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Veröffentlicht am
24.02.2020
Autor
P. Johannes Nebel FSO

Über die christliche Vergebung - Teil 4

Das eigentliche Wesen der Vergebung

Über die christliche Vergebung - Teil 1
Über die christliche Vergebung - Teil 2
Über die christliche Vergebung - Teil 3
 
 
Das Gebet ist nicht die einzige Antwort auf die Frage nach dem Umgang mit dem Nächsten im Konfliktfall. Es bleibt ja noch der Schmerz über das erlittene Unrecht zurück. Den können wir nicht einfach wegzaubern oder wegdenken. Wenn wir diesen Schmerz nicht auf den Nächsten abladen dürfen, wie sollen wir mit dem Schmerz umgehen, um nicht im Groll alles in unser Herz hinein zu graben und die Lebensfreude in uns zu schwächen? Hierauf sei nun eine Antwort versucht. Jedes echte Unrecht bringt uns irgend einen irdisch bemessbaren Schaden ein, sei dies ein materieller Verlust, ein geistiger Verlust, der Verlust einer guten Gelegenheit, einer Chance, die Schädigung unseres Rufes, die Verletzung des gesunden Gerechtigkeits-empfindens, die Verletzung der Ehre, das Nicht-Beachtet-werden unseres Einsatzes, und vieles mehr. Weil also bei einem Unrecht, das wir erleiden, immer irgendein persönlicher Schaden vorhanden ist, hängt die Fähigkeit zu vergeben zusammen mit unserem inneren Verhältnis zu dem entstandenen Schaden. Wir können nur dann wirklich vergeben, wenn wir die Fähigkeit haben, uns von dem Gut, das durch das Unrecht geschädigt ist, innerlich zu lösen. Jedes erlittene Unrecht dürfen wir deshalb auch als eine Fügung der Vorsehung Gottes auffassen, in der uns Gott in seiner weisen Pädagogik von zu starken Bindungen an liebgewordene irdische Güter lösen – erlösen will.
Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung. Mal 3,20
Dem anderen Menschen vergeben – das heißt, nicht mehr auf den Schaden blicken, der mir durch das Unrecht entstanden ist. Die lateinische Sprache kennt zwei abgründig schöne Wörter für "vergeben": Das eine heißt "ignòscere" – übersetzt "nicht (mehr) kennen"; das andere heißt "perdonare" – übersetzt "schenken". Wer vergibt, der kennt den entstandenen Schaden nicht mehr und ist deshalb in der Lage, dem anderen, der Unrecht getan hat, die Schuld zu schenken, also keine Wiedergutmachung zu verlangen oder zu erwarten. Doch das Schenken der Schuld bedeutet nicht nur den Verzicht auf Wiedergutmachung: Wenn wir dem anderen die Schuld wirklich schenken, dann verzichten wir auch darauf, dass der andere sich bei mir entschuldigt. Das wahre Vergeben ist also unabhängig davon, wie der andere mit seiner Schuld umgeht. Und noch einen Schritt weiter müssen wir gehen: Wer einem anderen wirklich die Schuld schenkt, verzichtet auch darauf, dass der andere überhaupt seine Schuld einsieht. Wahre Vergebung ist somit auch unabhängig davon, wie weit dem anderen die Schuld überhaupt bewusst ist. Die Schuld schenken, bedeutet also, nichts, gar nichts vom anderen im Hinblick auf das Unrecht erwarten, einfach – schenken, weil man den entstandenen Schaden nicht mehr kennt. Hierzu gibt es ein schönes Wort von Mutter Julia: "Lasst es heute der Tag sein, an dem wir für immer abschließen mit dem Vergangenen, mit dem, was vorüber ist. Lasst uns heute alles vergessen, was wir in den vergangenen Jahren in unserem Gedächtnis aufgespeichert haben." Diesen Gedächtnisspeicher vergleicht Mutter Julia mit einem Buch, worin wir unsere Erfahrungen mit eigenem Versagen und jenem der anderen treulich notiert haben. Dieses Buch gilt es zu verbrennen. Je größer das erlittene Unrecht und das persönliche Versagen waren, umso höher möge nun die Flamme der Verbrennung lohen. Dieses Feuer ist für Mutter Julia jedoch nichts anderes als die Kehrseite der barmherzigen Liebe Gottes, die in unseren Herzen zunimmt gemäß der Größe des Feuers der Vergebung. Es geht Mutter Julia also um das Feuer der barmherzigen Liebe Gottes, das in unseren Herzen kraftvoll aufflammen soll. Da es sich um ein Feuer erlösender Liebe handelt, gibt es bei Schuld und Vergebung auch nicht Sieger und Besiegte, sondern das Ergebnis ist Gnade und Segen für alle (vgl. Mutter Julia). Wie wird die hier beschriebene Herzenshaltung in unserem täglichen Leben konkret? Wir verwirklichen diesen Aufruf nicht nur, wenn wir größere Dinge anderen zu vergeben haben, sondern auch, indem wir uns (sofern es nicht um wirklich gewichtige Bedenken geht) jener 'inneren Kommentare' enthalten, die wir, manchmal sogar unterbewusst, im Hinblick auf den anderen in uns tragen, so beispielsweise: "ach, in diesem Punkt darf ich diese Person nicht fragen", oder "ah, der oder die macht das, na, dann kann es ja noch lange dauern", oder "muss es gerade diese Person sein, mit der ich meinen Auftrag jetzt erfülle?", oder "das sagt er ja nur, weil...", und manches andere. Wenn wir uns bemühen, diese 'inneren Kommentare' in unserem Leben zu überwinden, dann kann Wirklichkeit werden, was Mutter Julia als Frucht wahrer Vergebung vorschwebt, nämlich dass wir uns so begegnen, als wäre es das erste Mal. Wenn wir dorthin gelangen, dann wird für alle das Leben leichter und der Zugang zu Christus freier und einfacher, dann wächst in allen die Bereitschaft zu Umkehr und Demut, und das gemeinsame Zeugnis für die Herrlichkeit des Christseins und der Kirche wird glaubwürdiger.
»Ist es denn etwas so Besonderes, wenn wir auf dem Weg zur Vollkommenheit hin und wieder stolpern? Dann danke Gott für diese Erkenntnis und jammere nicht so viel.«
hl. Franz von Sales
Vergebung steht und fällt also mit dem Nicht-mehr-Kennen der Schuld. Dabei gibt es freilich drei Ausnahmen. Die eine betrifft den Fall, dass von dem Unrecht nicht nur ich selbst, sondern auch andere Menschen betroffen sind, oder gar dass ein öffentlicher Schaden entstanden ist. In diesem Falle muss freilich eine Wiedergutmachung verlangt werden, dann aber nicht um meinetwillen, der ich restlos vergeben will, sondern um der ebenfalls betroffenen Menschen willen.
 
