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P. Peter Willi FSO

Vergangenheit und Zukunft in Gottes Hände legen

Zum 20. Todestag von Mutter Julia Verhaeghe, Gründerin der geistlichen Familie „Das Werk“, 29. August 2017

Am Morgen des 29. August 1997, als die Gemeinschaft zur Messe in der Kirche des Klosters Thalbach versammelt war, verstarb Mutter Julia. Während im Hintergrund durch den kleinen Lautsprecher die Stimme des Priesters zu hören war, der die Wandlungsworte sprach, gab sie ihr Leben Gott zurück. Sie trat heraus aus dem Strom der Zeit und trat ein in das ewige Jetzt. Im künftigen Leben gibt es ja keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr, sondern nur das ewige Jetzt. Solange sich unser Leben in den Koordinaten von Raum und Zeit bewegt, gibt es Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich möchte einmal drei Fragen stellen, die jeden von uns angehen: Wie stehe ich zu meiner Vergangenheit? Wie gehe ich mit der Gegenwart um? Wie sehe ich die Zukunft? Bei der Beantwortung dieser drei Fragen, die natürlich nur fragmentarisch sein kann, wollen wir uns vom Apostel Paulus, dem Patron des „Werkes“ und von Mutter Julia inspirieren lassen.

Wie stehe ich zu meiner Vergangenheit?

hl. Paulus, Ikone in Ariccia (Casa del Divin Maestro)

Mutter Julia war immer fasziniert von der Glaubenshaltung des großen Völkerapostels im Blick auf seine Vergangenheit. Im Licht Christi, der ihm vor den Toren von Damaskus erschienen ist, hat er das ganze Ausmaß seiner Ungerechtigkeit und seines Hasses gegenüber den Christen erkannt. Er hätte daran zerbrechen oder in der Zerknirschung des Herzens und in der Selbstanklage den Lebensmut verlieren können. Er hat es nicht getan. Im Gegenteil: Er bekannte: „Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt“ (Phil 3,13). Wie war es ihm möglich, so etwas zu sagen und zum großen Apostel zu werden? Aus eigener Kraft hätte er dies nicht gekonnt. Dieser bewundernswerte Neuanfang war ihm möglich, weil er sich dem Erbarmen Gottes ohne wenn und aber übergeben hat. Er hat sich von seiner Schuld erlösen lassen, er hat sich Jesus Christus, seinem Erlöser, übergeben. Aus eigener Erfahrung konnte er bekennen: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden“ (2 Kor 5,17). Der auferstandene und gekreuzigte Herr hat ihn innerlich gereinigt und befähigt, mit seiner Vergangenheit abzuschließen und im Frieden seinen Weg fortzusetzen. Es gab nicht nur die dunkle Seite in seiner Vergangenheit, es gab auch viel Gutes: sein Eifer für Gott und das Gesetz, seine Treue zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, seine Suche nach Gott. Aber in einer Art geistiger Blindheit hat er sich zu Taten hinreißen lassen, die den ersten Christen unglaublich viel Leid zugefügt haben. Paulus ist ein großes Vorbild gläubiger Vergangenheitsbewältigung. Zum gläubigen Blick auf die Vergangenheit gehört zuerst die Dankbarkeit für alles, was auf dem bisherigen Leben gut war, für alles, was Geschenk und Gnade war, für alles, was wir Gutes tun konnten. In jeder Lebensgeschichte gibt es aber auch Unvollkommenes, Mangelhaftes, Schuldhaftes. Es gibt Versäumnisse und Irrwege, es gibt verpasste Chancen, es gibt falsche oder versäumte Entscheidungen. Es gibt Träume und Pläne, die nicht in Erfüllung gegangen sind oder nicht realistisch waren. Von Mensch zu Mensch sieht der Befund über das Vergangene verschieden aus. Aber wer hätte keinen Grund, sich dem Erbarmen Gottes zu übergeben? Immer wieder sind Menschen blockiert, weil sie sich selbst oder anderen nicht verzeihen können, weil sie klagen und verurteilen, weil sie analysieren oder von der bohrenden „Warum“ Frage nicht ablassen können. Der Glaube bot dem Paulus einen befreienden Weg, der Glaube bietet auch jedem von uns einen erlösenden Weg an. Dieser Weg lautet: Hingabe an die barmherzige Liebe Gottes, Übergabe des eigenen Lebens an die erlösende Kraft des Leidens Christi. Es gibt nicht wenige Menschen, die mit ihrer Vergangenheit hadern und sie wie eine Last mitschleppen. Christus, der Erlöser, aber eröffnet Wege in die Zukunft. Mutter Julia sagte einmal: „Wir müssen uns bedingungslos Gottes barmherziger Liebe ausliefern“. Wenn wir das tun, können wir im Frieden mit unserer Vergangenheit leben.

