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P. Hermann Geissler FSO

Warum ist Gott ein Kind geworden?

Weihnachten lädt uns ein, wie Maria und Josef und wie die Hirten auf das Kind in der Krippe zu blicken. In dieser Haltung könnten wir dann auch versuchen, etwas vom wunderbaren Plan Gottes mit uns Menschen zu ergründen. Gott ist anders, als wir ihn uns oft vorstellen. „Deus semper maior“, Gott ist immer größer, sagen die Theologen zu allen Zeiten. Und das gilt auch vom Messias, vom Erlöser. Er ist anders und er ist größer, als wir ihn uns auch nur ausdenken können.

Wenn wir in dieser Haltung des Staunens und der Offenheit auf die Krippe schauen, könnte uns etwas vom großen Geheimnis Gottes aufgehen. Wenn das kleine Jesuskind der Sohn Gottes ist, wenn Gott selbst in diesem Kind zu uns kommen wollte, dann muss er uns sehr lieb haben, dann müssen wir ihm wirklich am Herzen liegen. An der Krippe könnte uns aufgehen, worin die Größe Gottes vor allem besteht: in seiner unermesslichen Liebe, die uns immer wieder neu fasziniert. „Gott ist die Liebe“, schreibt Johannes (1 Joh 4,8), und er fügt an: „Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben“ (1 Joh 4,9). In dem so schlichten und unspektakulären Kommen Jesu in die Welt finden die Weissagungen der Propheten und die menschlichen Sehnsüchte nach Gottes Nähe ihre Erfüllung. Nun können wir Gott nahe sein, weil er selbst uns nahe gekommen ist, weil er Kind geworden ist. Nun haben wir Zugang zum Herzen Gottes, zu seiner Liebe, die uns Leben schenkt.
 
Die Liebe hat den großen Gott getrieben, für uns ein kleines Kind zu werden. Auf die Demut, die uns hier entgegenleuchtet, müssen wir in einem zweiten Punkt etwas näher eingehen. Um zu begreifen, weshalb Gott als einfaches Kind in die Welt eintreten wollte, ist es notwendig, für einen Augenblick an den Anfang der Geschichte zurückzukehren. Wie uns die Bibel berichtet, wurden die ersten Menschen, Adam und Eva, von Gott nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen. Sie sollten die ganze Erde verwalten und allein Gott, ihrem Schöpfer, dienen. Doch sie haben sich gegen ihren Schöpfer aufgelehnt. Sie wollten sich von Gott, der ihnen doch das Leben geschenkt hatte, emanzipieren, wollten ganz unabhängig sein. Sie misstrauten Gott und meinten, sein Gebot beschränke ihr Leben und ihre Freiheit. Dieser Hochmut brachte sie zu Fall. Dieser Hochmut entstellte die Harmonie zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen untereinander. Dieser Hochmut schlummert wie ein „Gifttropfen“ (Benedikt XVI.) in jedem Menschen und ist die tiefste Ursache für das Elend in der Welt. Kehren wir jetzt zurück zur Krippe. Dort sehen wir das kleine Kind, das ganz und gar von Maria und Josef abhängig ist. Dieses Kind ist der Sohn Gottes. In diesem Kind ist Gott zu uns Menschen gekommen, hat er sich für uns klein gemacht. Nicht nur ein Mensch, ein hilfloses Kind ist er geworden. Hier können wir etwas vom Größer-Sein Gottes verstehen: Durch die Demut wollte er unseren Hochmut wiedergutmachen, durch die Demut wollte er über unsere Finsternis siegen. Gott hat uns geliebt, wie Johannes schreibt, „und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt“ (1 Joh 4,10). Jesus ist gekommen, um das Herz des Menschen zu heilen, um die Wurzel aller Übel, die Sünde und den Hochmut, zu überwinden.
»Gott ist Mensch geworden, um uns die Gnade der Gotteskindschaft zu verdienen und uns an seinem göttlichen Leben teilhaben zu lassen.«
Mutter Julia

Noch einen dritten Punkt müssen wir wenigstens andeuten. Jesus ist in die Welt gekommen, um uns den rechten Weg zu zeigen. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), so sagt er uns. Er möchte uns nicht nur Lehrer, sondern Vorbild sein – Vorbild in der Liebe und in der Hingabe, Vorbild in der Demut, im Gehorsam, in der Verbundenheit mit dem Vater im Himmel. Ja, noch mehr: Jesus möchte auch in unseren Herzen geboren werden. Der bekannte Dichter Angelus Silesius hat einmal geschrieben: „Wäre Christus tausendmal in Betlehem geboren und nicht in dir, du bleibst doch ewiglich verloren!“ Wie kann Christus in uns geboren werden? – Durch den Glauben und durch den Empfang der Sakramente, vor allem der Taufe, aber auch des Bußsakramentes und der Eucharistie. Petrus schreibt in seinem 2. Brief, dass Jesus in die Welt gekommen ist, damit wir „an der göttlichen Natur Anteil“ erhalten (2 Petr 1,4). Der Herr möchte, dass wir in einer innigen Gemeinschaft des Lebens und der Liebe mit ihm leben. Dies ist ein Geheimnis, das wir mit unserem Verstand nicht begreifen, sondern nur im Glauben annehmen können. Es zeigt uns von neuem die Größe der Liebe Gottes, der durch seinen Sohn zu jedem von uns kommen möchte, und es zeigt uns die wahre Größe des Menschen, der auf Gott hin erschaffen ist und erst in der Gemeinschaft mit Gott die Erfüllung aller seiner Sehnsüchte findet. „Ruhelos ist unser Herz, o Gott, bis es ruhet in dir“, so schreibt Augustinus.

Eingang Geburtskirche Bethlehem
Ein Christ ist ein Mensch, der Christus im Herzen trägt. Jedes Menschenleben kann so gleichsam ein neues Betlehem werden, ein Ort der Gegenwart Gottes. In Christus finden wir den Frieden mit Gott – und so werden wir fähig, in uns und um uns den Frieden zu bringen. Freilich wird der Christ auch auf Widerspruch stoßen. Denn Herodes lebt auch heute. Er lebt in jenen, die Angst haben vor dem Herrn und in ihrem Wahn andere Menschen, geborene und ungeborene, beseitigen. Herodes lebt in jenen, die den Christen nachstellen, sie verfolgen oder sie belächeln und verspotten. Doch bei alldem weiß sich der Gläubige nicht allein, denn Christus hat verheißen: „Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Wenn wir mit den Augen des Herzens auf die Krippe schauen, dann könnte uns aufgehen, welches Geschenk es ist, ein Christ sein zu dürfen. Dann könnten wir verstehen, weshalb Papst Leo der Große in einer Weihnachtspredigt ausrufen konnte: „Christ, erkenne deine Würde!“ Dann könnten wir tiefer verstehen, wie kostbar wir in den Augen Gottes sind, wie sehr er uns liebt.
»Erhebst du dich, so zieht ER sich zurück, beugst du dich nieder, so neigt ER sich zu dir herab. «
Hl. Augustinus