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Autor
P. Johannes Nebel FSO

Ist dieses Kind in der Krippe der Sohn Gottes.

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Im Zentrum von Weihnachten steht kein gewöhnlicher Geburtstag, sondern die Geburt dessen, den wir Christen gläubig als den Messias bekennen. Damit ist das Stichwort bereits gefallen, das uns zur Botschaft der heutigen Lesungen führt: Bekenntnis und Verleugnung. Im Evangelium haben wir nochmals von Johannes dem Täufer gehört, das ist uns von der Adventszeit her bereits vertraut.
Dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden von Jerusalem aus Priester und Leviten zu ihm sandten mit der Frage: Wer bist du? Er bekannte und leugnete nicht; er bekannte: Ich bin nicht der Christus. Sie fragten ihn: Was dann? Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein. Da sagten sie zu ihm: Wer bist du? Wir müssen denen, die uns gesandt haben, Antwort geben. Was sagst du über dich selbst? Er sagte: Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste: Ebnet den Weg für den Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat. Die Abgesandten gehörten zu den Pharisäern. Sie fragten Johannes und sagten zu ihm: Warum taufst du dann, wenn du nicht der Christus bist, nicht Elija und nicht der Prophet? Johannes antwortete ihnen: Ich taufe mit Wasser. Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt, der nach mir kommt; ich bin nicht würdig, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen. Dies geschah in Betanien, jenseits des Jordan, wo Johannes taufte. (Joh 1,19-28)
Vor Weihnachten aber lag der Akzent eher auf der Aussage "Ebnet den Weg für den Herrn!" – als adventliche Vorbereitung auf die Weihnachtstage. Nun jedoch blicken wir in unseren schönen Weihnachtskrippen auf das neugeborene Jesuskind. Daher liegt für das heutige Evangelium der Akzent darauf, dass Johannes, wie es heißt, auf die Frage "Wer bist du?" "bekannte" und "nicht leugnete". Was bekannte Johannes? Er sagte: "Ich bin nicht der Messias." Normalerweise hat ein Bekenntnis nicht etwas zum Inhalt, was nicht ist, sondern etwas, was der Fall ist.
Hier aber wird etwas, was nicht der Fall ist, auf den Rang eines Bekenntnisses gehoben. Das ist höchst auffällig und ungewöhnlich. Es geht nur, wenn die Aussage über das, was nicht der Fall ist, ihrerseits klar hinweist auf das, was der Fall ist. Indem Johannes bekannte "Ich bin es nicht", gilt zugleich, dass er, wie es im Evangelium heißt, "nicht leugnete". Was aber leugnete er nicht? Das wird erst am Ende des Evangeliums angedeutet, nachdem Johannes noch eine ganze Reihe hartnäckiger Fragen der jüdischen Obrigkeit über sich hat ergehen lassen. Da alles ja noch vor Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu war, formuliert Johannes sehr zurückhaltend: "Mitten unter euch steht Einer, den ihr nicht kennt und der nach mir kommt". Dann aber kommt eine ganz markante Bekenntnisaussage: "Ich bin nicht würdig, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen", sprich, ich bin es nicht einmal wert, Ihm auch nur den allergeringsten Dienst zu erweisen. Derjenige also, den die Menge noch nicht kennt, muss eine Würde und Größe haben, der ein Dienst selbst aus größter menschlicher Erniedrigung (aus sich selbst heraus) nicht gerecht wird.
Damit hat Johannes der Täufer unmissverständlich auf die endzeitliche Würde des Messias hingewiesen. Wir müssen dabei vor Augen haben, wie etwa im Buch des Propheten Daniel vom endzeitlichen Messias Israels die Rede ist: "Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter" (Dan 7,13f.). Ja, so groß müssen wir vom Messias denken und empfinden, um die Aussage Johannes' des Täufers verstehen zu können, dass er sich nicht für würdig hielt, dem Messias die Schuhriemen zu lösen! Erst wenn wir diese Tragweite miteinbeziehen, spüren wir, welch ein großes Messiasbekenntnis in den Worten des Vorläufers verborgen ist. Aber genau diesen hohen Messias bekannte Johannes als denjenigen, der bereits "mitten unter euch steht", also nicht als jemanden, der in fernen Zeiten irgendwann einmal kommen wird. Das ist das Packende und Herausfordernde an seinem Bekenntnis!
Und so wenden wir uns jetzt auch der heutigen Lesung zu:
Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater. Für euch gilt: Was ihr von Anfang an gehört habt, soll in euch bleiben; wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang an gehört habt, dann werdet auch ihr im Sohn und im Vater bleiben. Und das ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben. Dies habe ich euch über die geschrieben, die euch in die Irre führen. Was euch betrifft, so bleibt die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, in euch und ihr braucht euch von niemandem belehren zu lassen; wie euch vielmehr seine Salbung über alles belehrt, so ist es auch wahr und keine Lüge. Und wie er euch belehrt hat, so bleibt ihr in ihm. Und jetzt, meine Kinder, bleibt in ihm, damit wir, wenn er erscheint, Zuversicht haben und bei seinem Kommen von ihm nicht beschämt werden! (1 Joh 2,22-28)
Diese Worte bringen die Frage nach Bekenntnis und Verleugnung auf den äußersten Punkt: "Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist". Es geht hier nicht um irgendeinen Lügner, nicht um irgendeine beliebige Falschaussage, sondern um eine Lüge, die als 'die Lüge schlechthin' erachtet wird, also sozusagen als die Lüge aller Lügen. Diese Lüge besteht darin, zu verleugnen, dass Jesus von Nazareth der Messias ist. Blenden wir hierzu gleich auch wieder die eben zitierte Vision des Propheten Daniel ein, dass der Menschensohn vor den Hochbetagten geführt wird. Das heißt, dass der Messias den endgültigen und ewigen Zugang zu Gott hat. In genau dieser Konsequenz steht, was wir heute in der Lesung hörten: "Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater."
Ist dieses Kind in der Krippe jener endzeitliche Messias, der Sohn Gottes, dem – wie es bei Daniel heißt – "alle Völker" endgültig und unabänderlich dienen sollen?
Liebe Brüder und Schwestern, es geht also um diese eine Frage – es ist die Kernfrage, mit der das Weihnachtsgeheimnis uns trifft und herausfordert: Ist dieses Kind in der Krippe jener endzeitliche Messias, der Sohn Gottes, dem – wie es bei Daniel heißt – "alle Völker" endgültig und unabänderlich dienen sollen? Bekennen wir uns dazu, dass dieses liebliche Kind, dieser "holde Knabe in lockigem Haar", wie es im Lied "Stille Nacht" heißt, jener ist, der allein der gesamten Welt und Menschheit Zugang zu Gott verschafft? Wenn wir dies nicht bekennen, dann – so die Logik der heutigen Lesung – verleugnen wir ihn.
 
