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Autor
P. Peter Willi FSO

Jesus Christus – Fürst des Friedens

Gedanken zu Weihnachten

Der Evangelist Lukas beginnt seinen Bericht über die Geburt Jesu mit der Angabe seines Geburtsdatums. Er formuliert es auf folgende Weise: "In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum erstenmal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen" (Lk 2,1-2). Die Geburt Jesu Christi war ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung, obwohl es sich in aller Stille vollzog. Dem Evangelisten ist es ein Anliegen, dieses Geschehen in die große Zeit- und Weltgeschichte hinzustellen. Der Sohn Gottes wurde unter der Herrschaft des römischen Kaisers Augustus geboren. Das war sicher kein Zufall, sondern lag in Gottes ewigem Heilsplan begründet. Das ewige Wort Gottes nahm die menschliche Natur zu einem geschichtlichen Zeitpunkt an, als dem damaligen riesigen römischen Reich nach 600 Jahren von Kriegen eine Periode des äußeren Friedens geschenkt war. Der kleine Landstrich Palästina, wo etwa zweieinhalb Millionen Menschen wohnten, davon etwa zwei Millionen Juden (vgl. Kroll 79), gehörte seit dem Jahr 63 v. Chr. zum römischen Weltreich und bildete einen Teil der römischen Provinz Syrien. Nach vielen politischen und sozialen Wirren gelang es Augustus, eine Zeit des Friedens herzustellen. Augustus war wohl der bedeutendste Herrscher des Altertums. In Priene in der heutigen Türkei wurde eine Inschrift aus dem Jahr 9 vor Christus gefunden mit den Worten "Die Vorsehung hat diesen Mann zum Heile der Menschen mit solchen Gaben erfüllt, indem sie ihn uns und den kommenden Geschlechtern als Heiland gesandt hat... In seiner Erscheinung sind die Hoffnungen der Vorfahren erfüllt. Es ist unmöglich, dass je ein Größerer käme."

Kaiser Augustus
War es wirklich undenkbar, dass je ein Größerer käme? Es kam ein unvorstellbar Größerer, der Sohn des lebendigen Gottes, der freilich seine Größe verhüllte und sich nicht als weltlicher Machtmensch präsentierte, sondern die Menschenherzen mit der viel größeren Macht der Liebe, des Erbarmens, der Demut  und der Wahrheit für den wahren Gott gewinnen wollte. Gewiss hat Augustus in seiner 45jährigen Herrschaftszeit Großes geleistet, den Menschen von damals eine Friedensperiode bereitet und den Wohlstand gefördert. Aber trotz all dieser enormen Leistungen war er nicht der "Heiland", der "Erhabene", der "Göttliche" und "Friedensbringer", wie ihn die Menschen damals nannten. Er war nicht der Unüberbietbare, der Retter der Welt. Der wahre Heiland wurde unter seiner Herrschaft in einer kleinen Ortschaft seines gewaltigen Imperiums geboren, in Bethlehem in Judäa. So glanzvoll sich das römische Weltreich damals präsentierte, so sehr gab es auch damals viel menschliches Elend. Die Pax Augusta brachte den Menschen einen politischen Frieden, den inneren Friedens des Herzens aber brachte der Sohn Mariens in die Welt. Wir sollten nicht vergessen, dass Jesus in einer Zeit geboren wurde, die oft nicht kinder- und familienfreundlich war und in der Abtreibung oder die Aussetzung und Tötung geborener Kinder keine Seltenheit waren. Gerade in dieser scheinbar vollendeten und erlösten Welt und in dem von Augustus geschaffenen "optimalen Staat" wurde der Erlöser geboren. Er kam lautlos und still in die Welt. Augustus brachte der Welt von damals einen äußeren Frieden. Aber die pax augusta, der äußere Friede des Augustus, bedurfte der pax christiana, des inneren Friedens des Herzens, den Christus brachte.
 
