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Veröffentlicht am
15.09.2020
Autor
P. Johannes Nebel FSO

Über die christliche Vergebung - Schlussteil

Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben?

Über die christliche Vergebung - Teil 1
Über die christliche Vergebung - Teil 2
Über die christliche Vergebung - Teil 3
Über die christliche Vergebung - Teil 4
Über die christliche Vergebung - Teil 5

Vergebung und Selbsterkenntnis

Kreuz im Kloster Thalbach

Durch Vergebungsbereitschaft wachsen wir auch in der realistischen Selbsteinschätzung und erkennen darin mehr und mehr, wo wir selbst noch sündig und unvollkommen sind und der Vergebung bedürfen. Dann können wir nachvollziehen, was der heilige Paulus einmal im Römerbrief schreibt: "Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus" (Röm 3,23). Und im Epheserbrief steht: "Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt – , nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann" (Eph 2,8f). Das ist eine tiefe Wahrheit. Angesichts dieser Wahrheit ist es geradezu unsinnig, nicht zu vergeben. Denn wer nicht vergibt, ist ein Wichtigtuer, weil er die sündige Nichtigkeit nicht anerkennt, die er selbst als Sünder mit allen sündigen Menschen vor dem heiligen Gott grundlegend gemeinsam hat. Und deshalb erkennt er Gott nicht an. Und weil er Gott nicht anerkennt, erkennt er auch Christus nicht an, der am Kreuz die Vergebung aller Sünden verdient hat. Wenn ich mich schwer tue, meinem Mitmenschen zu vergeben, habe ich mir dann schon einmal bewusst gemacht, dass Christus auch für diesen Menschen ganz persönlich am Kreuz sein Blut vergossen hat? Christus hat sein Blut für eine Schuld vergossen, die ich nicht vergeben will? Ist das nicht für mich beschämend?

Hier ist nun der Augenblick gekommen, um von einem bedeutenden Gleichnis zu sprechen, mit dem uns unser Herr im Evangelium die Bedeutung der Vergebung vor Augen stellt. Hören wir zunächst, wie alles anfing: "In jener Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal" (Mt 18,21f). Da ist also zunächst einmal Petrus, der auf Jesus zukommt. Der heilige Johannes Chrysostomus schreibt hierzu: "Petrus meinte, etwas Großes zu sagen, als er mit einer gewissen Selbstgefälligkeit bemerkte: 'Siebenmal?'. Er will sagen: Wie oft soll ich wohl tun, was Du befiehlst? Wenn einer immer wieder fehlt, aber auch infolge einer Zurecht-weisung immer wieder umkehrt, wie oft gebietest Du, das zu ertragen? [- wir können uns lebendig vorstellen, welchen Hintergrund eine solche Frage im Zusammenleben der Apostel hatte, wo jeder sein Temperament und seine Eigenarten hatte! ] ... Wie oft soll ich also mit ihm Geduld haben, wenn er auf Zureden hin in sich geht? Ist es genug mit siebenmal? Was sagt nun Christus, der menschenfreundliche und gütige Gott? 'Ich sage dir: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.' Damit will Er aber nicht eine bestimmte Zahl festlegen. Er will vielmehr ausdrücken, dass man unbeschränkt oft, jedesmal und immer vergeben soll." Das Menschliche des Petrus wird also von Jesus höhergeführt, dorthin, wohin Petrus mit seiner gut gemeinten Antwort wollte.

Ein Gleichnis Jesu

Und dazu erzählt Jesus nun folgendes Gleichnis: "Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahl, was du mir schuldig bist! Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt" (Mt 18,21-35).
 
