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Autor
P. Johannes Nebel FSO

Jesu Liebe zu uns

Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.

Glasfenster, Kapelle in Villers Notre-Dame
 
 
Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes :
 
"In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird."
(Joh 15, 9-11)
 
 
 
Diese Stelle des Johannesevangeliums hat Formulierungen, die uns rätselhaft vorkommen können: "Wie Mich der Vater geliebt hat, so habe auch Ich euch geliebt." Warum ist das in der Vergangenheitsform ausgesagt? Liebt etwa jetzt Gott Vater seinen einziggeborenen Sohn nicht mehr? Liebt Christus uns jetzt etwa nicht mehr? Der Grund für diese etwas seltsamen Formulierungen liegt in der biblischen Redeweise. Das Neue Testament ist ja ursprünglich in griechischer Sprache verfasst, und diese Sprache kennt eine Zeitform, die nur schwer in westliche Sprachen zu übersetzen ist. Wenn wir die Liebe Gottes sprachlich ausdrücken wollen, sagen wir selbstverständlich einfach: "Gott liebt" – Gott 'liebt' seinen Sohn, Gott 'liebt' uns alle. Damit meinen wir dann: Gott liebt grundsätzlich, ja ewig. Die biblische Denkweise ist eine andere. Sie formuliert nicht unveränderliche Tatsachen, sondern geht aus von der konkreten Erfahrung. Mit der besonderen Zeitform, die hierbei gerne verwendet wird, dem sogenannten Aorist, blickt der biblische Mensch auf den Anfang und auch auf den Endpunkt einer bestimmten Erfahrung. Eine griechische Sprachlehre formuliert treffend: "Statt das Ergebnis einer Erfahrung in einem Satz von allgemeiner Gültigkeit zusammenzufassen, berichtet der Grieche über die gemachte Erfahrung selbst und überlässt es dem Hörer, den Schluss daraus zu ziehen" (Lutz-Krohmann, Griechische Satzlehre [1928], S. 49).
Nun kann das Wort des Evangeliums für uns sehr lebendig werden! Wenn Jesus nämlich sagt: "Wie Mich der Vater geliebt hat, so habe auch Ich euch geliebt" – so kann man dies auffassen als den Endpunkt einer ganz konkreten Erfahrung. Weil die Erfahrung aber ihren Grund in Gott hat, ist der Endpunkt zugleich der endgültige Punkt. Vielleicht könnte man das Wort des heutigen Evangeliums ungefähr so verdeutlichen: "Wie Ich erfahren habe, dass der Vater mich liebt, so bin auch ich dazu gekommen, euch zu lieben." Aber das ist erst dann richtig verstanden, wenn es endgültig, also unabänderlich gemeint ist. Es ist nicht heute so und morgen anders.
Ihr seid Zeugen dafür. Lk 24,48
Jesus beschreibt seinen Jüngern nicht nur, welche ewige Beziehung Gott zu Ihm und zu den Menschen hat, sondern Jesus erzählt ihnen von seinem eigenen Leben mit Gott; Er erzählt ihnen auch konkret von seiner eigenen Beziehung zu den Menschen. Eine konkrete Erzählung ist immer etwas Fesselndes. Eine bloße Beschreibung dagegen kann schnell langweilig sein. Der Unterschied zwischen beidem kann gut veranschaulicht werden. Ich kann beispielsweise einen herrlichen Bergsee sehr gut beschreiben – vielleicht sogar ohne je dort gewesen zu sein. Ich kann sagen: 'Dieser See ist so lang und so breit und ist auf dieser Seite von diesen und auf der anderen von jenen Bergen umgeben, die so und so hoch und grün oder felsig sind.' Aber wenn ich selbst den See erlebt habe, wenn ich eine eigene konkrete Erfahrung von der ihn umgebenden Bergwelt gemacht habe, kann ich alles als ein Ereignis – beispielsweise durch eine Überquerung mit einem Boot – lebendig schildern. Das ist viel aussagekräftiger, ja es nimmt jene, die nicht dabei waren, nachträglich im Geist mit zu dem, was man selbst erlebt hat.
 
Genau darum geht es Jesus, wenn Er seinen Jüngern gegenüber nicht bloß Gottes Liebe als eine ewige Eigenschaft beschreibt, sondern seine eigene Erfahrung dieser Liebe erzählt. Um dies nun in kurzen Worten – gemäß der Knappheit des Evangeliums – in einer westlichen Sprache (wie beispielsweise dem Lateinischen) wiederzugeben, bleibt leider kaum eine andere Möglichkeit, als dies in der Vergangenheit auszudrücken, und so kommt es zu der für uns etwas seltsamen Formulierung "Wie Mich der Vater geliebt hat, so habe auch Ich euch geliebt." Aber wir sehen nun, was für eine Kraft konkreter Erfahrung, was für eine Lebenskraft eigentlich darin steht!
Und aus dieser Lebenskraft heraus kann Jesus dann hinzufügen: "Bleibt in meiner Liebe!" Die Lebenskraft dessen, was Jesus den Jüngern gerade von der Liebe Gottes erzählt hat, ist so anziehend, dass die Jünger – und wir alle – diesen Auftrag Jesu gerne beherzigen. Wie aber sollen wir in Jesu Liebe bleiben? Jesus macht es konkret: "Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben." Und wieder kommt nun eine Formulierung der Vergangenheit, in der Jesus aber ebenfalls nur konkret erzählen will: "so wie Ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe". Jesus hat es – das will Er hier sagen – konkret erfahren, was es heißt, dem Willen seines himmlischen Vaters treu zu bleiben. Jesus ist also Zeuge; Er gibt konkret Zeugnis von Gott und von seiner Beziehung zu Gott.
 
Das lieben wir ja heute, wenn jemand auftritt und ein Zeugnis seines Lebens, seines Glaubens, seiner Bekehrung gibt. Genau so hat sich Jesus seinen Jüngern gegenüber verhalten. Und wie wir heute von einem fesselnden Lebenszeugnis beflügelt werden können, so sollen wir – wie damals die Jünger – auch vom Zeugnis Jesu begeistert werden! Und dieser Begeisterungskraft verleiht Jesus am Ende des Evangeliums noch Ausdruck, wenn Er sagt: "Dies habe Ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird." Ja, auf die Freude, auf das echte Lebensglück, darauf kommt es an! Das ist Jesu tiefste Absicht für jeden von uns; das war es Ihm wert, für uns am Kreuz zu sterben.
 
(Auszug aus einer Fernsehpredigt, Mai 2017)