Wie sehe ich die Zukunft?

Am Horizont der Zukunft leuchtet für den Christen ein wunderbares Ziel auf: Jesus Christus

Die Zukunft erscheint uns oft wie ein ungewisses und unbekanntes Land. Schlagartig kann alles anders kommen, als wir sie geplant und gedacht haben. Doch am Horizont der Zukunft leuchtet für den Christen ein wunderbares Ziel auf. Paulus ging auf dieses Ziel zu und wollte viele andere mitnehmen, damit sie es ebenso erreichen. Er schreibt: „Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt“ (Phil 3,14). Dieses großartige Ziel der ewigen und endgültigen Vereinigung mit Christus liegt nicht in der Zeit, leuchtet aber in die Zeit herein. Dieses Ziel erhellt nicht alle Ungewissheiten und alles Unbekannte unseres Lebensweges, aber es sagt uns: Wenn du in Deinem Leben geliebt hast, dann wird sich alles zum Guten wenden. Wenn du mit Christus gelebt hast und treu geblieben bist, dann mündet alles ein in eine Freude, die nicht vergeht. Paulus war erfüllt von dieser Gewissheit schrieb deshalb den Römern: „Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind“ (Röm 8,28). Solche Worte beflügeln, solche Worte sind eine enorme Antriebskraft, um das Leben anzupacken. Das sehen wir im Leben von Mutter Julia. Sie schrieb einmal ihrem geistlichen Begleiter, dass sie den Todestag als den schönsten Tag ihres Lebens erwarte, ja, dass sie sich sogar danach sehnt, weil sie dann dem Herrn begegnen werde von Angesicht zu Angesicht. Aber diese Sehnsucht machte sie nicht träumerisch und untätig für den Ruf zur Tat und zur Hingabe im Hier und Jetzt. Deshalb schreibt sie: „Diese Sehnsucht hält mich nicht von meinem Auftrag im ‚Werk’ ab. Im Gegenteil, sie lässt mich noch mehr liebevoll und herzlich leben, klug und wachsam gegenüber jenen, die ich kenne, ob sie weit weg oder in der Nähe sind. Diese Sehnsucht lässt mich mit größerer Geduld und Treue ... leben“.

Manchmal schauen wir mit Zuversicht in die Zukunft, manchmal mit Sorgen, oft denken wir überhaupt nicht an das Ende des Lebens und manchmal überkommt uns Bangen. Manchmal fühlen wir uns stark und manchmal schrecken wir vor uns selbst zurück. Vor kurzem sagte mir ein Priester, der im kommenden Jahr sein goldenes Priesterjubiläum feiert: „Als ich Neupriester war, hatte ich Angst, dass ich untreu werden könnte. Daraufhin sagte mir ein erfahrener alter Priester: Du brauchst keine Angst zu haben, wenn du in den kleinen Dingen treu bleibst.“ Als Christen können wir die Zukunft gelassen in die Hände Gottes legen, wir werden aber umso wachsamer die Gegenwart nützen. Und damit kommen wir zur dritten und eigentlich wichtigsten Frage:

Wie gehe ich mit der Gegenwart um?

