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P. Peter Willi FSO

Selig, die arm sind vor Gott – Selig die Trauernden

1. Teil

Armut gehört zu jeder menschlichen Existenz. Menschen in den Elendsvierteln der Welt erleben die Armut als zum Teil extremen Mangel an materiellen Gütern und menschenwürdigen Wohnverhältnissen. Viele Menschen in den materiell reichen Ländern kennen ebenfalls Armut: Armut an bleibendem, inneren Glück, Mangel an Lebenssinn, Mangel an glücklichen menschlichen Beziehungen. Es gibt zahllose Formen von Armut: körperliche und seelische Krankheiten,  Hunger, Missachtung der Menschenwürde, Mangel an medizinischer Hilfe, an qualifizierter Schulbildung, an Arbeitsmöglichkeiten, an familiärer Beheimatung, an stabilen, tragenden menschlichen Beziehungen, Mangel an Freunden, an Zeit, an einem, der zuhört, usw. Man könnte eine lange Liste von menschlichen Armutserfahrungen erstellen. Sie verdeutlicht: Armut gehört zu jeder menschlichen Existenz.
 

Die Frage, die uns jetzt interessiert und worauf wir vom Wort Gottes und vom Glauben an Gott eine Antwort bekommen, lautet: Wie gehen wir mit der Armut um? Aus der Sicht des Glaubens gibt es einen Dreierschritt.

1. Die Armut annehmen

Zur Reife des Menschseins und des Christseins gehört es, in einem ersten Schritt der Armut ins Auge zu blicken und zu sagen: Das ist jetzt meine Situation. Ich nehme sie an. Ich sage innerlich Ja dazu. Ich bejahe es, dass ich krank bin, dass ich Krebs habe. Ich sage ja zu meinen Eltern, deren Streitigkeiten mich als Kind und Heranwachsenden oft belastet haben. Ich sage ja, dass mir dies und jenes nicht gelungen ist, dass meine Wünsche unerfüllt geblieben sind, dass ich keinen Partner gefunden habe, falsche Entscheidungen getroffen habe, nicht alles tun kann, was ich gerne tun würde, mein Kind kein Traumkind ist, unser Pfarrer nicht der Priester ist, den ich mir vorstelle usw. Ein solches Ja zur Armut schließt das Ja zum Leiden und zum Schmerz ein. Das Ja zur Armut bedeutet die Bereitschaft zum Kreuz.
 

Wer dieses Ja nicht spricht, der wird anders reagieren. Er wird jammern, klagen, sich ärgern, protestieren, verbittern, verzagen, sich selbst, den Mitmenschen oder Gott Vorwürfe machen, verzweifeln oder sich im Extremfall sogar das Leben nehmen.

2. Die Armut zu Gott bringen

Der Apostel Petrus schreibt in seinem ersten Brief: „Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch“ (1 Petr 5,7). Petrus wäre sicher einverstanden, wenn wir diesen Satz erweitern: Werft alle eure Sorge und alle Armut, die ihr erfahrt, auf ihn, denn er kümmert sich um euch. Gott freut sich, wenn wir mit leeren Händen vor ihn hintreten. Vor ihm müssen wir nicht leistungsstark, glänzend, perfekt und bewundernswürdig erscheinen. Er freut sich, wenn wir mit unserer Liebe, unserem Glauben, mit den guten Werken, die durch seine Kraft möglich sind, zu ihm kommen, und mit unserem Bemühen, seinem Ruf und seinen Einladungen zu folgen. Jeder Mensch soll vor Gott als Bettler hintreten. Auch dann, wenn wir alles nur Mögliche getan haben, kommt der Moment, wo wir mit leeren Händen vor Gott stehen. Bringen wir unsere Armut zu dem, der Reichtum und Leben in Fülle ist. Die Armutserfahrung können wir nicht aus eigener Kraft heraus bewältigen. Das gelingt nur sehr bruchstückhaft. Selbst Mitmenschen können uns da nur begrenzt helfen. Gott allein vermag uns da wirklich zu helfen. Er nimmt unsere Armutserfahrungen meistens nicht sofort weg. Aber er hilft uns, mit ihr und in ihr zu leben und gewährt uns den Reichtum, der er selber ist.
 
Das ist die Botschaft der acht Seligkeiten. Die erste lautet: Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich. (Mt 5,3) Was ist das Himmelreich? Das Himmelreich ist Gott selbst. Deshalb gilt: Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört Gott. Sie leben im Raum, wo Gott alles in allem ist. Gott ruft die Armen zu sich. Kommt zu mir, ihr alle, die ihr an vielen Formen der Armut leidet, kommt zu mir! Ich bin Leben in Fülle. Mein Reichtum soll eure Armut erfüllen. Ich gebe euch Hoffnung, Zuversicht, Lebensmut, Frieden und Kraft. Ich komme selbst zu euch. Ich bin bei euch. Ich gehe mit euch.
 
Die Gegenwart Gottes inmitten der menschlichen Existenz, inmitten der Armutserfahrung der menschlichen Existenz: das ist Seligkeit. Nachdem Matthäus einige wenige Momente aus dem Leben Jesu bis zu seinem 30. Lebensjahr dargestellt hat, überliefert er uns in den drei Kapiteln 5 – 7 die Bergpredigt, eine der großen Predigten Jesu. Wer wissen will, was es heißt, als Christ in dieser Welt zu leben, wer Jesus kennen und verstehen will, bekommt von dieser Predigt eine großartige Antwort. Diese Predigt beginnt mit den Worten: Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich. Mit anderen Worten: Glücklich der Mensch, der mit seiner Armut zu mir kommt und in mir den Reichtum seines Lebens erkennt und annimmt. Das ist eine Botschaft für alle Menschen und für alle Zeiten. Keine Religion in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kann uns das schenken, was uns der Vater Jesu Christi gewährt. Viele Menschen haben den Reichtum Gottes in ihrem Leben empfangen und erfahren. Ich will nur zwei Zeugnisse bringen. Teresa von Avila sagte: „Wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt.“ Und Mutter Julia hat bezeugt:
 
Meine Freude ist Gott selbst, der dreimal heilige Gott.
Meine Freude ist sein Leben, das mich erfüllt.
Meine Freude ist der Segen seines Kreuzes.
Meine Freude ist die Kraft, die mich leitet.
»Wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt.«
Hl. Teresa von Avila