Cover
»«

Predigt von Kardinal Joseph Ratzinger

beim Dankgottesdienst anlässlich der Päpstlichen Anerkennung der geistlichen Familie "Das Werk" am 10. November 2001

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!


In den großen Dank der heiligen Eucharistie legen wir heute den besonderen Dank dafür hinein, dass die geistliche Familie «Das Werk» die Anerkennung als Gemeinschaft päpstlichen Rechtes erhalten hat. So ist sie ganz im Herzen der Kirche angesiedelt und zugleich der weltweiten Kirche als Gabe des Heiligen Geistes, als Weg für heute und ins Morgen hinein eröffnet.

 

Mutter Julia Verhaeghe (1910-1997)

Es war eine dunkle Zeit, als im Januar 1938 Mutter Julia dieses bescheidene Samenkorn in die Erde der Kirche einsenkte und so das Wachsen dieses Baumes begann. Wenn wir von diesem Beginn sprechen, müssen wir uns immer daran erinnern, dass sie uns sagt: «Ich habe nichts gegründet. Seit Jesus Christus die heilige Kirche gegründet hat, ist alles gegründet. Er braucht nur Menschen, die diese Gründung gründlich leben, also auf den Grund hin und vom Grund her, den Jesus selbst gelegt hat».

In der Tat hat sie nicht ein anderes Werk neben das Werk Jesu Christi gestellt, sondern sich ganz in sein Werk hineingegeben. So lädt sie uns alle ein, nicht eigene andere Werke neben Christi Werk zu stellen, sondern uns in sein Werk hineinzugeben, in seinem Werk mit zu sein und mit zu leben und so durch Ihn und mit Ihm und in Ihm dem Heil der Welt zu dienen. Alles, was sie getan hat, ist auf Christus bezogen, den Sohn des lebendigen Gottes.

Und sie wusste, dass Christus nicht eine Gestalt der Vergangenheit ist, sondern dass Er immerfort lebt in seiner Kirche. Das Mitsein mit Christus ist deshalb Mitsein mit Ihm da, wo Er lebendig durch die Zeiten schreitet – in der Gemeinschaft der heiligen Kirche. Und wiederum wusste sie, dass das Zeichen für die heilige Kirche der Dienst des Petrusnachfolgers ist, dass da, wo Petrus ist, die Kirche ist, und dass, wer in der Kirche und bei Christus sein will, bei Petrus sein muss. So leitet uns ihre Gestalt hinüber zu dem Heiligen dieses Tages, zu Papst Leo dem Großen, der uns auf seine Weise genau das auslegt, was auch ihre Botschaft war.

 

» Ich habe nichts gegründet. Seit Jesus Christus die heilige Kirche gegründet hat, ist alles gegründet. Er braucht nur Menschen, die diese Gründung gründlich leben, also auf den Grund hin und vom Grund her, den Jesus selbst gelegt hat.«
Mutter Julia Verhaeghe

In schwierigen Zeiten, von 440 bis 461 hat Leo der Große die Kirche geleitet. Es war die Zeit des Zusammenbruchs des weströmischen Reiches, die Zeit der Völkerwanderung, des Ansturms der Hunnen unter Attila und der Vandalen unter Geiserich. In dieser Zeit hat Leo das Licht des Glaubens leuchten lassen. Die tiefste Krise seiner Zeit war nicht politisch-militärischer Natur; an der Wurzel politischer Krisen ist immer eine geistige Krise. So war es auch zur Zeit Leos. Freilich war die Kirche nach Konstantin frei. Die Kaiser waren katholisch und förderten die Kirche. Doch mit dieser neuen Freiheit entstanden auch neue Gefahren, neue Versuchungen.

Die erste Versuchung bestand in der Unterwerfung der Kirche und des Glaubens unter die politische Macht, in der Ausbeutung und Ausnutzung der Kirche für die Macht, in der Instrumentalisierung des Glaubens für politische Zwecke. Kaiser Konstantius sagte einmal: Das Gesetz der Kirche bin ich. Darin drückt sich eine tiefgehende Versuchung zur Verfälschung des Glaubens aus, der so tatsächlich zu einem politischen Machtmittel degenerieren sollte.

