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Autor
P. Peter Willi FSO

Selig, die arm sind vor Gott – Selig die Trauernden II. Teil:

3. Die Armut überwinden

Christen sind keine Fatalisten, die passiv ihr Schicksal hinnehmen. Christen sind Menschen, die sich gegen Armut nicht wehren, sondern sie mit voller Zustimmung durchleben, sie zu Gott bringen und dann von Gott Impulse empfangen, um an ihrer Überwindung zu arbeiten. Ich habe eine Dame gekannt, die sich zusammen mit ihrem Mann auf seine Pensionierung gefreut hat, auf gemeinsame Jahre im Dienst an ihrer Familie, auf gemeinsame Stunden, Reisen und Erlebnisse, auf mehr gemeinsames Gebet, auf mehr Mithilfe in der Pfarrgemeinde. Und dann starb er ganz unerwartet. Nach langer Trauer, nach inneren Kämpfen, nach Auflehnung gegen Gott, Passivität, Protest und Mutlosigkeit wurde sie durch das Wort Gottes wie Lazarus aus dem Grab herausgeholt. Sie wurde zu neuem Leben erweckt und entwickelte eine erstaunliche Lebensvitalität.  Gott verwandelt Armut in Reichtum.

"Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das Große vergebens warten." Pearl S. Buck

Wer glaubt, legt die Hände nicht in den Schoß. Er glaubt, dass Gott mitten in der Wüste eine Oase schaffen und mitten in der Traurigkeit Freude schenken kann, versperrte Wege freimachen und neues Leben erwecken kann, Kirchen, Priesterseminare und Noviziate wieder füllen kann. Wer glaubt, wird aktiv, wobei die erste und wichtigste „Aktivität“ zunächst im Glauben, im Vertrauen und in der Liebe selbst besteht. Wer glaubt, betet, er hofft, er wagt, er geht hinaus und zieht sich nicht zurück, er mauert sich nicht ein und beweint sich nicht selbst, sondern macht mit, geht auf andere zu, sucht Lösungen usw. Pater Placid, ein ungarischer Benedikinermönch, schrieb in hohem Alter seine Erfahrungen nieder, die er in den sibirischen Konzentrationslagern gemacht hat. Zusammen mit einigen Mitgefangenen entwickelten sie Überlebensregeln. Eine dieser Regeln lautete: „Entdecke die kleinen Freuden des Lebens.“ Diese Gefangenen haben jeden Abend darüber nachgedacht, wofür sie danken möchten. Die kleinste Freude, die kleinste Erleichterung, die kleinste positive  Erfahrung, das kleinste Licht inmitten der Dunkelheit, wollten sie wahrnehmen. Dafür wollten sie dankbar sein.

»Meine Freude ist es, kleine Freuden weiterschenken zu können. «
Mutter Julia
Die Armut annehmen, die Armut zu Gott bringen und die Armut überwinden. Ich möchte noch zwei Gedanken hinzufügen:

Die Armut wählen

 
Wir leben in einer materiellen, kulturell, digital und technisch reichen und hochentwickelten Welt. Wir leben in vielen Bereichen des Lebens im Überfluss. Deshalb ist es für uns wichtig, immer wieder die Armut zu wählen, bewusst zu wählen. Damit meine ich: die Bescheidenheit, den Verzicht, das Abstand nehmen von diesem und jenem. Wenn wir mit den Dingen dieser Welt übervoll sind, hat Gott keinen Platz mehr. Machen wir uns frei von manchem Zuviel, teilen wir mit denen, die vieles entbehren müssen, was wir haben. Befreien wir uns vor allem vom falschen Reichtum des Stolzes. Der Stolz verschließt die Türen unseres Herzens, damit Gott mit seinem Reichtum einziehen kann.

 

Die fröhliche Armut leben

 
Wer heilig werden will, bemüht sich, seine Armutserfahrung mit Freude zu verbinden. Er beißt nicht nur auf die Zähne und sagt mit voller Kraftanstrengung: Mit Gottes Hilfe werde ich es meistern! Nein, er lässt sich von der fröhlichen Armut des heiligen Franziskus animieren. Dieser Ordensgründer durchlitt viele Armutserfahrungen. In allen jedoch bewahrte er sich die Freude, rang um die Freude, bezeugte die Freude.

