatte, und sagte: ‚Gut, auch darauf will ich dir antworten. Nur um eines bitte ich dich: Lass uns für eine kurze Zeit die Kleider tauschen.’ Der König willigte erstaunt ein, und sie wechselten die Kleider. Da sprach der Hirte schlicht und feierlich: ‚Das macht Gott! Er stieg vom Thron seiner Erhabenheit und wurde einer von uns. Er gibt uns, was Er hat, und nimmt das an, was wir haben und sind.“
 
»Gott gibt uns, was Er hat, und nimmt das an, was wir haben und sind.«
Leo Tolstoi
Die Krippe von Bethlehem bleibt aller Zeiten Wendepunkt, aller Liebe Höhepunkt, aller Anbetung Mittelpunkt, alles Heiles Ausgangspunkt.

Der einfache Hirt und nicht die Priester und großen Gelehrten brachten den absoluten Herrscher zum Staunen über das große und wunderbare Geheimnis Gottes. Mit einfachen Worten sprach der schlichte Hirt über die Größe des Schöpfergottes, über seine Erhabenheit, Ewigkeit und Unendlichkeit. Dieser herrliche und große Gott hat aber etwas ganz Besonderes getan: In seinem Sohn hat er uns Menschen besucht. Ohne sein Gottsein aufzugeben, nahm er die menschliche Natur an, einen Leib wie wir ihn haben, ein Gesicht, wie wir es haben, Denken und Fühlen, wie wir denken und fühlen, Essen und Trinken, wie wir es tun, arbeiten und leiden, wie es auch unser Anteil ist. Er wurde einer von uns und begann sein Erdenleben, wie wir es begonnen haben: hilflos und ganz angewiesen auf die liebende Sorge einer Mutter und eines Vaters. Er wurde einer von uns, ganz wie wir, und doch zugleich ganz Gott. Er wurde uns ganz gleich, aber eines kannte er nicht: die Sünde, die innere Geneigtheit hin zur Sünde. Er kam in diese Welt, um etwas Neues zu beginnen. Er kam, - und jetzt möchte ich es in moderner Sprache sagen – um ein großes Projekt zu starten. Er kam, um das Reich Gottes zu errichten. Der Erzengel Gabriel kündigte dieses „Projekt“ der Jungfrau Maria an, als er sagte: „Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben“ (Lk 1,32.f). Im göttlichen Kind von Bethlehem hat das Reich Gottes begonnen. Es ist ein ganz besonderes Reich. Es ist anders als die Reiche dieser Welt, die Reiche der Menschen, die seit Jahrtausenden kommen und gehen. Und es gibt immer neue Reiche: neue politische Reiche, Staatenzusammenschlüsse, Wirtschaftsimperien, Konsum- und Vergnügungsmetropolen, riesige Konzerne usw. Es gibt in dieser Welt gewaltige Ströme von Geld, Intelligenz, Waffen, Macht, technischem know-how, Ideologien usw.

Das Reich Gottes ist ganz anders. Es ist nicht ein Reich für die Wenigen, für die wenigen Intelligenten, Gescheiten, Schönen, Mächtigen und Privilegierten jeder Art, es ist ein Reich für alle. Sein Reich will den Menschen nicht blenden, sondern innerlich berühren. Die einfachen Hirten, die nach Bethlehem kamen, waren innerlich berührt, aber auch die weisen und klugen Männer, die Sterndeuter, aus dem Osten, die vor dem Kind niedergefallen sind. Jesus Christus war nicht ein Herrscher über die Köpfe hinweg, nein, er begab sich in die Augenhöhe des Menschen, ja noch mehr, er ließ sich von irdischen Eltern tragen, ernähren, erziehen und helfen. Er beugte sich vor den Apostel nieder, um ihnen die Füße zu waschen. Das Reich Gottes baut nicht auf unehrlichen Methoden auf, auf Härte, Schlauheit, Rücksichtslosigkeit, sondern auf Erbarmen, auf Wahrheit, auf Güte, auf Liebe. Das Reich Gottes, das sich in der Kirche verwirklicht, aber auch in Menschen außerhalb der Kirche wächst, lebt im Schatten der großen Imperien dieser Welt. Es ist ein unsichtbares Reich. Er ist anwesend im tiefsten Seelengrund der Menschen. Es ist ein Reich des inneren Friedens, ein Reich der Freude. Um zum Reich Gottes zu gehören, brauchen wir weder Geld noch Intelligenz. Das Eintrittstor heißt Demut und innere Offenheit für den großen gütigen Herrscher, der sich ganz klein gemacht hat. Die Imperien dieser Welt können den Menschen faszinieren, innerlich dauerhaft beglücken und erfüllen kann nur jenes Reich, um dessen Kommen wir in jedem Vater Unser beten. Die großen Imperien dieser Welt bedrohen, ja verfolgen manchmal jene, in denen das Reich Gottes begonnen hat. Und doch hat das Reich Gottes ewigen Bestand. Alle anderen Reiche brechen früher oder später zusammen. In diesen Tagen feiern die Menschen in sehr verschiedener Weise das Weihnachtsfest. Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass wir es in jener Weise tun, die sicher die schönste und beglückendste ist: in der Anbetung des göttlichen Kindes, im Gespräch mit Jesus, in der Erfahrung der Kirche als Familie Gottes, als ein Zuhause für unser irdisches Leben und in der künftigen Welt. Wir tragen etwas im Herzen, das jeden Wert dieser Welt übersteigt: die Liebe des menschgewordenen Wortes Gottes, unseres Herrn Jesus Christus, der in Bethlehem aus der Jungfrau Maria geboren wurde und als wahrer Mensch und wahrer Gott in seiner Kirche anwesend bleibt. Über dieses Wunder wollen in diesen weihnachtlichen Tagen wiederum staunen.

»Er wurde ein Kind, damit du zum vollen Mannesalter reifen könntest. Er wurde eingewickelt in Windeln, damit du herausgewickelt werden könntest aus den Netzen des Todes. Er war auf Erden, damit du unter den Sternen seist. Er hatte keinen Platz in der Herberge, damit du viele Wohnungen im Himmel haben könntest.«
Hl. Ambrosius