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Autor
P. Johannes Nebel FSO

Über die christliche Vergebung

1. Teil

Die christliche Vergebung ist aus mehrfachem Grund ein heute sehr aktuelles Thema. Wenn wir etwa die derzeitige politische Groß­wetter­lage in Erwägung ziehen, in der die Gemeinschaft der Staaten mit der Bekämpfung des internationalen Terrorismus beschäftigt ist und Kriege nicht verhindern kann, so liegt darin ein Problem, das sich auf andere Weise im Heiligen Land auswirkt, wo Juden und Muslime sich in einem nach menschlichem Ermessen unlösbaren Konflikt gegenüberstehen. Beiden Seiten, hinter denen je eine Weltreligion steht, fehlt der zentrale Stellenwert der Versöhnung und Vergebung, der ihnen über diesen Konflikt hinweghelfen könnte. Doch nicht nur die Welt im Großen hält das Thema der Vergebung aktuell. Wenn wir in die Welt im Kleinen blicken, so müssen wir in unseren Ländern beispielsweise eine bisher nie da gewesene Zahl von Ehescheidungen und zerrütteten Familien­ver­hält­nissen feststellen. An Konflikten innerhalb der Kirche fehlt es nicht, und oft sind sie so gelagert, dass ein Aufeinander-Zugehen nicht in Aussicht steht. Vor allem aber wird das Thema Vergebung aktuell gehalten durch das Gebet des Herrn, das Vater unser, das wir täglich beten, und worin wir die Bitte finden: "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Darin steckt ein Aufruf, an dem wir Christen nie vorbei können. Der Pflicht zur Vergebung müssen wir uns stellen. Schon aus dem Buch Jesus Sirach dürfen wir die Anfrage vernehmen: "Ein Mensch verharrt gegen einen Menschen im Zorn, beim Herrn aber sucht er Heilung? Mit einem Menschen gleich ihm hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner Sünden bittet er um Verzeihung?" (Sir 28,3f). Wer aber die Vergebung übt, für den gilt, wovon folgendes Psalmwort kündet: "So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel. Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten" (Ps 103,12f).

Die Bedingung zur Vergebung

Wir sind also aufgerufen, einander bedingungslos zu vergeben. Und dieses Einander-Vergeben – wenigstens eine letzte innere Bereitschaft dazu – ist eine unbedingte Notwendigkeit, denn sonst können wir das Erbarmen Gottes nicht erfahren. Das ist die ernste Kurzformel, auf die sich die Wahrheit von der Vergebung bringen lässt. Was ist also die Vergebung? Um dies zu erklären, muss man erst einmal die Voraussetzung erwägen, um überhaupt in die Lage zu kommen, jemandem vergeben zu müssen. Und diese Voraussetzung ist, dass wir – dass ich – von einem anderen Menschen objektiv Unrecht erfahren habe.
Es muss sich also um wirkliches Unrecht handeln, nicht nur um ein Schein-Unrecht, welches wir uns manchmal in unserer Neigung zu Eitelkeit und Übersensibilität einbilden. Oft liegt nämlich der Grund, warum wir ein Unbehagen in der Begegnung mit anderen Menschen empfinden, nirgendwo anders als bei uns selbst. In diesem Falle geht es daher nicht darum, anderen zu vergeben, sondern in demütiger und redlicher Selbsterkenntnis anzuerkennen, dass der andere frei von Unrecht ist und dass ich selbst es bin, der mit sich im Streit liegt. Diesen Fall müssen wir also von vorne herein ausklammern, wenn wir von der christlichen Vergebung sprechen. Doch es handelt sich hier nicht um einen Ausnahmefall; vielmehr ist es eher häufig so, dass durch das Verhalten eines Mitmenschen nur unser Stolz, unser Geltungsbedürfnis und unser Eigensinn verletzt werden. Stellen wir uns beispielsweise einmal vor, wir haben uns irgendetwas in den Kopf gesetzt, was wir bis zu einem bestimmten Zeitpunkt unbedingt erreichen wollen, obwohl objektiv keine zwingende Notwendigkeit besteht. Wir drängen darauf hin nur aus persönlichen Interessen und setzen alles daran, dass wirklich wird, was wir wollen. Und dann kommt unvorhergesehen jemand dazwischen, der mit seiner Unfähigkeit oder Not unser vorgestecktes Ziel unmöglich macht. Da kann uns dann ein Zorn gegen den anderen ins Gemüt steigen: Aber doch liegt hier nicht wirklich ein Unrecht vor. Nicht Vergebung ist hier gefordert, sondern ein demütiges Eingeständnis der eigenen Sturheit, die durch das Anliegen des anderen durchkreuzt wird. Wenn wir diesen Bereich also hiermit ausklammern, fällt schon viel zwischenmenschliches Konfliktpotential aus dem echten Bereich der Vergebung heraus.
Kommen wir nun aber zu dem echten Anlass der Vergebung, der vorliegt, wenn unser eigenes Verhalten keine Unlauterkeit erkennen lässt, wir jedoch von jemandem objektiv ein Unrecht erleiden. Der Grund für ein objektives Unrecht kann aber sehr vielfältig sein. Wir sind meistens sehr schnell im Urteil, dass hier der böse Wille des anderen die Ursache ist. Oft liegt aber gar kein Fall von Bosheit vor, sondern schlichtweg ein Unvermögen, oder eine Unsensibilität, eine Ungeschicklichkeit, eine Unkenntnis der Situation oder ähnliches. Stellen wir uns einmal vor, jemand platzt in einer Gesellschaft mit einer Bemerkung herein, auf die einige Anwesende überaus sensibel reagieren; er hat also sozusagen in ein Bienennest gestochen. Aber nehmen wir an, er hat vorher um diese Sensibilität der anderen nicht gewusst und auch nicht wissen können, und hätte er es gewusst, so hätte er die Bemerkung unterlassen. Hier liegt also nicht wirklich Schuld und Sünde vor, wenn auch Schmerz verursacht wurde. Wenn wir dies einmal ehrlich in Rechnung stellen, müssen wir häufig zugeben, dass es fehl am Platze ist, dem anderen, der uns Unrecht zugefügt hat, einen Vorwurf zu machen. Ein klärendes und offenes Gespräch kann in solchen Situationen ein gutes Mittel zur Versöhnung sein.
»Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten.«
Ps 103,12