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Autor
P. Johannes Nebel FSO

Über die christliche Vergebung - 2. Teil

Die Vergebung angesichts von Charakterschwächen

Wir alle haben Stärken und Schwächen unseres Charakters, die sich manchmal schön ergänzen und ineinander fügen (- nicht nur die Stärken, sondern oft auch die Schwächen -), bisweilen aber auch schmerzhaft aneinander reiben können (- wiederum nicht nur die Schwächen, sondern auch die Stärken -). Wo Menschen zusammenleben, kann nicht jeder gemäß seinen persönlichen Idealen völlig ans Ziel kommen. Wer dies dennoch versucht und daran festhält, ist ein Egoist, der sich zu einem gemeinschaftlichen Leben unfähig macht. So berechtigt uns unsere persönlichen Ziele und Ideale auch vorkommen mögen: im menschlichen Zusammenleben wird es hier immer zu einem Eingehen aufeinander und zu einem Verzicht zugunsten anderer kommen müssen. Wenn wir dies freiwillig tun, ist dies ein Zeichen von Nächstenliebe. Aber manchmal muss es aus einer familiären oder gemeinschaftlichen Notwendigkeit einfach geschehen, ohne dass wir nach unserem freien Ja zu diesem Verzicht oder Opfer gefragt werden. Wenn in einem solchen Fall nun ein persönliches und uns berechtigt vorkommendes Interesse auf dem Spiel steht, kann dies mit Unrechtsempfindungen verbunden sein.
 
Manchmal stehen hier Schwächen anderer im Hintergrund, die nicht in persönlicher Sündhaftigkeit ihre Wurzeln haben, sondern in den Folgen der Erbsünde, also in Unzulänglichkeiten, bei denen man nur für das konkrete Vorkommnis, nicht aber für die tieferen Wurzeln persönlich verantwortlich ist. Nehmen wir einmal als Beispiel, jemand neigt von seinem Charakter her dazu, immer und überall ungeduldig zu sein. Es gehört viel dazu, solche und andere Schwächen und Fehlhaltungen von Herzen anzunehmen und zu ertragen. Doch wer sich darin übt, gewinnt mit der Zeit ein großes und weises Herz. Am schwierigsten ist es für uns, jene Schwächen und Fehler anderer anzunehmen, an denen wir selber leiden. Erst wenn wir lernen, in ehrlicher Selbsterkenntnis uns selbst zu verzeihen und uns selbst auch in unseren Grenzen und Unvollkommenheiten anzunehmen, haben wir auch die innere Freiheit, anderen ihre Schwächen zu vergeben und sie liebend anzunehmen.
»Vater, vergib uns dieses Leid, das wir oft selbst verursachen, indem wir das Durchbrechen deiner Gnadengaben in uns selbst und in anderen hemmen oder verhindern.«
Mutter Julia Verhaeghe
Limburger Dom
Wie können wir auf dem Weg zu diesem Ziel Fortschritte machen? Ein wichtiges Mittel, um hier voranzukommen, ist der Wille zur Ausgewogenheit, und zwar uns selbst gegenüber und auch anderen gegenüber. Jeder von uns trägt Gutes und weniger Gutes in sich. Wenn wir mit dem weniger Guten konfrontiert sind, sollten wir den Willensakt aufbringen, unseren Sinn auf das Gute zu richten. So sehen wir beides, und können unterscheiden. Wenn dies uns selbst betrifft, dient uns der Blick auf das Gute in uns dazu, dass wir nicht entmutigt werden angesichts unserer Sünden. Wenn wir aber angesichts der Unvollkommenheiten anderer Menschen uns darin üben, unseren Sinn auf eine gute Eigenschaft dieses Menschen zu richten, hilft es uns, diesen Menschen nicht im Herzen zu verachten oder zu verurteilen. Greifen wir zu dem gerade gebrachten Beispiel, einem Menschen, der oft ungeduldig ist. Er geht uns mit seiner Ungeduld auf die Nerven. Aber der Wille zur Ausgewogenheit lässt uns möglicherweise erkennen, dass dieser Mensch andererseits sehr gewissenhaft ist. Wir sollen also stets darum bemüht sein, das Gute und das Schlechte in uns und in anderen anzuerkennen. Dies hilft uns umgekehrt auch, niemanden in den Himmel zu rühmen – weder uns noch andere.
 

Und in dieser Bemühung um Ausgewogenheit können wir noch in einer anderen Selbsterkenntnis wachsen. Wir können nämlich in uns die Sensibilität entwickeln dafür, dass mein eigenes Fehlverhalten, meine eigene Unvollkommenheit, es möglicherweise mit verursacht hat, dass der andere, mit dem ich im Konflikt bin, über seine Schwäche nicht hinwegkommt. Jedes Fehlverhalten, das wir selbst an den Tag legen, ist nicht nur ein Rückschritt für uns selbst; es hat auch Folgen für die Gemeinschaft, in der wir leben. Im besten Falle freilich kann das Fehlverhalten des einen für die anderen eine dankbare Gelegenheit sein, durch eine gläubige Reaktion daran zu reifen. Oft aber verursacht das Fehlverhalten eines Menschen, dass auch andere in ihrem Bemühen, das Gute zu verwirklichen, nicht weitergeführt, sondern geschwächt werden. Wenn diese Schwächen dann dazu führen, dass mir selbst ein Unrecht widerfährt: Bin ich dann so ehrlich, zuzugeben, dass der andere in seinem Fehlverhalten auch abhängig ist von meinen eigenen Unvollkommenheiten? Bleiben wir bei unserem Beispiel, dem Menschen, dessen Ungeduld uns auf die Nerven geht. Wenn nun aber unsere eigene Trägheit und Faulheit eine der Ursachen ist, dass der Ungeduldige über seine Ungeduld nicht hinwegkommt, sind wir dann so redlich, uns einzugestehen, dass wir selbst mitschuldig sind an der Ungeduld des anderen? Mutter Julia Verhaeghe, die Gründerin des "Werkes", ruft uns auf: "Mögen die Güte, die Milde, die Bereitschaft zur Vergebung in uns allen erstarken, wenn wir das Leiden Jesu erwägen und betrachten, damit wir in schwierigen und schmerzerfüllten Lebensumständen von Ihm den Geist der Unterscheidung empfangen und eine gütige Haltung annehmen können, die bereit ist zur Vergebung und die uns bewusst beten lässt: Vater, vergib uns dieses Leid, das wir oft selbst verursachen, indem wir das Durchbrechen Deiner Gnadengaben in uns selbst und in anderen hemmen oder verhindern." Wenn wir zu dieser Erkenntnis gelangen, kann ein zwischenmenschlicher Konflikt für beide Seiten zu einem Augenblick der Gnade werden. Es bedarf dazu aber viel Demut und Liebe.