Auf den Fluren von Bethlehem verkündeten die Engel den Hirten, die ihre Herde hüteten: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2,14). Vor 2000 Jahren wurde Jesus Christus in Bethlehem dem Fleisch nach geboren. In dieser Heiligen Nacht wird er auf geheimnisvolle Weise erneut in den Herzen vieler gläubiger Menschen in aller Welt geboren. Diese seine erneute Geburt wird im Himmel mit Jubel und Anbetung besungen, und wir selber empfangen von Gott das überaus kostbare Geschenk des Friedens. Wie viel inneren Frieden gießt Gottes Barmherzigkeit in dieser Nacht und in diesen gnadenvollen Tagen der weihnachtlichen Festzeit in viele Herzen aus.
Der Stolz ist das das bittere Erbe Adams in uns. Diese Erfahrungen in uns sollen wir immer wieder der Barmherzigkeit Gottes übergeben und den Herrn bitten, er möge uns helfen, in der Demut zu wachsen. Es gibt verschiedene Wege, um den Frieden des Herzens zu empfangen und zu bewahren. Einer dieser Wege ist die Demut. Wer in der Demut bleibt, kann vom Teufel nicht durcheinander gebracht werden. Durch die Demut schenkt Gott dem tiefsten Sein unseres Wesens seinen Frieden. Dieser Friede verlässt uns auch dann nicht, wenn es hektische oder arbeitsreiche Stunden in unserem Leben gibt, wenn wir kämpfen und ringen müssen oder ein Kreuz uns auferlegt wird.
 
Die meisten von uns leben seit Jahrzehnten in Ländern, die keinen Krieg kennen. Aber wir leben in einer Welt, in der viele Menschen den göttlichen Frieden nicht im Herzen tragen, weil sie sich im Todesschatten der Sünde befinden. Als gläubige Menschen dürfen wir den Frieden bezeugen und bringen. Menschen des inneren Friedens schenken anderen Halt und Geborgenheit, sie sind ein Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht. Wo sie sich aufhalten, da entsteht eine Atmosphäre des Friedens. Jene, die Mutter Julia näher gekannt haben, wissen, dass von ihrem ganzen Wesen Frieden ausging. Da ihr ganzes Sein in Gottes Liebe eingetaucht war, ging von ihr eine Kraft des Friedens aus. Einmal sagte sie: „Der Friede ist eine große Kraft, der imstande ist, wie ein König ohne Heer zu regieren, wenn seine Quelle ihren Ursprung im Schöpfer aller Dinge, der sichtbaren und der unsichtbaren findet, in Gott, der der souveräne Herr über dem Menschen und sein Erretter ist“.
 
Wenn man die Geburtskirche in Bethlehem besucht, muss man sich zuerst bücken. Die Fassade der alten wunderschönen konstantinischen Basilika wurde zugemauert, um das Gotteshaus vor heranstürmenden Feinden zu schützen. Nur ein kleiner Eingang wurde offen gehalten. Außer Kindern müssen sich alle bücken, um in die Kirche zu gelangen, und jeweils nur einer kann durch dieser Türe hindurch. Dieser kleine Zugang ist ein Sinnbild für die Demut. Der demütige Mensch, der den Hochmut des Geistes in der Kraft der Gnade ablegen durfte, kann das unfassbare Geheimnis der Menschwerdung Gottes annehmen. Der demütige Mensch empfängt bei der Krippe inneren, himmlischen Frieden, jenen Frieden, den Augustus nicht bringen kann. Dieser Friede kann uns durch keine negative Erscheinung in der Welt genommen werden. Auch in schwersten Stunden und Situationen ruht dieser Friede in unserer Seele und auch seine Zwillingsschwester, die Freude. Auch in diesem Jahr wird es uns neu verkündet: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.
 
Eingang zur Geburtskirche in Bethlehem
»Der Friede ist eine große Kraft, der imstande ist, wie ein König ohne Heer zu regieren.«
Mutter Julia Verhaeghe