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Veröffentlicht am
10.10.2019
Autor
P. Peter Willi FSO

John Henry Newman und das große Ziel der Heiligkeit

Heilig werden bedeutet schlicht und einfach: Tun, was man als wahr erkannt hat.

John Henry Newman
Newman war einer der größten Prediger der christlichen Religion, als Anglikaner (1801 – 1845) und als Katholik (1845 – 1890). Mit seinen Worten, vor allem aus seinen Predigten, möchte ich auf die Frage antworten: Was macht den Heiligen, was macht Heiligkeit aus?
 
„Der Heilige ist die Schöpfung des Evangeliums und der Kirche“ (DP IV, 180). Das Frohe Botschaft Jesu Christi, die Verkündigung und die Sakramente der Kirche haben die Kraft in sich, in jedem Jahrhunderte viele Heilige hervorzubringen, bekannte und unbekannte. Wer sich einlässt auf das Evangelium und die geistlichen Schätze, die die Kirche anbietet, geht den Weg der Heiligkeit. Er wird die Erfahrung machen, dass er, wie Paulus sagt, eine „neue Schöpfung“ (Gal 6,15) wird. Newman drückt diese paulinische Erfahrung mit den Worten aus: „Die Gnade hat die Natur besiegt: das ist die ganze Geschichte der Heiligen“ (DP XI, 61). In der Taufe sind wir geheiligt worden. Wir haben das Heil empfangen. Durch die Mitarbeit unseres freien Willens soll der „Sauerteig“ der in der Taufe empfangenen Gnade unser ganzes Leben durchsäuern. Diesen Weg zur Heiligkeit ist Newman gegangen, diesen Weg hat er uns gewiesen.
 
Bei seiner Bekehrung im Alter von 15 Jahren hat ihn ein Wort eines evangelikalen Geistlichen beeindruckt: „Heiligkeit vor Frieden!“ Was meint Newman damit? Es bedeutet: Heiligkeit vor Mittelmäßigkeit, Heiligkeit vor Selbstzufriedenheit! Heilig werden bedeutet für Newman schlicht und einfach: Tun, was man als wahr erkannt hat, in die Tat umsetzen, was man als Pflicht, als Wille Gottes, als Wert erkannt hat. Er sagt einmal: „Ich möchte nur behaupten, dass unsere Pflicht in Handlungen besteht – Handlungen jeder Art, Handlungen des Geistes so gut wie der Zunge und der Hand; aber auf jeden Fall besteht sie aus Handlungen; sie besteht nicht unmittelbar in Stimmungen und Gefühlen.“ Taten bringen uns voran und nicht so sehr Wissen, Gedanken, Worte oder Gefühle. Werke des Glaubens und der Liebe aus der Kraft der Gnade verwandeln den Menschen und formen ihn zum Heiligen.
 
Wer sich für den Weg der Heiligkeit entscheidet, zieht andere mit. Er wird aber auch die Erfahrung machen, dass er nicht immer verstanden wird. „Je heiliger einer ist, desto weniger wird er von den Weltmenschen verstanden“ (DP IV 275). Und: „Keiner von uns versteht die, die weit besser sind als wir selbst“ (DP IV, 273). Obwohl die Heiligen manchmal „fremd“ erscheinen, sind und bleiben sie die einflussreichsten Menschen der Geschichte. Es gibt niemanden, der – außer dem Sohn Gottes – so viel Einfluss auf die Menschen ausgeübt hat und noch immer ausübt, als der Heiligste aller Menschen, die unbefleckt empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria. Heiligkeit bewegt die Herzen, wenn auch nicht immer unmittelbar. In diesem Sinn sagt Newman: „Die Heiligkeit hat ihren Einfluss, der Intellekt hat seinen Einfluss; der Einfluss der Heiligkeit ist größer auf die Dauer gesehen, der Einfluss des Intellektes ist größer für den Augenblick“ (DP X, 27).
Die wahren Heiligen sind sich ihrer Heiligkeit gar nicht bewusst, denn „je näher sie dem Himmel sind, umso geringer denken sie von sich selbst“ (III, 263). Sie vergessen sich selbst, deshalb werden sie von anderen nicht vergessen. Sie blicken nicht auf sich, deshalb werden sie von vielen bewundert. Sie erkennen vielmehr ihre Schwachheit und vertrauen umso mehr auf Gottes Erbarmen. Je mehr ihr Leben und Lieben der Vergangenheit angehört, umso mehr jedoch wird ihre innere Größe erkannt und bekannt. Als Newman in die katholische Kirche aufgenommen wurde, verlor er alle weltlichen und kirchlichen Ehren. Um der Wahrheit willen verließ seine geliebte Herde und die vielen Menschen, die in ihm einen guten Hirten hatten. Für viele wurde er „bedeutungslos“. Nach schweren Jahren, nach Karfreitagserfahrungen schenkte ihm Gott die Erfahrung von Ostern. In seiner Barmherzigkeit und Gerechtigkeit schenkte ihm Gott eine viel größere Schar von geistlichen Söhnen und Töchtern, und diese Schar ist ständig im Wachsen. In seinem Leben bewahrheitet sich das, was er einmal so ausdrückt: „Große Heilige, große Ereignisse, große Gnadenzeiten wachsen in die Höhe wie die ewigen Berge, je weiter man sich von ihnen entfernt“ (DP IV, 295).
 

Newman war es wichtig, Heiligkeit als ein für alle erreichbares Ziel vor Augen zu stellen. In hohem Alter formulierte er den kurzen Weg zur Heiligkeit mit folgenden Worten: „Der also ist vollkommen, der sein Tagewerk vollkommen vollbringt, mehr brauchen wir nicht zu tun, um nach Vollkommenheit zu streben. Wir brauchen über den Kreis der täglichen Pflichten nicht hinauszugehen. Ich betone das, weil ich glaube, dass dadurch unsere Anschauungen (Vorstellungen von Heiligkeit) und unsere Anstrengungen auf ein erreichbares Ziel eingestellt werden. Wenn du mich fragst, was Du tun musst, um vollkommen zu sein, so sage ich Dir: erstens –bleib nicht im Bett liegen, wenn es Zeit ist, aufzustehen; die ersten Gedanken weihe Gott, mache einen andächtigen Besuch beim allerheiligsten Sakrament, bete fromm den Angelus (Engel des Herrn), iss und trink zur Ehre Gottes, bete mit Sammlung den Rosenkranz, sei gesammelt, halte böse Gedanken fern, mache Deine abendliche Betrachtung gut, erforsche täglich Dein Gewissen, geh zur rechten Zeit zur Ruhe; und Du bist bereits vollkommen.“

»Von der Allgemeinheit geachtete Menschen sind am größten aus der Entfernung, in der Nähe werden sie ganz klein. Aber die Anziehungskraft der unbewussten Heiligkeit ist zwingend und unwiderstehlich. Sie überzeugt die Schwachen, Ängstlichen, Schwankenden, Suchenden. Sie zieht die Zuneigung und Treue aller nur irgendwie gleichgearteten Menschen an. «
John Henry Newman
Littlemore-Oxford, der Ort seiner Konversion