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P. Johannes Nebel FSO

Was ist damit gemeint, wenn wir von "Opfer" reden?

"sich selbst Gott als ein lebendiges und heiliges Opfer darbringen..." (Röm 12)

Im 12. Kapitel des Römerbriefes ruft der hl. Paulus uns auf, uns selbst "als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt". Was ist eigentlich damit gemeint, wenn wir von "Opfer" reden?
 
Über das Opfer sagt das Konzil von Trient, dass es eine Wirklichkeit des religiösen Lebens ist, die notwendig zur menschlichen Natur gehört, also dem Menschsein so wesentlich ist, dass sie nicht fehlen darf. Romano Guardini erklärt dies so: Des Menschen "edelste Kraft ... ist die, zu verstehen, dass Höheres über ihm ist; dieses Höhere zu verehren und sich dafür einzusetzen. Der Mensch kann Gott über sich erkennen, kann Ihn anbeten und sich selbst hingeben, 'auf dass Er verherrlicht werde'. Dass aber Gottes Hoheit im Geiste aufleuchte; dass der Mensch nicht selbstsüchtig im Eigenen beharre, sondern sich selbst hingebe, auf dass der Hohe Gott verherrlicht werde, das ist das Opfer."
 
Opfer bedeutet, dass wir etwas Irdisches – im Letzten und im Kern uns selbst – Gott und seinem Wirken überlassen mit dem Ziel, dadurch zur Vereinigung mit Gott zu gelangen. Dabei genügt nicht eine äußere Ersatzleistung, bei der wir selbst im Herzen nicht beteiligt sein müssten; ein echtes Opfer ist erst dann gegeben, wenn unser Ich – auch unsere Neigung zum Egoismus – davon betroffen wird. Ein religiöser Denker des 20. Jahrhunderts sagte einmal, es mache den Wert und den Sinn des Lebens aus, in etwas Größerem aufzugehen als man selbst sei: Genau dies will das Opfer. Es geht dabei um eine freie Initiative, die uns auf die eine oder andere Weise Selbstüberwindung kostet, die uns Liebe abverlangt, eine Initiative der Liebe, die uns selbst so trifft, dass sie nur im Blick auf Gott möglich ist. Dazu lädt uns gerade die Fastenzeit neu ein. Im Opfer wollen wir also im Wirkkreis Gottes aufgehen, der weit größer ist als unsere eigene Möglichkeit. Wenn wir ein Opfer bringen, wird unser eigenes Leben neu mit Gott verbunden, neu ausgerichtet, so dass es in einer Weise fruchtbar wird, die uns sonst nicht erreichbar wäre.
Wir sehen hierbei: Das Opfer hat nichts mit 'Zerstörung' zu tun, wohl aber geht es um einen Aufbruch der begrenzten 'Gleise' unseres menschlichen Denkens und Empfindens hinein in den Wirkkreis Gottes. Gott begegnet uns bei jedem echten Opfer, das wir bringen, neu als 'anders' und 'größer'. Genau das ist der Grund, warum es unsererseits nie ohne Verzicht und Selbstverleugnung geht. Es ist Aufbruch zu dem, was größer ist als wir.
 
Das Opferbringen muss in uns zu einer Opferhaltung werden, also zur Lebenseinstellung. Darin liegt die Erfüllung unseres Lebens, also unser Glück. Nur wer Opfer bringt, kann wirklich glücklich werden. Deshalb ist jedes Opferbringen nicht nur eine Herausforderung für uns, sondern zugleich eine Einübung in jene selige Lebensweise, die Gott für uns im Himmel vorgesehen hat. Im Himmel wird unsere Opferhaltung nicht mehr in einem schmerzvollen 'Aufbruch' zu Gottes Größe verwirklicht, sondern sie wird ein ewiges und restlos glückliches 'Aufgebrochen-Sein' oder 'Geöffnet-Sein' für Gottes Herrlichkeit sein. Dafür lohnt es sich, hier auf Erden immer wieder loszulassen, herzugeben, hinzugeben.
 
Jesus Christus ist es, der dies total gelebt und verwirklicht hat. So hat Er uns erlöst. Wenn wir heute als Christen Opfer bringen, dann sind wir ganz in dem geborgen, was Jesus für uns getan hat. Darin liegt die Bürgschaft, dass es für uns kein Loslassen, kein Hergeben, keinen Verzicht geben kann, mit dem wir aus dem Weg zum wahren Glück herausfallen könnten, im Gegenteil: In Jesus Christus sind wir sicher, dass alles, was wir an Opfern bringen oder was uns in diesem Leben abverlangt wird, wenn wir es großmütig und gläubig tragen, uns mit Ihm, mit seinem Opfer verbindet, und mit seinem Himmel.
Kurzpredigt Vesper Radio Horeb, Montag 2. Fastenwoche
 
»Die Forderung des "Kreuzes" reicht tiefer, sie verlangt, dass ich mein Ich Jesus in die Hände gebe — nicht, damit er es zerstört, sondern damit es in ihm frei und weit wird.«
Joseph Ratzinger