Dieses Gleichnis hat doch zunächst einmal etwas Merkwürdiges an sich: Da ist ein Diener, der seinem Herrn 10.000 Talente schuldig war. Ein Talent sind umgerechnet etwa 2500 Euro; 10.000 Talente sind daher 25 Millionen Euro. Diese gewaltige Summe Geld schuldet der Diener seinem Herrn – und bekommt sie total erlassen. Der andere Diener, der bei ihm selbst in Schuld steht, schuldet ihm 100 Denare. 1 Denar sind etwa 33 Eurocent; 100 Denare sind dementsprechend 33 Euro. Der Schuldner fleht seinen Geber um Gnade an, doch er bekommt die Schuld nicht geschenkt, sondern wird gewürgt. Hätte denn derjenige, dem 25 Millionen Euro erlassen wurden, nicht aus lauter Freude seinem Schuldner die kleine Summe von 33 Euro erlassen müssen? Aber offenbar hat er sich über den gewaltigen Schuldenerlass nicht gefreut. Sein Herr hat ihm in der Sache von 25 Millionen Euro vergeben; er selbst aber hat sich nicht vergeben. Er hielt innerlich fest daran, selbst aus eigenen Kräften für die Schuld aufkommen zu müssen. Er wollte nichts geschenkt bekommen. Und weil er an seinem Egoismus und Perfektionismus festhielt, geriet er nun in eine Spannung: Er hat einerseits ein Millionenvermögen komplett erlassen bekommen, aber er kann und will andererseits diesen Schuldenerlass nicht annehmen. Und diese seelische Spannung wird nun auf einen armen Diener abgeladen, der die lächerliche Summe von 33 Euro schuldig ist. Der elende Diener denkt sich: Dieser ist schließlich mitschuldig daran, dass ich das Millionenvermögen an Schuld nicht aufbringen konnte, so dass mir peinlicherweise diese ganze Schuld geschenkt werden musste. – So muss der arme Kerl nun dafür büßen, dass sein Geber mit dem gewaltigen Schuldenerlass nicht umgehen kann. Die Sache kommt heraus, und es kommt zur Rechenschaft vor dem König. Der sagt: "Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen!" Zunächst wird also der Schuldenerlass wiederholt. Doch dann wird das widerliche Verhalten getadelt. Es offenbarte, wie gesagt, dass der Diener innerlich den Schuldenerlass überhaupt nicht angenommen hatte. Wir sehen hier die Sache mit der Doppeltür, von der vorhin die Rede war. Daher war es schließlich nur gerecht, wenn der Schuldenerlass selbst rückgängig gemacht wurde: "Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe." Das Millionenvermögen wird also wieder aufgebürdet. Es muss wieder aufgebürdet werden, weil der Diener im letzten es selbst so wollte. Ja, wirklich: Was nützt die größte Vergebung Gottes, wenn der Schuldige die Vergebung nicht annimmt? Man kann aber nur dann Vergebung annehmen, wenn man zugleich sich selbst vergibt. Dies hat der elende Diener nicht vermocht. Deshalb musste er am Ende für seine ganze Millionenschuld büßen. Nur wer sich selbst vergeben kann, der kann auch anderen vergeben. Genauso kann nur derjenige andere beschenken, der auch selbst von Herzen Geschenke annehmen kann. Hier haben wir nun den tiefen Sinn der Bitte aus dem 'Vater unser' erreicht: "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern". Ja, wirklich: Gott vergibt uns nur in dem Maße unsere Schuld, als wir auch anderen vergeben. Dies steht übrigens in keiner Weise im Widerspruch zur Wahrheit von der Allmacht Gottes: Denn je weniger wir anderen vergeben, umso kleiner ist unser Herz, um selbst die Vergebung Gottes für unsere eigenen Sünden anzunehmen. Dies ist ein innerliches Gesetz. Unausweichlich ist es von Gott unserem Wesen eingestiftet, das die Züge seines Ebenbildes trägt. Gott ist so weise, so einfühlsam und respektvoll gegenüber uns Menschen, dass Er dies nicht übergeht.
Glück ist immer dem Neid ausgesetzt.

