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29.06.2017

Mutter Julia und das Priestertum

Priester Edward Poppe
Das Verlangen, sich für die Priester einzusetzen, wurde bereits in ihrer Kindheit grundgelegt. Als Kind lernte sie nämlich den „Eucharistischen Kinderkreuzzug" kennen, der beim Eucharistischen Kongress 1914 in Lourdes angeregt und danach in vielen Ländern, auch in Belgien, verbreitet worden war. Diese Bewegung, eine der Früchte der Bestimmungen des hl. Papstes Pius X. (1903-1914) zur Förderung der häufigen Kommunion und der Kinderkommunion, hatte zum Ziel, in den Herzen der Kinder durch regelmäßige Zusammenkünfte, Katechesen und eine eigene Zeitschrift die Liebe zum eucharistischen Herrn und zu Maria zu wecken sowie ihre Opferbereitschaft zu fördern. Eine der wichtigsten tragenden Kräfte des „Eucharistischen Kreuzzugs" in Belgien war der Priester Edward Poppe (1890-1924), der von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen wurde. Bei einem Besuch in der Schule begegnete Julia Verhaeghe diesem eifrigen Diener der Kirche, der in ihrer Seele bleibende Spuren hinterließ.
 
„In meinen Kinderjahren war der Priester Edward Poppe ein Werkzeug Gottes, gleichsam eine Tür, durch die meine Seele sich für das milde Licht des Geheimnisses der Eucharistie öffnete. Durch die Eucharistische Bewegung für Kinder wurde ich innerlich sehr zum eucharistischen Herrn hingezogen. Er hat mich ergriffen, begleitet und mit seiner heiligen Nähe genährt." Dieser Priester legte auch den Grund für die Wertschätzung von Mutter Julia für das Priestertum: „In mir entbrannte eine große Liebe für die Priester und für das Sakrament der Priesterweihe. Die Priester sind unsere Wegweiser im heiligen Glauben. Eine heilige Ehrfurcht und Wertschätzung erfüllten mich. In dieser Periode ist in mir der Keim für meine Lebenshingabe zur Heiligung der Priester gelegt worden. Es wurde in mir eine Liebe und Dankbarkeit geweckt, die im Blick auf die Priester als Werkzeuge der Gnade immer größer und fruchtbarer werden sollte".
»Die Kirche braucht heilige Priester; Priester, die den Gläubigen helfen, die barmherzige Liebe des Herrn zu erfahren, und die deren überzeugte Zeugen sind.«
Benedikt XVI.
Als Mutter Julia zwölf Jahre alt war, kam Arthur Cyriel Hillewaere, Priester der Diözese Brugge, als Kaplan nach Geluwe, ihrem Heimatdorf. Er wurde ihr Beichtvater und für viele Jahre ihr geistlicher Begleiter. Mit Glaube und Eifer lebte er sein Priestertum und wurde von vielen Menschen geschätzt und geliebt. In seiner Person begegnete Mutter Julia einem engagierten und für die Fragen der Zeit interessierten und offenen Mann Gottes und der Kirche. Im Namen der wachsenden Gemeinschaft brachte sie einmal ihren Dank mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Es ist angebracht, dass wir Ihnen danken, was Sie seit so vielen Jahren für uns tun und sind, für die herrliche Gabe ihres priesterlichen Lebens und Seins für uns".

Die geistliche Vaterschaft des Priesters

Mutter Julia kommt in ihren Schriften häufig auf das Priestertum zu sprechen. Sie bezeugen die Größe und die Würde der priesterlichen Berufung. Da Mutter Julia ganz aus dem Geist und den Briefen des hl. Paulus lebte, ist ihr Ideal vom Priestertum auch von Paulus inspiriert. Der Völkerapostel wollte ein geistlicher Vater für die von ihm gegründeten Gemeinden sein. Deshalb schreibt er der Christengemeinde von Korinth: In Christus Jesus bin ich durch das Evangelium euer Vater geworden" (1 Kor 4,15). Den Christen von Thessalonich sagt er: „Ihr wisst auch, dass wir, wie ein Vater seine Kinder, jeden einzelnen von euch ermahnt, ermutigt und beschworen haben zu leben, wie es Gottes würdig ist, der euch zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit beruft" (1 Thess 2,11f).  Zur Sendung des Priesters gehört es, durch sein Leben, sein Wirken und sein ganzes priesterliches Sein den Glauben an Christus in den Herzen vieler Menschen zu erwecken. Durch die Verkündigung des Wortes Gottes, durch das priesterliche Gebet, durch die Spendung der Sakramente und durch den Dienst der Leitung wird Christus gleichsam in den Herzen geboren. Mutter Julia schreibt: „Unaussprechlich groß und schön ist die Vaterschaft des Priesters, des Mannes Gottes, der sich mit Herz und Seele in seinem heiligen, königlichen Dienst einsetzt." Der Priester, der seine Berufung als geistliche Vaterschaft versteht und verwirklicht, fördert das Wachstum der Kirche und erfährt sehr viel Glück und Erfüllung in seinem Dienst. Zur Vaterschaft gehört auch die Mühe und der Einsatz, das Kreuz und das Leid. Jesus, der Herr, verwandelt aber die „geistigen Geburtswehen" immer wieder in neues Leben und in Freude.
Häufig machte Mutter Julia die Erfahrung, dass der gläubige Priester vielen Menschen hilft, die Freundschaft mit Gott zu finden und in das Leben Christi einzutreten. Er setzt die Sendung Jesu Christi fort, verkündet und handelt in seinem Namen und ist ein Wegweiser und Helfer zu einem erfüllten Leben in dieser Welt und zur Erlangung der ewigen Seligkeit. Das Volk Gottes darf und soll um solche Priester beten. „Beten wir um heilige Priester! Ihr Leben ist eine Opfergabe. Ihr Wort entzündet das Licht des Glaubens" (Mutter Julia).
 
 
Mutter Julia wusste, dass der Glaube des Volkes Gottes zu einem nicht geringen Teil vom geistlichen und theologischen Niveau der Priester abhängt. Die Kirche braucht heilige und wissende Männer Gottes, „Experten" in den Dingen Gottes und mutige Apostel, die wie Paulus alles einsetzen, um, erfüllt von der Ehrfurcht vor dem Herrn, Menschen für Christus gewinnen (vgl. 2 Kor 5,11).
»Der Priester, der sein Priestertum in Würde und Treue lebt, hat tiefe Strahlkraft und ist für die Menschen ein fortwährender Aufruf, in ihrem Leben die ewigen Werte zu verwirklichen.«
Mutter Julia Verhaeghe