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P. Burkhard Feuerstein FSO

Unkraut und Weizen

oder das Problem mit den Grautönen

Im Evangelium vom 16. Sonntag im Jahreskreis (Mt 13,24-43 ) erzählt der Herr uns drei Gleichnisse. Ihr Inhalt ist das Himmelreich. Der Himmel und die Dinge Gottes können in dieser Welt nur durch Bilder und Gleichnisse von verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Der Himmel ist für uns etwas Geheimnisvolles. Wir können das Wachstum im Glauben und das Hören von Gottes Stimme, die zu uns und zu anderen Menschen spricht, oft nur erahnen. Niemand möge meinen, dass er das Wort des Herrn oder seinen Willen für sich oder andere jemals vollständig in den Griff bekomme. Die Gleichnisse vom Himmelreich sollen wir mit großem Interesse und mit Bereitschaft hören, weil sie uns von den Gesetzen innerhalb des Geheimnisvollen künden.

1. Der geduldige und hoffnungsvolle Sämann

Wir erinnern uns an das Gleichnis vom Sämann. Er steht vor uns als ein Mann von großer Ausdauer. Der Same fällt auf unterschiedlichen Boden: auf den Weg, wo es der Böse jenen, die das Wort nicht verstehen, sofort wieder wegnimmt; auf felsigen Boden, wo das Wort freudig aufgenommen wird, aber wegen mangelnder Wurzeln unbeständig ist und in Bedrängnis und Verfolgung zu Fall kommt; in die Dornen, wo das Wort vom trügerischen Reichtum und von den Sorgen der Welt erstickt wird. Doch selbst auf dem guten Boden gibt es Bedrängnis, die das Wachstum der Saat von allem Anfang an begleitet: das Unkraut. Der Sämann lässt sich davon nicht beirren. Er sät aus, obwohl er das alles weiß. Das Wissen und die Hoffnung auf die aufgehende Saat und die zu erwartende Frucht macht allen Einsatz und allen Verlust wegen ungünstiger Bedingungen bei weitem wett. Er kann es sogar noch ertragen, dass mit der Saat das Unkraut hochwächst. Das zeichnet den Sämann aus, der im Gleichnis für Gott steht. Er ist geduldig und hoffnungsvoll. Sind das auch jene Haltungen, die uns als die Kinder des Sämannes auszeichnen? Gott scheint vieles in Kauf zu nehmen. Können wir es nicht auch? Das Reich Gottes wächst nicht erst unter perfekten Bedingungen heran. Es ist in diesem Sinne kein Vorzeigebetrieb.

2. Damit die Guten sich in Geduld üben

Das Gleichnis Jesu vom Unkraut und vom Weizen war in der christlichen Antike Gegenstand eines denkwürdigen Disputs, dem man auch heute Beachtung schenken sollte. Es gab die sektiererischen Geister, die Donatisten, die die Angelegenheit in zu vereinfachter Weise lösten. Auf der einen Seite die Kirche (ihre Kirche!), die nur aus Vollkommenen bestand; auf der anderen Seite die Welt voller Kinder des Teufels, ohne Hoffnung auf Heil. Ihnen widersetzte sich der hl. Augustinus: der Acker ist das Symbol der Welt, aber auch die Kirche; der Ort, an dem eng nebeneinander Heilige und Sünder leben und wo es Raum zum Wachsen und zur Umkehr und vor allem zur Nachahmung der Geduld Gottes gibt. „Die Bösen“, so sagte der hl. Kirchenlehre von Hippo, „gibt es deshalb, damit sie umkehren oder durch sie die Guten sich in der Geduld üben.“

3. Die Kirche trägt mich in der Erwartung, dass ich besser werde.

Die Ärgernisse, die ab und zu die Kirche erschüttern und von denen wir Kenntnis erhalten, machen uns traurig. Sie dürfen uns jedoch nicht zu sehr überraschen. Die Kirche ist aus Menschen gemacht. Sie besteht auf dieser Erde niemals nur aus ganz und gar Vollkommenen. Daher sind Unkraut niemals nur „die anderen“. Auch in einem jeden von uns ist es vorhanden, nicht nur als etwas Allgemeines in der Welt und in der Kirche. Dieser Tatsache trägt ein Wort von Erasmus von Rotterdam Rechnung, der zum Reformator Martin Luther gesagt haben soll, als dieser ihn getadelt hatte, dass er trotz der Erfahrung der Verderbnis und des zu Tadelnden in der katholischen Kirche verbleibe: „Ich ertrage diese Kirche in der Hoffnung, dass sie besser wird, da auch sie gezwungen ist, mich in der Erwartung zu ertragen, dass ich besser werde.“

4. Weil du über Stärke verfügst

Die Geduld Gottes ist nicht einfach nur „Geduld“. Sie ist Langmut, Erbarmen, Vertrauen, Heilswillen.
 
