Cover
»«
author
P. Burkhard Feuerstein FSO

Paulus - Apostel der Einheit - 2. Teil

4. Gestärkt durch die Beschlüsse in Jerusalem

Paulus ist vor den Toren von Damaskus Jesus begegnet. Das Evangelium und die Einsicht in seine Auferstehung von den Toten hat Paulus direkt vom Herrn empfangen. Er war nicht wie die anderen Apostel Zeuge des dreijährigen öffentlichen Wirkens Jesu gewesen. Dennoch sucht Paulus die Einheit mit den Aposteln in Jerusalem. Er erwartet viel von der Begegnung mit ihnen. Er ordnet sich ihnen unter. Paulus schreibt über das Treffen mit den Aposteln in Jerusalem: „Ich ging hinauf und legte der Gemeinde und im besonderen den ‚Angesehenen’ das Evangelium vor, das ich unter den Heiden verkündige; ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin“ (Gal 2,2). Er legt der Kirche seine Verkündigung vor und weiß, dass davon Wirksamkeit und Fruchtbarkeit abhängen. Die Frage, in der er Klärung durch die Apostel erbittet, betrifft das konkrete Zusammenleben zwischen den Gläubigen, die aus dem Judentum kommen und jenen, die Heiden waren. Die Apostel in Jerusalem geben Paulus und Barnabas, der mit ihm zieht, eine Antwort auf diese brennende Frage. Und in der Apostelgeschichte wird die Wirkungsgeschichte dieser Entscheidung beschrieben. Es heißt: „Als sie nun durch die Städte zogen, überbrachten sie ihnen die von den Aposteln und den Ältesten in Jerusalem gefassten Beschlüsse und trugen ihnen auf, sich daran zu halten. So wurden die Gemeinden im Glauben gestärkt und wuchsen von Tag zu Tag“ (Apg 16,4-5). An diesem Prinzip müssen wir unbedingt festhalten: Durch die Beschlüsse der Apostel und ihrer Nachfolger wird die Kirche gestärkt und wächst – ein geheimnisvolles aber immer wirksames Prinzip.
 

5. Der Blick auf die Universalkirche

Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sonder alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. (1 Kor 12,24)
Wir können den hl. Paulus als den Gründer von Gemeinschaften kirchlichen Lebens bezeichnen. Die Apostelgeschichte erzählt uns von vielen Orten, in denen Paulus mit seinen Begleitern den Glauben an Christus einpflanzen oder – dort, wo er bereits bestanden hat – festigen konnte. Er hatte die wichtige Aufgabe, daran mitzuwirken, dass der Geist des Christusglaubens auch Gestalt und Struktur im konkreten Leben von Menschen annehmen konnte. Dabei besitzt der Völkerapostel eine gesamtkirchliche Sicht: Die Kirche reicht über die konkrete Gemeinde, in der er sich befindet oder an die er schreibt, hinaus. So verwendet er eine Bildsprache, die für die Gesamtkirche passt, aber auch auf die einzelne Gemeinde angewendet werden kann. Im 1. Korintherbrief spricht Paulus zum Beispiel vom Leib mit den verschiedenen Gliedern (vgl. 1 Kor 12,12-31a). Dadurch wird die Verschiedenheit der einzelnen Gläubigen gewürdigt, aber auch ihre Einheit und Zugehörigkeit zu einem einzigen Leib unter Christus als seinem Haupt. Dieses Bild beschreibt zuerst die ganze Kirche Jesu Christi, kann aber von hier aus auf die Kirche an jedem Ort übertragen werden. Oder Paulus spricht vom Bauwerk und vom Ackerfeld Gottes, an dem viele berufen sind mitzuarbeiten (vgl. 1 Kor 3,5-4,16). Einige haben gepflanzt, andere sind da, um die Saat zu gießen, Gott aber lässt wachsen. Viele haben hier gearbeitet und sich gemüht, sie können aber letztlich das geistliche Wachstum nicht selbst hervorbringen. Neid, Eifersucht oder Selbstgenügsamkeit sind nicht angebracht. Jede einzelne Gemeinde darf sich nicht versteifen im alleinigen Blick auf sich selbst. Sie muss sich in einem größeren Ganzen sehen. Paulus ist ein Lehrmeister dazu. Als Anrede im 1. Korintherbrief verwendet der Völkerapostel die schöne Formulierung: „an die Kirche Gottes, die in Korinth ist“ (1 Kor 1,2). Diese Adresse bringt zum Ausdruck, dass die Kirche das Eigentum Gottes ist, und auch, dass diese mehr ist als die Gemeinde in Korinth. Sie ist als Gemeinschaft von an Christus Glaubenden über den ganzen Erdkreis ausgebreitet. Ein Teil davon befindet sich in Korinth. Aus den Briefen des Völkerapostels wird auch deutlich, dass er die einzelnen Gemeinden einer Provinz einander näherbringen will. So ist zum Beispiel der 2. Korintherbrief nicht nur an die Korinther sondern an die ganze Provinz Achaia gerichtet (vgl. 2 Kor 1,1). Paulus will miteinander in Verbindung bringen. Sie sollen von einander wissen und das Leben miteinander teilen. An einer anderen Stelle sagt er von sich selbst, dass ihn die „Sorge für alle Gemeinden“ (1 Kor 11,28) erfüllt. Der Völkerapostel ist ein Mensch mit einem weiten Herzen. Wenn wir etwa in Korinth von einer Sammlung für Jerusalem (vgl. 2 Kor 8,1-15) hören, dann ist auch dies Ausdruck einer Initiative die mithelfen will, dass eine Gemeinde sich nicht in sich selbst verschließt. Paulus bringt den ersten Zentren des christlichen Lebens den Blick auf die universale Kirche nahe.