Wir werden es jetzt wohl spontan abstreiten, zu den Christusleugnern zu gehören. Geb's Gott, dass wir alle treu am christlichen Glaubensbekenntnis festhalten. Es darf aber darauf hingewiesen werden, dass die Verleugnung Christi heutzutage teilweise subtile und getarnte Erscheinungsweisen angenommen hat, leider bisweilen auch innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft. Das Subtile moderner Christusverleugnung besteht darin, dass man den Kern des Messiasanspruchs Jesu von Nazareth abmildert oder verschweigt und dafür andere Aspekte betont, die auch für allgemeines säkulares Empfinden nachvollziehbar sind. Jesus ist dann vor allem ein ethisches Vorbild, ein Prophet neuer humaner Werte, wozu menschliche Güte und Barmherzigkeit, Friedensstiftung, Nähe zu den Am-Rande-Stehenden oder Toleranz gegenüber Andersdenkenden gehören. Betont wird auch sehr stark, Jesus sei unser Bruder: Er soll möglichst ganz und gar einer von uns allen sein, dann ist er allgemein annehmbar. Und wenn Jesus allgemein annehmbar gemacht wurde, dann – so die Hoffnung mancher Christen – könne das Christentum vor der modernen Welt wieder glaubwürdig werden. Die Frage stellt sich dann freilich, was hierbei noch wirklich geglaubt werden muss (oder kann).
 