Eine zweite Ausnahme ist gegeben, wenn wir eine Verantwortung für jenen Menschen haben, der an uns schuldig geworden ist – sei es, dass er aus bloßer Schwäche falsch gehandelt hat, sei es, dass er sich aus Bosheit vergangen hat. Aus Liebe zu diesem Menschen dürfen, ja müssen wir dann darauf bestehen, dass er seine Schuld und sein Fehlverhalten einsieht, gegebenenfalls auch bekennt und wiedergutmacht. Dies ist zum Beispiel ein häufiger Fall in der christlichen Erziehung und kommt auch im Rahmen der geistlichen Seelenführung vor, sowie bei der gegenseitigen Ergänzung und Korrektur, worin wir füreinander Verantwortung tragen. Aber diese Forderung nach Einsicht und Wiedergutmachung muss unabhängig davon sein, ob wir selbst im Herzen vergeben. Keineswegs darf sie zu einer Bedingung für die Vergebung werden; sie soll nur der Auferbauung und Korrektur des anderen dienen.
 
Die härteste Ausnahme aber ist die dritte, die hier angeführt werden muss. Sie betrifft den Fall, dass ich mich von einem erlittenen Schaden innerlich nicht, zumindest nicht einfach hin, lösen darf. Es gibt Personen und Güter, an die ich mich vor Gott gebunden habe, im dem Sinne, dass darin die Berufung und der Sinn meines Lebens berührt werden. Wenn beispielsweise eine Ehefrau damit konfrontiert wird, dass ihr Gatte durch die Schuld eines anderen Opfer eines schweren Unfalls wird und für den Rest seines Lebens ein Pflegefall bleibt, dann wäre die Ehefrau sehr unsensibel gegenüber ihrem Mann, wenn sie den entstandenen Schaden, also die bleibenden Unfallfolgen, im Sinne des "ignòscere" einfach "nicht mehr kennen", also ignorieren würde. Die Treue zu ihrem Gatten erfordert von ihr zunächst einmal ein Mitleben und Mitleiden. Von beiden Eheleuten müssen die Folgen des Unfalls innerlich angenommen werden, und zwar als eine Fügung Gottes, in der Gott als Herr und Meister auch der persönlichen Lebensgeschichte anerkannt und auf Ihn vertraut wird. Nur ein solches heilsgeschichtliches Denken, nicht einfach mehr das völlige Absehen vom Schaden, führt dann dazu, aus der inneren Bejahung der Unfallfolgen keine Anklage mehr zu erheben, sondern von Herzen dem Schuldigen zu verzeihen. Manchmal genügt hier kein einmaliger Akt des Vergebens; es muss dann öfters wiederholt werden, ja in schwerwiegenden Fällen kann es zu einer Lebensaufgabe werden. Je mehr aber die schwer geprüfte Person das christliche Vergeben wiederholt und anstrebt, umso mehr wird sie selbst in der Liebe und charakterlichen Reife gestärkt; und so kann daraus dann auch viel innerer Friede und Segen strömen.