6. Die Kirche verkündet den ganzen Willen

Der Glaube und die Verkündigung des Geheimnisses der Kirche ist ein Mittel zur Festigung des Glaubens in den Herzen. Bei den Briefen des hl. Paulus ist es vor allem der Epheserbrief, der das Geheimnis der Kirche zur Sprache bringt, und zwar Kirche als weltweite Gemeinschaft über die Gemeinde hinaus. Von Heinrich Schlier, dem großen Kenner des Neuen Testaments sagt man, dass die Worte über die Kirche im Epheserbrief für ihn Anlass für den Übertritt in die katholische Kirche waren. Die Adressaten dieses Briefes sind praktizierende Christen, die einer gewissen Gefahr der Angleichung an ihre nichtchristliche Umgebung ausgesetzt sind. Sie sind durch ihr Umfeld der Gefährdung durch „Verbürgerlichung“ preisgegeben. Sie werden daran erinnert, dass Gott sie aus Gnade gerettet hat. Durch die Taufe sind sie alle der Macht der Finsternis entrissen und Christus verbunden worden. Gott hat an ihnen bereits Großes gewirkt. Nur zu leicht wird es vergessen und gelingt es dem Versucher, dieses Gnadengeschehen in die Ferne zu rücken. „Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist“ (Eph 4,4f). Es gibt so viele Dinge, die sie gemeinsam haben und so vieles, was sie bereits erfahren haben. Die Erinnerung daran ist wichtig. Einheit unter den Gläubigen braucht ein solides Fundament. Menschen, denen nicht dieselben Werte teuer sind, können nicht wirklich in der Tiefe eins mit ihnen sein. Es könnte eine Quelle großer innerer Einsamkeit sein, wenn den Menschen in der Umgebung das, was unser Herz ganz erfüllt, nichts bedeutet. Die sichere Basis für die Einheit der Glaubenden ist die ganze Lehre Jesu und der Kirche. Der Katechismus der Katholischen Kirche und das Kompendium des Katechismus, die von den Bischöfen dringend gewünscht wurden, sind Ausdruck des Verlangens, dass die wichtigen Dinge klar ausgesprochen und für jeden verfügbar niedergeschrieben werden. In jedem Volk oder auch in jeder Generation gibt es Dinge, die leichter und Dinge, die schwerer zu vermitteln sind. Wenn das Wort eines Verkündigers nicht angenommen oder nicht verstanden wird, kann dies für ihn selbst zu einer Versuchung eigener Art werden. Möglicherweise ist er in Gefahr, das nächste Mal zu schweigen und ein eher schwieriges Thema nicht mehr anzubieten. Auch Paulus muss diese Situation, die es in jeder Diözese, in jeder Pfarrgemeinde, aber auch in jeder Familie und jeder Gruppe von Menschen geben kann, gekannt haben. Den Ältesten von Ephesus kann er aber in seiner Abschiedsrede sagen: „Ich habe nichts verschwiegen von dem, was heilsam ist. … Ich habe mich der Pflicht nicht entzogen, euch den ganzen Willen Gottes zu verkünden“ (Apg 20,20.27). Er hat durch diese Art von Standhaftigkeit eine gute Grundlage für die Einheit der Glaubenden gelegt.
»Ich will mit keinem Wort mein Leben wichtig nehmen, wenn ich nur meinen Lauf vollende, und den Dienst erfülle, der mir von Jesus, dem Herrn, übertragen wurde: das Evangelium von der Gnade Gottes zu bezeugen.«
Apg 20,24

zurück zum 1. Teil