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Veröffentlicht am
01.04.2019
Autor
P. Johannes Nebel FSO

Über die christliche Vergebung - 3. Teil

Die Bedeutung des fürbittenden Gebetes

Diese Demut und Liebe fällt uns freilich nicht immer leicht – vor allem dann nicht, wenn wir unter dem Unrecht, das uns widerfahren ist, zu leiden haben. Auch wenn wir merken, dass wir dem anderen eigentlich nichts oder nicht viel vorwerfen dürfen, kann nun aber trotzdem in uns ein Schmerz über das erlittene Unrecht zurückbleiben. Und auch wenn wir keinen Vorwurf machen, haben wir damit noch nicht automatisch dem anderen schon vergeben. Wir neigen also dazu, den möglichen Schmerz über das erlittene Unrecht auch dann auf den anderen abzuschieben und ihm zumindest innerlich zu grollen, wenn wir wissen, dass wir ihm eigentlich nichts oder nicht viel vorwerfen können. Durch ein solches Abschieben unseres Schmerzes auf andere geraten wir nun aber selbst wieder in Unrecht. Wir dürfen dies also nicht tun.

Es gibt ein wichtiges Mittel, um hier nicht selbst in Unrecht gegen den Nächsten zu fallen, und das ist das fürbittende Gebet. Das ehrlich und besinnlich geübte Gebet ist eine Achse, deren Ende in die Ewigkeit reicht. Es verbindet uns mit Gott. Doch es verbindet uns nicht nur mit Gott, sondern es hat auch eine gute Wirkung in unserem Innenleben. Immer wenn wir zu schlechten oder bösen Gedanken neigen, sorgt das Gebet, vor allem das Gebet für andere Menschen, dafür, dem Schlechten einen guten Gedanken entgegenzusetzen. Das Gebet fördert in uns die Liebe. Mutter Julia gibt die Weisung, sich darum zu bemühen, immer "segnende Gedanken" im Herzen zu tragen.

»Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!«
Röm 12,21
"Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!" (Röm 12,21), so mahnt uns der heilige Paulus. Das Gebet ist ein sehr bewährtes Mittel, um diese Mahnung im Leben konkret umzusetzen. Und dies betrifft auch und gerade die Fähigkeit zur Vergebung. Unser Herr ist uns hier mit seinem heiligen Beispiel selbst vorangegangen. Am Kreuz noch betete er: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23,34). In seine Bitte vom Kreuz herab hat Christus in seiner alle Zeiten und Kulturen umfassenden Allwissenheit uns alle eingeschlossen, denn er hat unser aller Sünden getragen, so dass jeder von uns persönlich mitverantwortlich ist für die Kreuzigung Jesu. Für jeden einzelnen von uns hat Jesus also um Vergebung der Sünden und Fehlhaltungen gebetet. Wenn wir daher für einen Menschen beten, unter dem wir zu leiden haben oder dem wir schwer verzeihen können, so dürfen wir daran denken, dass wir hier nur Christus nachfolgen: Er hat die Hauptarbeit dieses konkreten Gebetes bereits selbst geleistet.
 
Was das fürbittende Gebet betrifft, erzählte jemand einmal ein sehr schönes Beispiel, eine wahre Begebenheit. Eine ältere Frau litt viele Jahre unter den Zornesausbrüchen ihres Ehemannes. Sie betete aber täglich für ihn. In ihrer Wohnung befand sich eine Waage, die auf der einen Seite mit einem Gewicht beschwert war. Auf die andere Seite legte sie jeden Tag ein kleines Kalenderblatt als Zeichen für das Gebet, das sie an diesem Tag für ihren zornigen Mann aufgeopfert hat. In dem Gewicht auf der anderen Seite der Waage sah sie ein Zeichen für den Zorn ihres Ehemannes. Die wenigen ganz leichten Kalenderblätter erweckten anfangs überhaupt nicht den Anschein, es auch nur ansatzhaft aufnehmen zu können mit dem Gewicht der anderen Seite der Waage. Aber mit der Zeit und den Jahren wuchsen die täglich aufeinander gelegten Kalenderblätter zu einem Stapel an, und die Verhältnisse auf der Waage änderten sich. Schließlich starb die Frau. Da brach auf einmal der nun verwitwete Mann zusammen, und dieser körperliche Zusammenbruch wurde für ihn zu einem Einbruch der Gnade Gottes. Er bekehrte sich grundlegend, und dies hat er gewiss dem über viele Jahre täglich treu geübten fürbittenden Gebet seiner verstorbenen Gattin mit zu verdanken.