Die zweite Versuchung war ideologischer Natur und bestand darin, den Glauben den damals herrschenden Geistesströmungen anzugleichen. Man spricht von der Hellenisierung des Glaubens, also von einer Einebnung des Geschenkes Gottes, des Lichtes der Offenbarung, in das, was die Menschen dieser Zeit dachten und wollten. Mit der großen griechischen Philosophie sagte man: Gott kann in Wirklichkeit keinen Sohn haben; dies ist eine mythologische Idee. Gott ist weit entfernt. Gott kann nicht aus sich herausgehen, und die Söhne Gottes sind große Menschen, wie dies auch von Jesus zutrifft. Er ist nicht wirklich Gottes Sohn. Er ist ein Großer der Religions- und Menschheitsgeschichte. Im 5. Jahrhunde©rt, dem Jahrhundert Papst Leos, hatte man zwar nach den ersten großen Konzilien das Geheimnis des dreifaltigen Gottes und die Gottessohnschaft Jesu angenommen, aber nun versuchte man auf andere Weise, es den eigenen Denkformen anzupassen. Christus ist kein ganzer Mensch, sondern hat nur eine göttliche Natur, sagte man auf der einen Seite. Christus ist ganz Mensch, er musste erst im Lauf des Lebens zur Göttlichkeit aufsteigen, hieß es auf der anderen Seite. Das Geheimnis wurde nach Menschenmaßstäben umgedacht, um es verständlich zu machen. Aber gerade so musste das Große, das Neue und ganz Andere verloren gehen, das Gottes Offenbarung uns schenkt.

Angesichts dieser großen Versuchung hat der heilige Leo, erleuchtet von der Weisheit des Glaubens, die Wahrheit der göttlichen Offenbarung auf den Leuchter gestellt – jene Wahrheit, die uns das Leben schenkt und uns die Grundlage eines guten Lebens und eines guten Sterbens bietet. Der heilige Leo der Große war vor allem ein Lehrer der Christologie für das große Konzil von Chalkedon. Er hat die Formulierungen gefunden, und die Konzilsväter haben seinem Brief mit den Worten zugestimmt: In Leo hat Petrus gesprochen. Und tatsächlich: Gegen die Sophismen menschlichen Denkens bringt dieser Brief die Tiefe und Einfachheit des wahren Glaubens auf den Punkt. Mit Petrus sagt Leo: «Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!»

Mit den Formulierungen dieses Dogmas, in denen das wahre Gottsein und das wahre Menschsein Christi gleichermaßen aufscheint, hat der heilige Leo nicht etwas Neues erfunden, er hat keine neuen Ideen geschaffen. Ganz im Gegenteil hat er uns eingeladen, in das große Licht einzutreten, das Gott uns geschenkt hat, und er hat uns erneut dieses Licht gezeigt. Im Herzen der Gestalt und der Botschaft des heiligen Leo des Großen steht der Glaube an Christus. Nur in der Liebe zu Christus, nur im Durchdrungensein von der Liebe Christi konnte er sein Geheimnis in der Tiefe erfassen und den Dienst wiederholen, den Petrus hatte. So ist das petrinische Geheimnis in diesem Bekenntnis, das der Fels der Kirche ist, neu vergegenwärtigt: «Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.»

 

Der Primat der Christologie, der Primat der Christusliebe und des Glaubens an Christus ist der Kern der Botschaft des heiligen Leo des Großen. Natürlich impliziert dieser christologische Primat, diese Vorrangstellung des Christusglaubens die Existenz der heiligen Kirche, in der Christus lebt. Und wenn der heilige Leo von neuem seine Stimme Petrus schenkt, erweist er sich mit seinem Bekenntnis als der lebendige Fels; er lässt uns erkennen, dass die heilige Kirche auf den Felsen des Petrus gegründet ist; und er zeigt uns diese Dreiheit: Primat der Christusliebe, konkretisiert im Leben der lebendigen Kirche, und noch einmal konkretisiert im petrinischen Geheimnis, in der Nachfolge des heiligen Petrus, der immer in seinen Nachfolgern gegenwärtig bleibt.