Schluss: Ein konkretes Beispiel christlicher Vergebung

Von ungeheurem Frieden und Glück aber werden all jene erfüllt, die in wahrer Gottesfurcht absehen können vom eigenen Ich und seinen Begierden und Gebundenheiten und jederzeit anderen Menschen von Herzen vergeben können. Dies sind schenkende Menschen, die einen Strahl der ewigen Seligkeit in die manchmal trübselige irdische Alltagswelt hineinleuchten lassen. Sie sind Salz der Erde, und Licht der Welt (vgl. Mt 5,13f). Daher soll am Ende dieser Betrachtung ein konkretes lebendiges Beispiel für die christliche Vergebung geschildert werden. Die Rede ist von Franz Liszt, einem großen Pianisten und Komponisten des 19. Jahrhunderts. Er war eine bedeutende Künstlerpersönlichkeit mit einem dramatischen Lebenslauf. Fromm im Glauben erzogen, spürte er als Jugendlicher in sich den Ruf zum Priestertum. Doch aus verschiedenen Gründen konnte er im Zuge seiner beginnenden Künstlerkarriere diesem Ruf nicht folgen. Er bemühte sich zunächst um ein reines und gottgefälliges Leben; doch schließlich geriet er, verführt von einer adeligen Frau, auf schlimme Abwege. Sein Künstlertum wurde zu großer Karriere gesteigert, doch in einem sittlich freizügigen Leben in Saus und Braus entfernte er sich vom Glauben und von der Kirche. Aber immer wieder kamen in ihm dabei Gewissensnöte hoch, die zunehmend zu einer ehrlichen Gottsuche führten und sich schließlich noch mit allerlei persönlichen Schicksalsschlägen verbanden. Zweimal kam er im Laufe seines Lebens freiwillig dazu, seine Künstlerkarriere symbolisch abzubrechen, und so wurde die Zeit schließlich reif zur Umkehr. In der Mitte seines Lebens empfing Liszt erstmals seit Jahrzehnten wieder das Bußsakrament und die heilige Kommunion, und bezeugte: "Der gekreuzigte Gott ist zu mir gekommen." Tief muss er erfahren haben, was es bedeutet, viel Schuld vergeben bekommen zu haben.
Und Liszt hatte den hohen Charakter und das große Herz, die Vergebung, die ihm geschenkt wurde, wirklich anzunehmen. Seine Bekehrung schlug sich auch in großen musikalischen Werken nieder. Dazu gehört die feierliche 'Graner Messe', eine gewaltige Messkomposition für Chor und Orchester, die Liszt dann dem seligen Papst Pius IX. zukommen ließ, als Zeugnis für seinen Lebenswandel. Der Papst lobte Liszt darauf als “vero cristiano" - als einen "wahren Christen". Und wirklich: Die Vertonung des Glaubensbekenntnisses lässt deutlich erkennen, wie sehr Liszt offenbar innerlich frei wurde, um den Glauben der Kirche genau und tiefgründig zu erfassen und in Töne umzusetzen. Während die Worte "hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria" in lieblichen Tönen erklingen, wendet sich die Musik schon bei den Worten "und ist Mensch geworden" zum Düsteren hin, also nicht erst bei der Erwähnung der Kreuzigung. Hier zeigt sich das tiefe Bewusstsein von der Erbsünde, unter deren Folgen alle Menschen leiden, ausgenommen Maria, die noch mit lieblichen Tönen besungene Unbefleckte Empfängnis. In der Vertonung der Kreuzigung betont Liszt eindringlich, dass wir selbst es sind, für die Christus gelitten hat. Die Frucht des Leidens Christi zeigt sich dann in der Erwähnung der Vergebung der Sünden gegen Ende des Credo: Sie ist nämlich eingebettet in ein überwältigendes Lob auf die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, was unterstrichen wird durch ein zweimaliges "credo" – "ich glaube". Die letzten Töne des Credos aus Liszts 'Graner Messe' drücken die Verklärung des "Lebens der kommenden Welt" aus. Gewissermaßen passt hierzu übrigens jenes Gebet von Mutter Julia, welches den Titel trägt "Credo der barmherzigen Liebe". In diesem Gebet heißt es am Ende: "Ich glaube fest an die barmherzige Liebe, die zum ewigen Leben führt". Bei diesen Worten von Mutter Julia zeigt sich ein gläubiges Verhältnis zu den eigenen Sünden. Mutter Julia hat in diesem Sinne den bedeutenden Satz geprägt, man solle die Sünden nicht weg denken, sondern weg danken. Was heißt das? Das Wegdenken der Sünden führt zum Verlust des Sündenbewusstseins. Das Wegdanken der Sünden nimmt das Geschenk der Vergebung Gottes an und bewahrt uns davor, angesichts unserer eigenen Sündigkeit mutlos und verzweifelt zu werden. Wir sollen in der regelmäßigen Gewissenser-forschung unseren Fehlern und Sünden sorgfältig nachgehen – das ist damit gemeint, dass wir die Sünden nicht wegdenken. Aber wir sollen noch mehr den Erlöser anerkennen, der für uns am Kreuz gelitten hat und uns durch den Dienst der Kirche im Bußsakrament davon befreit – das ist damit gemeint, dass wir die Sünden weg danken. Wer die eigenen Sünden, ohne sie wegzudenken, wirklich weg dankt, der hat gelernt, in der Annahme der Vergebung Gottes sich selbst auch wirklich zu vergeben. Daraus aber strömt die Kraft, sich ungetrübt zur Fülle des katholischen Glaubens zu bekennen, und insofern ist Liszts 'Graner Messe' ein schönes Zeugnis der Vergebung und Bekehrung.
 
Der bekehrte Sünder jubelt daher vor Gott. Doch er jubelt nicht nur; er wird auch selbst in großem Maße fähig, anderen zu vergeben. Als schon betagter Mann arbeitete Franz Liszt einmal an einer neuen Komposition. Ein befreundeter Mann war mit ihm im Zimmer, und er bezeugt: "Einmal traf ich ihn an seinem Schreibtisch komponierend. Vor dem Fenster spielte ein Drehorgelmann. 'Ja, um des Himmels willen, warum jagen Sie den Mann nicht fort?', fragte ich den Meister ungeduldig. Lächelnd sagte Liszt: 'Er spielt schon seit zwei [!] Stunden, aber ich will ihn nicht kränken.' Darauf erhob er sich, öffnete das Fenster, warf einen Silbergulden hinunter und sprach: 'Lieber Kollega [!], Ihre Musik gefällt mir ganz gut, Sie haben Rhythmus und drehen mit Gefühl, aber ich komponiere eben eine Melodie, die mit der Ihren nicht zu vereinigen ist – bitte, hören Sie auf, bis ich fertig bin; wenn Sie das nächste Mal wiederkommen, spiele ich Ihnen das Stück vor, und wenn es Ihnen gefällt, lasse ich Ihnen eine neue Walze daraus machen.' Eines Tages saßen wir beim schwarzen Kaffee, und man meldete einen Herrn, der sich Liszt gegenüber schwer vergangen hatte und ihn auch materiell sehr schädigte. 'Sie werden ihn doch nicht empfangen, lieber Meister?' sagte ich. 'Gewiss, ich habe ihm ja längst verziehen.' Der Mann trat ein, Liszt umarmte ihn und sprach lächelnd: 'Das ist der größte Lump in ganz Europa, aber ein lieber Kerl.'"