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Veröffentlicht am
15.03.2020
Autor
P. Johannes Nebel FSO

Über die christliche Vergebung - Teil 5

Über die christliche Vergebung - Teil 1
Über die christliche Vergebung - Teil 2
Über die christliche Vergebung - Teil 3
Über die christliche Vergebung - Teil 4

Die Bedeutung des persönlichen Gottesverhältnisses

 
Das Nicht-mehr-Kennen eines persönlichen Schadens oder das Bejahen eines schwerwiegenden Schadens ist nur in einer bewussten Vertiefung unserer Gottesbeziehung möglich. In jedem erlittenen Unrecht ergeht für uns daher die dankbare Einladung, in unserem Gottesverhältnis zu wachsen, innerlich offener zu werden dafür, dass Gott eigentlich das einzige wahre Gut unseres Lebens ist, dass die Gestalt dieser Welt, an die wir im Leben vielfältig gebunden sind, einmal völlig vergehen wird (vgl. 1 Kor 7,31), dass Gott für uns im Himmel auf immer und ewig das einzige Glück sein wird. Das echte und volle Vergeben ist also nur aus Gott möglich, und je größer in unserem Herzen unser Gottesbild ist, umso vergebungsfähiger sind wir. So lesen wir nochmals im Buch Jesus Sirach: "Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft, denk an Untergang und Tod und bleib den Geboten treu!" (Sir 28,6). Ja, dem Tod gehen wir alle entgegen. Und in den Tod können wir nichts aus dieser Welt mitnehmen - weder materielle noch geistige Güter, weder Ehre und Lob, noch Anerkennung oder Nachruhm (vgl. Ps 49,18; 1 Tim 6,7). Im Hebräerbrief lesen wir: "Alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden" (Hebr 4,13). Angesichts des Todes relativiert sich also jeder Schaden, den wir durch Unrecht in dieser Welt erleiden können. Das einzige, was den Tod überdauert, ist unsere Gottesbeziehung, die wir auf Erden aufgebaut haben. Und "Gott ist Liebe" (1 Joh 4,8). Alles, was wirklich aus Liebe geschehen ist, hat einen Wert für die Ewigkeit, und sei es die verborgenste Tat. Deshalb ist jeder Augenblick, für den wir auf Erden verantwortlich sind, bedeutsam für die Ewigkeit. Jedes Nicht-Verzeihen bedeutet, dass wir an das irdische Gut, das im Unrecht geschädigt wurde, geklammert bleiben. Daher bedeutet jedes Nicht-Verzeihen, dass wir mehr an diese Welt als an das Reich Gottes gebunden sind. Jesus aber sagt: "Sucht zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben" (Mt 6,33). Jedes Nicht-Verzeihen kommt vor allem aus einem Mangel an Gottes- und Nächstenliebe und aus einer ungeordneten Eigenliebe.

Die Früchte echter Vergebung

Vergiß-mein-nicht
Das echte Vergeben hingegen bringt in uns viele gute Früchte hervor. Wir werden gotterfüllter und friedvoller. Darin leuchtet auch auf, dass die Vergebungsfähigkeit ein Gnadengeschenk Gottes ist. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir die Kraft haben, anderen zu vergeben. Daher dürfen und sollen wir die Vergebungsbereitschaft von Gott demütig erbitten, sowohl für uns als auch und für unsere Mitmenschen, für die uns Anvertrauten, ja sogar für die nach uns kommenden Menschen. Wenn wir zur echten Vergebung kommen, nimmt das unruhige Begehren nach irdischen Dingen ab, und wir können das Leben sozusagen von einer höheren Warte aus überblicken, mehr und mehr mit den Augen Gottes, und dazu sind wir kraft der Taufe berufen. Vor allem werden wir offen für den wahren Blick auf uns selbst. Indem wir uns nämlich durch das "Nicht-mehr-Kennen" des Schadens, den wir im Unrecht erlitten haben, von irdischen Dingen lösen, lösen wir uns auch davon, uns an unser Ich und unseren Egoismus zu klammern. So werden wir gemeinschaftlich im Denken und Fühlen, und auch bereit zu einem aussöhnenden Gespräch. Wir können solch ein Gespräch nämlich nur führen, ja überhaupt nur beginnen, wenn wir vorweg im Herzen schon vergeben haben – sonst wird aus dem Gespräch ein Streitgespräch. Das versöhnende Gespräch kann freilich unsere stille Vergebung im Herzen untermauern, vertiefen und verfestigen.
 
Hier ist nun noch der Fall zu berücksichtigen, dass ein solches Aussöhnungsgespräch nur vom guten Willen einer Seite getragen ist, während die andere Seite nicht bereit ist, sich zu versöhnen. Ein solches Gespräch kann eine leidvolle Erfahrung sein: das Scheitern eines Versuches zu einem neuen Anfang, die Unmöglichkeit, zum Herzen des anderen eine neue Brücke zu bauen. So etwas kann dann auf uns selbst zurückfallen in dem Sinne, dass wir uns einen Selbstvorwurf machen, weiterhin schuld zu sein an einem andauernden Konflikt mit dem anderen. Dieser Selbstvorwurf ist aber nicht richtig; er hat vor den Augen Gottes keinen Bestand. Denn die Vergebung und die Aussöhnung muss man sich vorstellen wie eine Doppeltür, die von einem Zimmer in ein anderes führt. Die beiden Zimmer sind die beiden Herzen, die miteinander in Konflikt stehen. Aber jedes Menschenherz trägt nur für die eigene Tür Verantwortung. Wenn ich also vergebungs- und versöhnungsbereit bin und von dieser Doppeltür meine eigene Tür öffne, dann habe ich meinen Teil getan und darf in Frieden vor Gott leben. Die Öffnung der zweiten Tür der Doppeltür, die dem Zimmer des Herzens des anderen zugehört, ist Verantwortung des anderen. Dafür kann ich letztlich nur beten, und ich kann versuchen, es dem anderen durch eine liebenswürdige und tadellose persönliche Lebensführung leichter zu machen, auf mich einzugehen. In diesem Sinne habe ich freilich doch eine Mitverantwortung für den anderen, dass es ihm nicht zu schwer fällt, auch die Tür seines Herzens mir gegenüber zu öffnen. Umgekehrt freilich soll es mich beschämen, wenn der andere seine Tür aufmacht und ich selbst die nötige Liebe nicht aufbringe, auch meine Tür aufzutun. Die Bereitschaft zu Vergebung und Versöhnung ist also Verantwortung von uns allen; wir dürfen diese Verantwortung nicht einfach auf andere abschieben. Oder anders ausgedrückt: Den Anfang für das Öffnen der Doppeltür muss ich selbst setzen; ich darf nicht warten, bis der andere damit beginnt.
»Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft, denk an Untergang und Tod und bleib den Geboten treu!«
Jesus Sirach 28,6