So sind wir durch den heiligen Leo den Großen zurückgeleitet zu Mutter Julia und zu dem, was sie begonnen hat, zu dieser neuen Treue zu Christus in seiner Kirche. Wenn in der Mitte des «Werkes» das «Heilige Bündnis» steht, so ist es wiederum nichts Neues neben Christus. Es ist das Hineintreten in den Neuen Bund, den Er geschenkt hat; in den Bund, der auf dem Geschenk der heiligen Eucharistie gründet; in den Bund, der aus dem heiligsten Herzen Jesu kommt, aus dem Blut und Wasser, die heiligen Sakramente entströmen. Ihr Primat der Christologie, ihre Liebe zu Christus, drückt sich in der Liebe zum eröffneten Herzen Jesu aus. Nicht zufällig, denke ich, ist das «Werk» mit Newman befreundet, mit seinem Wappenspruch «Cor ad cor loquitur». Mutter Julia hat vom Herzen her gedacht und aus dem Herzen heraus das Herz Jesu erkannt – dieses durchbohrte Herz, das die Quelle des Bundes, die Quelle unseres Lebens ist.

Wer in dieser Welt für die Liebe eintritt, gegen den Egoismus, der dem Menschen näherliegt, lässt sich verwunden, sagt Ja zum durchbohrten Herzen, sagt Ja zu der Krone der Dornen.

Wenn dazu das Symbol der Dornenkrone tritt, so wird deutlich, dass Verbündetsein mit Christus heißt: Verbündetsein mit seinem Leiden. Das bedeutet, bereit sein, die Verwundungen der Wahrheit auf sich zu nehmen. Wer für die Wahrheit eintritt in einer Welt, in der die Lüge bequemer ist, nimmt Verwundung auf sich. Und wer in dieser Welt für die Liebe eintritt, gegen den Egoismus, der dem Menschen näherliegt, lässt sich verwunden, sagt Ja zum durchbohrten Herzen, sagt Ja zu der Krone der Dornen. Diese Krone ist die wahre Königskrone, mit der Christus sich als der wahre Herr der Welt ausweist und uns das Gesicht des lebendigen Gottes zeigt, der Liebe und Vergebung ist, bis in den Tod für uns hinein. Durch die Gemeinschaft mit dem leidenden Christus stehen wir mitten in den Drangsalen dieser Zeit auch in Gemeinschaft mit seiner Herrlichkeit, die Herrlichkeit der Liebe ist: Die Liebe ist stärker als das Leid, als der Tod.

Die päpstliche Anerkennung ist für die geistliche Familie «Das Werk» nicht eine juristische Äußerlichkeit. Sie ist vielmehr Ausdruck dessen, was sie ist, Bestätigung ihres tiefsten Inseins in der Kirche, das zugleich aber Einssein mit Christus ist. Wenn wir so die Gabe des «Werkes» auffassen und uns von ihr ins Mysterium der Kirche hineinführen lassen, um das Herz Jesu zu finden und von seinem Herz unser Herz erleuchten zu lassen, dann wird es uns ergehen, wie es Mutter Julia ergangen ist: Sie hat erkannt und gelebt, dass die scheinbar so schwere Last Christi leicht ist, weil Er sie für uns und mit uns trägt, dass seine Bürde gut ist, weil sie Bürde der Liebe ist. Wir wollen den Herrn bitten, dass Er uns schenke, immer mehr diese Erfahrung zu leben, und uns helfe, uns ins Werk Christi hineinzugeben und so dem Heil der Welt zu dienen. Amen.


© Copyright “Das Werk”.

 

Dankgottesdienst am 10. November 2001