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P. Burkhard Feuerstein FSO

Paulus, der Apostel der Einheit

Gedanken zur Gebetswoche für die Einheit der Christen 1. Teil

Die Gebetswoche für die Einheit der Christen findet jeweils vom 18. bis zum 25. Januar statt und hat das besondere Anliegen der Einheit jener, die an Christus glauben. Diese Woche erinnert jedes Jahr an das Gebet Jesu im Abendmahlssaal: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). Von der jungen Kirche – von der ersten Gruppe von Gläubigen in Jerusalem – wird berichtet, welchen Eindruck sie auf die Menschen hinterlassen hat: Sie waren ein Herz und eine Seele (vgl. Apg 4,32), so heißt es. Diese in Einheit verbundene Gemeinschaft hat Staunen hervorgerufen. Sie hat etwas sehr Anziehendes an sich gehabt. Wir wollen den hl. Paulus aus der Sicht seines Wirkens für die Einheit in der jungen Kirche betrachten. Sie trägt die Bitte und Verheißung des Herrn in sich: „damit die Welt glauben kann“.

1. Paulus - ein Mensch dem Christus begegnet ist

Der Name „Paulus“ hat unter den ersten Christen zunächst Schrecken und Furcht ausgelöst. Sie wussten, dass er von den Hohenpriestern in Jerusalem Vollmacht hatte, alle zu verhaften, die den Namen Jesu verehrten (vgl. Apg 9,14). Dass sich hier etwas geändert hat, können wir uns nicht ohne das Eingreifen Christi erklären, so wie wir uns auch den hl. Paulus nur von Christus her vorstellen können. Es hat das souveräne Handeln des Herrn benötigt, damit aus dem Verfolger der Christen ein eifriges Werkzeug der Verkündigung seines Namens werden konnte. Von rein menschlichen Überlegungen her wäre dies nie zu erhoffen gewesen. An Paulus ist wohl auch das Lebensopfer des Stephanus wirksam geworden, bei dessen Steinigung der junge Mann aus Tarsus maßgeblich beteiligt war und dessen letzten Worte: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apg 7,60) er wohl gehört hatte. Der Sterbende ist ganz Christus ähnlich geworden und hat dessen Worte auch vor seinem eigenen Tod wiederholt. Nach seiner Hinkehr zu Christus, dem Paulus bei Damaskus begegnet war, konnte es die junge Kirche kaum fassen, dass aus ihm ein Jünger Jesu geworden war. Er versuchte sich ihr anzuschließen, aber alle fürchteten sich vor ihm (vgl. Apg 9,26), wie es in der Apostelgeschichte heißt. Eine große Portion Glaube war nötig, um diesen Mann herzlich und unbefangen in der Kirche aufzunehmen. So ist Paulus durch die Begegnung mit Jesus, durch die Lebenshingabe des Stephanus und durch den Glauben der jungen Kirche an die verwandelnde Kraft des Herrn zu einem Glied der Kirche geworden.

2. Ein Experte im Umgang mit Schuld

An einigen Stellen kommt der Völkerapostel selbst auf seine Vergangenheit zu sprechen. Dies ist nicht unwichtig für uns, denn er zeigt uns darin den Umgang mit Schuld. Wer mit einem schuldbeladenen Herzen zurückbleibt, kann nicht Werkzeug für die Einheit sein. Den Korinthern schreibt Paulus im Rückblick auf seine Vergangenheit: „Ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben“ (1 Kor 15,9-10). Christus verlangt von Paulus nicht lange Entschuldigungen oder Erklärungen. Sein Herz ist Christus, dem Vergebenden, begegnet. Auf seine Frage, was er jetzt tun soll, schickt der Herr ihn zur Kirche. Dort werde er alles erfahren, was er nach Gottes Willen tun soll (vgl. Apg 22,10). Überall, wo Einheit gestiftet werden soll, dürfen Menschen nicht bei Vergangenem stehen bleiben. Hätte Paulus es getan, wäre sein Herz immer bedrückt geblieben. So aber ist er ein Vorbild für Gottes heilende Gnade geworden. Den Philippern kann er schreiben: „Eines tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist“ (Phil 3,13). Sein Leben ist ein Zeugnis dafür, dass Christus seine Vergangenheit und den Gedanken an sie geheilt hat. So konnte aus Paulus ein Mensch werden, der selbst Einheits- und Friedensstifter war.
»Eines tue ich: Ich ver­gesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.«
Phil 3,13

3. Zu den Heiden gesandt

Menschliche Überlegungen hätten Paulus wohl als Apostel für das Judentum ausersehen, war er doch Schüler des berühmten Gamaliel und genauestens nach dem Gesetz des Alten Bundes ausgebildet. Und tatsächlich hat Paulus zunächst auch diesen Weg eingeschlagen. Er trat unter den Juden auf und versuchte sie zu gewinnen. Sowohl in Damaskus als auch in Jerusalem wandte er sich in Streitgesprächen an sie und bewies ihnen, dass Jesus der Messias ist (vgl. Apg 9,22.29). Das Ergebnis war aber zunächst nur Verwirrung. Noch war die Zeit nicht reif. Der Glaube des Neubekehrten musste erst in „ruhigere Wasser“ einfahren. Paulus wehrt sich zunächst gegen diesen Gedanken. Es braucht das erneute Eingreifen des Herrn in einer Vision, der ihm dabei keine langen Erklärungen gibt, sondern ihm nur sagt: „Ich schicke dich in die Ferne zu den Heiden!“ Paulus schreibt über diese fortschreitende Erkenntnis in den Plan Gottes und seinen anfänglichen Widerstand: „Herr, sie wissen doch, dass ich es war, der deine Gläubigen ins Gefängnis werfen und in den Synagogen auspeitschen ließ. Auch als das Blut deines Zeugen Stephanus vergossen wurde, stand ich dabei; ich stimmte zu und passte auf die Kleider derer auf, die ihn umbrachten. Aber er sagte zu mir: Brich auf, denn ich will dich in die Ferne zu den Heiden senden“ (Apg 22,19-21). Paulus soll seine gutgemeinten Gedanken abgeben. Die konkrete Auswahl und Sendung erfolgt durch die Kirche in Damaskus. Es heißt darüber: „Als sie zu Ehren des Herrn Gottesdienst feierten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Wählt mir Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie mir berufen habe“ (Apg 13,2). Das Wirken des Völkerapostels hat also seinen Grund nicht in menschlichen Gedankengängen. Paulus wird sein Platz von Gott durch die Kirche zugewiesen, und von dort aus entfaltet sich sein Segen.