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Autor
P. Georg Gantioler FSO

Paulus wächst in die Liebe Christi hinein

Teil 2: Die Christusliebe des hl. Paulus

2) Wie ist Paulus in die Liebe zu Jesus hineingewachsen?
 
Die zweite Frage, die wir uns am Anfang gestellt haben, ist die Frage, wie Paulus in die Christusliebe hineingewachsen ist. Das Samenkorn oder der zündende Funke war, wie wir gesehen haben, das Damaskus­erlebnis. Aber dieses Samenkorn musste wachsen und der Funke musste das Feuer der Liebe in seinem Herzen entfachen. Wie ist das geschehen?
 
Auch auf diese Frage gibt der Galaterbrief eine erste Antwort: Paulus sagt dort (Gal 1,15‑18): „Als aber Gott mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Heiden verkündige, da zog ich keinen Menschen zu Rate; ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück. Drei Jahre später ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennenzulernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm.“
Paulus ging nach seiner ersten Begegnung mit Christus in sich. Er suchte nicht bei anderen Menschen Rat, sondern zog sich in die Einsamkeit zurück. Damit aus einem Funken Feuer wird, darf kein heftiger Wind ihn in Gefahr bringen. In der Stille wächst das Samen­korn, bis es ans Tageslicht kommt. Von da aus können wir gleich auch auf unser eigenes Leben blicken. Wenn wir Jesus lieben lernen wollen, müssen wir in die Stille gehen, müssen wir innerliche Menschen werden. Der große Missionar Paulus, der so vielen Menschen begegnete und für unzählige zur Brücke zu Gott wurde, zog sich zuerst einige Jahre in die Stille zurück. Auch Jesus selbst hat ja seine Liebe zum Vater dadurch gelebt, dass er oft von den Menschen wegging, um in der Einsamkeit zu sein. Und den Großteil seines Lebens auf Erden hat der Sohn Gottes in der Stille und Ver­borgenheit von Nazareth gelebt: ein großes Geheimnis der Weisheit Gottes.
 
Eine zweite Antwort, wie Paulus in die Liebe zu Jesus hinein­gewachsen ist, gibt er uns im Brief an die Philipper. Dort spricht er von seinem Ringen um die „Gerechtigkeit“. Wie kann ich vor Gott als Gerechter erscheinen? Als Pharisäer war er ja ganz geschult, das Gesetz zu halten und bis ins Kleinste zu erfüllen; also, durch die Erfül­lung der Gebote vor Gott gerecht zu sein. Da die menschliche Schwach­heit diesem Bemühen aber immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht, haben die Pharisäer diese Gesetzeserfüllung vor allem auf das Äußere, Machbare einge­schränkt: auf die äußere Ge­setzes­erfüllung. Als Paulus Jesus ken­nen­gelernt hat, hat er auch begriffen, dass es um die Änderung des Herzens geht, nicht bloß um das Einhalten äußerer Dinge. Und dazu braucht es die Hilfe der Gnade, die ihren Ursprung in der Erlö­sungs­tat Jesu Christi hat. So schreibt Paulus (Phil 3,8‑11):
„Ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. ... Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt. Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.“
 
Und im 2. Korintherbrief (12,5‑10) legt er ein ganz persönliches Zeugnis ab: „Was mich selbst angeht, will ich mich nicht rühmen, höchstens meiner Schwachheit ... Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen: ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse. Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“
 
Je mehr Paulus seine eigene Schwachheit erfuhr und in der Verbundenheit mit Jesus Gnade und Licht erhielt, umso mehr wuchs in ihm die Liebe zu Jesus. Vielleicht erinnern wir uns an die Episode aus dem Evangelium, wo Jesus bei einem Mahl einer Sünderin begegnet und wo er dem Gastgeber folgendes Gleichnis erzählt (Lk 7,41ff):
 
„Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht. Deshalb sage ich dir: Dieser Frau sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.“
»Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.«
2 Kor 12,

Teil 1: Die Christusliebe des heiligen Paulus

Basilika St. Paul vor den Mauern