Selig die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden

Armut gehört zur menschlichen Existenz, Trauer ist ebenfalls eine Grunderfahrung menschlicher Existenz. Es gibt keinen Menschen, der nicht einmal traurig ist. Niemand kann sich eine Eigenwelt konstruieren und bauen, wo es keine Enttäuschung, keinen Ärger und keinen Schmerz mehr gibt. Das Leben auf Erden ist noch nicht der Himmel, aber hier kann und soll der Himmel beginnen.
 
Wer trauert, sucht Trost. Das berühmte Buch „Die Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen, ein Buch, das unzähligen Menschen auf dem Weg zum Himmel geholfen hat, unterscheidet zwischen einem Trost, den die Welt bietet, und dem Trost, den Gott schenkt. Es gibt die verschiedenen Formen der Selbsttröstung. Diese Selbsttröstung besteht darin, die Dinge dieser Welt im Übermaß und sogar in sündhafter Weise zu genießen: essen, trinken, naschen, in der digitalen Welt surfen, sexuelle Genüsse suchen, shoppen und sich auf vieles andere stürzen, was die Welt zu bieten hat. Allerdings schenkt dieses Übermaß keinen bleibenden Frieden  und keine dauerhafte Zufriedenheit. Diese falschen Selbsttröstungen enden immer wieder in der inneren Leere, in der Unzufriedenheit, im noch größeren Durst nach den weltlichen Dingen und im Überdruss.
 
Die vielen Dinge dieser Welt können einen gewissen und momenthaften, aber nicht einen bleibenden und die ganze Existenz durchdringen Trost schenken. Die zweite Seligkeit ruft uns auf, den Trost in Gott zu suchen, uns von Ihm trösten zu lassen. Gott ist unser bester Tröster. Die dritte göttliche Person heißt sogar Tröster, Paraklet. Er ist der höchste Tröster in der Zeit. Er verschenkt sich an uns in der Gabe des Trostes und des inneren Friedens, auch wenn das Leid bleibt.
Jesus kam in diese Welt und kommt zu jedem von uns, um uns Seligkeit zu schenken. Seligkeit ist ein Leben in höchster Erfüllung, Leben in unaussprechbarer, grenzenloser Freude, in wahrem Glück, in Zufriedenheit, in innerer Kraft. Die Seligkeit, die Jesus uns schenkt und immer neu schenken will, ist ein Glück, das größer ist als alles Glück, das man mit Geld kaufen kann oder Menschen uns bieten können. Es ist viel größer als das Glücksgefühl des Genusses, der Macht, der Karriere oder des Angesehen-Seins bei den Menschen. Die Seligkeit Jesu erfüllt das Tiefste unseres Herzens. Sie ist nicht flüchtig. Sie bleibt. Sie erfüllt. Die Erfüllung, diese Sättigung von Leben, die Jesus bringt, wird in jeder der acht Seligkeiten beschrieben.  Sie wird jenen geschenkt, die arm vor Gott hintreten, die mit Tränen zu ihm kommen, die nach Gerechtigkeit dürsten, barmherzig und reinen, lauteren Herzens sind, den Frieden wollen, wegen ihrer Treue zu Gott verfolgt, beschimpft und verleumdet werden. Jede Seligkeit ist eine Antwort auf eine menschliche und christliche Grunderfahrung in unserem Leben.
 
Ich lade Sie ein, die acht Seligkeiten zu lesen, wenn möglich sogar die eigene Stimme zu aktivieren und sich selbst diese großartigen Verheißungen zuzusprechen. Schlagen Sie Mt 5, 3-12 auf oder schreiben Sie sich den Text ab. Treten Sie ein in diese wunderbare Botschaft.
 
Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.  (Mt 5,3-12).
 
Berg der Seligpreisungen

hier lesen Sie den I. Teil