Man müsste dann aber konsequent sein. Denn mit diesem Christusbild wäre im Rückblick das Verhalten der frühchristlichen Märtyrer nachträglich als Irrtum anzusehen. Grund für das Martyrium war ja, dass die Christen sich weigerten, am offiziellen Staatskult des heidnischen Rom teilzunehmen. Gemäß modernen Denkmustern müsste man hier anfragen: Warum denn nicht? Wäre nicht offener Dialog und die Betonung von Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Heidentum weiterführender gewesen? Hätte die frühe Kirche nicht höchsten Respekt vor den ehrwürdigen rituellen Traditionen der altrömischen Religion bekunden müssen? Und dann auch Respekt vor dem römischen Kaiser? Hätte dieser Respekt nicht nahegelegt, dass die Christen selbstverständlich auch seitens der Kirche zur Teilnahme am Staatskult veranlasst werden, wobei die Überzeugung, dass der Kaiser gerade einmal keine Gottheit ist, nur noch still im Herzen rein persönlich zu wahren gewesen wäre? Hätte nicht gerade das Christentum im damaligen römischen Reich – ähnlich wie heute – die Aufgabe gehabt, der gesellschaftlichen Einheit tunlichst zu dienen? Hätte man deshalb nicht auch den Kaiserkult als hohen Respekt vor seiner staatlichen Autorität tolerieren und mittragen müssen? Die frühe Kirche wäre dann vielleicht um manche Christenverfolgungen herumgekommen. Vielleicht wäre Blutvergießen erspart geblieben. Die Christen hätten versuchen können, Protagonisten für ein neues Miteinander verschiedener religiöser Auffassungen zu werden, und Jesu Güte und Liebe dafür als Anknüpfungspunkt zu nehmen. Das ist bewusst einmal ganz von heute her gedacht, denn so hätte man es heute gerne: Ein Christentum unter Führung eines human-ethischen Jesusbildes, das seinen Beitrag zu einem neuen Weltethos leistet.
 
Das würde sogar gehen – wenn man von einer Wahrheit absieht: Dass Jesus aus christlicher Überzeugung eben Sohn Gottes und Messias ist. Dafür leben wir, und darauf sterben wir auch – darauf ruht unsere ganze Hoffnung, zu der wir freimütig stehen. Das bedeutet nämlich: Die Welt kommt von Gott und muss auch wieder zu Gott zurückkehren. Gott hat das erste und auch das letzte Sagen! Der Messias tritt von Gott her in die Welt herein, um sie als ganze zu Gott zu führen. Wegen der Sünde hat dies den Messias das Kreuzesopfer kosten müssen. In jedem Fall aber hat der Messias von Gott her alle Rechte über Welt und Menschheit – und zwar er allein, kein anderer Religionsgründer und Weisheitslehrer, und auch nicht erst am Weltende, sondern hier und jetzt, und zwar nicht nur privat in stiller Herzensmeinung, sondern öffentlich, weil Gottes Offenbarung und Gottes Weltlenkung nun einmal Öffentlichkeitscharakter haben.

Das war in frühchristlichen Zeiten so klar und unhinterfragt, dass es im Falle von Verfolgungen keine Alternative zum höchsten Liebeszeugnis für Christus, dem Blutsmartyrium, gab. Heute aber werden humane Ideale wie Offenheit, Transparenz, Dialog, Toleranz und soziale Solidarität sehr großgeschrieben. Diese Ideale haben gewiss eine relative Bedeutung und auch christliche Wurzeln; das Gute daran soll hier nicht in Abrede gestellt werden. Doch in der heutigen Akzentsetzung droht der messianische und göttliche Kern des Christseins zu versinken. Dadurch aber gerät eine gewisse Form modernen Christentums – unmerklich und ohne es zu wollen – in die Umtriebe jener Gegenseite, welche die Lesung heute als Antichrist bezeichnet! Amen.

Predigt am Donnerstag, dem 2. Januar 2020, in Gossau (K-TV)