 
 
Das wichtigste Thema des heutigen Gleichnisses ist weder der Weizen noch das Unkraut, sondern die Geduld Gottes. Die Liturgie hebt das durch die Wahl der ersten Lesung hervor, einen Hymnus auf die Kraft Gottes, die sich als Geduld und Nachsicht offenbart. „Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Nachsicht; denn die Macht steht dir zur Verfügung, wann immer du willst. Durch solches Handeln hast du dein Volk gelehrt, dass der Gerechte menschenfreundlich sein muss, und hast deinen Söhnen die Hoffnung geschenkt, dass du den Sündern die Umkehr gewährst.“ Die Geduld Gottes ist nicht einfach nur „Geduld“, das heißt ein Warten auf den Tag des Gerichts für uns, um mit größerer Befriedigung zu bestrafen. Sie ist Langmut, Erbarmen, Vertrauen, Heilswillen.

5. Der richtige Abstand offenbart den größeren Plan

Einer der stärksten Anlässe zur Verlegenheit für die Christen und zur Ablehnung Gottes seitens der Nichtgläubigen ist immer die „Unordnung“ gewesen, die in der Welt herrscht. „Warum tut euer Gott nichts? Warum greift er nicht ein“, so lauten Frage und Vorwurf. Das Buch Kohelet, das so oft den Zweifelnden und Skeptikern Stimme verleiht, merkt an: „Noch etwas habe ich beobachtet unter der Sonne: An der Stätte, wo man Urteil spricht, geschieht Unrecht; an der Stätte, wo man gerechtes Urteil sprechen sollte, geschieht Unrecht. Beides - wie bei allen Menschen. Aber ein und dasselbe Geschick trifft den Gesetzestreuen und den Gesetzesbrecher, den Guten, den Reinen und den Unreinen, den Opfernden und den, der nicht opfert. Dem Guten ergeht es wie dem Sünder, dem Schwörenden ebenso wie dem, der den Schwur scheut“ (Koh 3,16; 9,2). In allen Zeiten wurde der Triumph der Ungerechtigkeit und die Erniedrigung der Unschuld gesehen. Die Antwort auf diesen Skandal hatte aber schon der Verfasser des Buchs Kohelet gefunden: „Da dachte ich mir: Gott ist es, der den Unschuldigen wie den Schuldigen verurteilt. Denn eine bestimmte Zeit für jedes Geschehen und für jedes Tun gibt es (auch) dort“ (Koh 3,17). Das ist es, was Jesus im Gleichnis „die Zeit der Ernte“ nennt. Es handelt sich mit anderen Worten darum, die rechte Sicht angesichts der Wirklichkeit zu finden, die Dinge im Licht der Ewigkeit zu sehen. Es geschieht wie bei gewissen modernen Gemälden, die aus der Nähe betrachtet wie ein wirres Zusammenspiel von Farben ohne Sinn und Ordnung erscheinen, die aber, aus dem richtigen Abstand heraus betrachtet, einen größeren Plan offenbaren.

6. Das Problem mit den Grautönen

Schon sehr bald nach Beginn seiner Verkündigung weiß Jesus, dass seine Jünger keine Heiligen sind, nicht nur rein, sondern auch korrupt, schmierig, sogar verdorben. Das Hauptproblem scheint auch darin zu bestehen, dass man als gewöhnlicher Christ zwischen schwarzen, grauen und weißen Schafen nicht sicher und nicht abschließend entscheiden kann. Die wahre Farbe der moralischen Qualität ist unsichtbar. Auch schon zur Zeit Jesu bestand das Problem einer unglaubwürdigen Gemeinde. Viele Jünger dachten, das Problem sei durch Entfernung lösbar. Andere verweisen auf die biologische Lösung und erklären: Wenn dieser oder jener Mensch erst einmal nicht mehr ist, wird sich alles klären und besser werden. Aber: die verschiedenen Abstufungen von Grautönen bleiben. Der Herr würde im Sinne des Gleichnisses vom Unkraut unter dem Weizen wohl als den Zeitpunkt das Ende der Welt angeben. Denn unser Urteil ist selten so klar und rein, so ohne Ansehen der Person, dass wir damit den oder die Richtigen treffen und den Schattierungen von Weiß und Schwarz ganz gerecht werden. Die nötige Klarheit und Gerechtigkeit liegt allein bei Gott.
 
Das Gleichnis vom Unkraut zwischen dem Weizen bleibt eine innerliche Herausforderung für den Christen. Wir werden es am ehesten verstehen und annehmen können, wenn wir vor dem Unkraut nicht erschrecken und trotz allem den Sämann nicht vergessen, der gut und langmütig ist und auf die Wachstumskraft des Gesäten, sich durchsetzenden und hochkommenden Samens vertraut - und der zu seiner Zeit auch die Scheidung von Unkraut und Weizen durchführen wird. Trauen wir es dem, der die Zeit geschaffen hat und in seinen Händen hält, auch zu, dass er immer auch eine Zeit der Scheidung vorgesehen hat.
»Mit Dir selbst hab Geduld - Gott hat sie auch.«
Edith Stein