Mutter Julia Verhaeghe, Portrait von Dina Bellotti

Finden wir da bei Paulus eine Antwort? Ja, zum Beispiel im Aufruf: „Nutzt die Zeit“ (Kol 4,5). Wir verfügen nicht mehr über die Vergangenheit und verfügen nicht über die Zukunft, wohl aber über die Gegenwart, über das kostbare Hier, Jetzt und Heute. Diese Worte gebrauchte Mutter Julia gerne: hier, jetzt und heute. Ich habe Mutter Julia nie als einen gestressten Menschen erlebt. Das konnte auch nicht sein, wenn man Stress auf folgende Weise definiert: „Stress ist eine Überbelastung des Menschen bei gleichzeitiger Erfahrung der Sinnlosigkeit.“ Der glaubende Mensch erfährt sein Leben nicht als sinnlos und leer. Er kann allem einen Sinn geben. Er muss nicht unbedingt „gestresst“ sein, selbst wenn er viel Arbeit hat. Mutter Julia hat die Last des Lebens getragen. Manchmal war diese Last übergroß, aber sie hat sie nicht erdrückt. Sie kannte jene Erfahrung, die Paulus so treffend formuliert hat: „Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet“ (2 Kor 4,8f). Mutter Julia trug nicht das Kreuz einer selbstgebastelten Hektik, wohl aber die süße Last des liebenden Menschen. Die vielen Initiativen der Liebe haben ihre Tage ausgefüllt. Das Verlangen, den Willen Gottes zu tun, und das Gebetsleben bewahrten sie zugleich davor, ein „Workaholic“ zu werden, d.h. ein Mensch, dem die Arbeit wie eine Droge geworden ist. Bei Paulus gibt es folgendes wunderbares Wort: „Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im voraus bereitet hat“ (Eph 2,10). Es kommt also darauf an, dass wir im Hier, Jetzt und Heute die guten Werke tun, die Gott für jeden von uns im voraus bereitet hat. Für jeden von uns hat er einen Lebensplan. Dieser Liebesplan Gottes begegnet uns vor allem in den täglichen Pflichten. Wenn wir uns vom inneren Licht eines lauteren Gewissen führen lassen, dann erkennen wir Schritt für Schritt was wir im Leben zu erfüllen haben, jede und jeder ganz persönlich.

Im September beginnt für viele wieder ein neues Arbeitsjahr, ein Schuljahr, ein Seelsorgsjahr. Was wird es alles bringen? Manches wissen wir, manches nicht. Gott weiß alles, und er wird uns Schritt für Schritt erkennen lassen, was für uns wichtig ist. Fangen wir mit gläubiger Zuversicht an und machen wir mit Vertrauen weiter! Nützen wir jeden Tag! Hüten wir uns davor, dass wir Dinge aufschieben, die wir jetzt tun können und tun sollen! Vertrödeln wir nicht Zeit! Lassen wir uns nicht ablenken vom Wesentlichen und vom Entscheidenden! Die Lebenstage der Heiligen hatten nicht mehr als 24 Stunden, aber sie haben sich darin geübt, sie mit den Werken Gottes auszufüllen – in Glaube und Liebe. Dem glaubenden Menschen ist es möglich, im Frieden mit der Vergangenheit zu leben, mit Zuversicht in die Zukunft zu gehen und mit wachem Geist und Sinn die Gegenwart zu nützen. Ich schließe ab mit einem ermutigenden Wort von Mutter Julia: „In der Aufgabe, die er dir jetzt anvertraut, ist er für dich da. Du musst das Vergangene und die Zukunft in seine Hand legen und dich nicht weiter darum kümmern“.
»Fang an mit einem einsatzbereiten Glauben, mache weiter mit einem mutigen Vertrauen. Harre aus in dienender Liebe.«
Mutter Julia