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Leo Kardinal Scheffcyzk

Herz Jesu, Inbegriff der christlichen Religion

eine bisher unveröffentlichte Predigt von Kardinal Leo Scheffcyzk am Herz-Jesu-Fest 1995

Wenn die großen Feste des Kirchenjahres mit Pfingsten ihren Höhepunkt erreicht haben, dann scheint alles Nachfolgende von geringer Bedeutung zu sein. So auch das Herz‑Jesu‑Fest. Man weist darauf hin, dass dieses Fest erst im 18. Jahrhundert in die Kirche eingeführt wurde (1765), dass es aus einer Privatoffenbarung an Maria Margarete Alacoque (1675) stammt, dass die Verehrung des Herzens Jesu stark vom Gemüt und Gefühl getragen sei und so für den wesentlichen Glauben nicht viel Neues bringe.

Aber man muss hier richtig unterscheiden zwischen dem äußeren Kult der Herz‑Jesu-Verehrung und der inneren Wahrheit.
 
Die innere Wahrheit der Herz‑Jesu‑Verehrung war schon den ersten Christen aus der Bibel bekannt. Denn hier lasen sie ja den Vers, der Ausgangspunkt und Fundament aller Herz‑Jesu‑Verehrung gewesen und geblieben ist: „Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser daraus“ (Joh 19,34). Hier lasen sie auch schon die Verheißung: „Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben“ (Joh 19,37).

Schon die Kirchenväter entwickelten aus diesen Versen reiche Gedanken. Sie erkannten, dass die Öffnung der Seite Jesu einen Höhepunkt der ganzen Heilsgeschichte darstellte; denn aus dem durchstoßenen Herzen floss die Gnade der Erlösung in die Welt. Hier wurde der Tod des Erlösers zur Quelle des neuen Lebens.

Diese Quelle war aber in das Strombett der Sakramente gefasst und eingefügt; denn das Wasser bedeutete die Taufe und das Blut die Eucharistie. Da man aber wusste, dass die Einzelsakramente nur wie Zweige an dem Baum eines großen umfassenden Sakramentes wachsen können, erfasste man auch die Wahrheit, dass aus der Seitenwunde Christi die ganze Kirche als das Ganzsakrament erflossen sei. Aus dem erstorbenen Leib Christi ging auf geheimnisvolle Weise der geistige, mystische Leib hervor, welcher die Kirche ist. So wurde das geöffnete Herz als der Konzentrations- und Wachstumspunkt der entscheidenden Wahrheiten des Glaubens gesehen.
Dass dieses Herz solche Kräfte entlassen konnte, lag daran, dass es das Herz des Gottmenschen war, der als Sohn des Vaters einen Leib angenommen hatte und diesen am Kreuz opferte. So wurde dem Glauben immer deutlicher, dass hinter dem Geheimnis des Herzens Jesu das Geheimnis der Trinität stand, genauso wie das Geheimnis der Menschwerdung, der Erlösung, der Sakramente und der endgültigen Heimholung der Welt. Weit entfernt von einer privaten, gefühlsbetonten Frömmigkeitsform konnte Pius XI. die Herz‑Jesu‑Verehrung als den „Inbegriff der ganzen christlichen Religion“ und als „die Wegweisung zur Vollkommenheit“ bezeichnen.

Aber man fragt sich, warum diese Wahrheiten gerade mit dem Herzen Jesu verbunden werden müssen. Genügte dazu nicht die Verehrung der Person Christi allein?

Das liegt an der einzigartigen Symbolkraft des menschlichen Herzens. Das Herz ist im symbolischen Denken des Menschen die Mitte der leib‑seelischen Einheit des Menschen, das Zentrum der innersten geistigen Regungen der sittlichen Persönlichkeit, der Ort der höchsten Konzentration menschlicher Innerlichkeit und der tiefste Einigungspunkt von göttlicher und menschlicher Liebe bei Christus.
 

Ausschnitt aus einem Fresko in Rom, S. Cecilia
Wenn man vom Herzen eines Menschen spricht oder gar an sein Herz appelliert, dann meint man nicht nur diesen Menschen selbst, das Subjekt oder die Person; man meint vielmehr den tiefsten Einheitsgrund dieser Person, den verborgenen Brennpunkt, in dem alle Strahlen des geistigen, des seelischen, des gefühlsmäßigen und gemüthaften Lebens zusammentreffen und aus dem sie hervorkommen.
 
So ist das Herz Jesu auch das zentrale Organ des gottmenschlichen Lebens des Erlösers, in dem sich alle Regungen des göttlichen wie des menschlichen Lebens zusammenfinden und sich zur höchsten Konzentration der göttlichen wie der menschlichen Liebe zusammenschließen.
 
Wenn wir aus dem Munde Christi die Worte über das Hauptgebot der Liebe hören: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Gemüte, aus all deinen Kräften und aus all deinen Gedanken“ (Lk 10,27), dann sind alle diese Bewegungen und Regungen im Herzen des Menschen vereint und quellen aus ihm empor.

Das gilt auch für das Herz Jesu, nur mit dem gewichtigen Unterschied, dass sich hier die menschlichen Kräfte mit dem göttlichen Wesen und der Macht Gottes vereinen, so dass das Herz Jesu, wie es an einer Stelle der Herz‑Jesu‑Litanei heißt, „Abgrund aller Tugenden“, „Wohnstatt der Gerechtigkeit und Liebe“, „Feuerherd der Liebe“ ist. Es bildet das unendliche Strahlungszentrum aller gottmenschlichen Geistes- und Lebenskräfte, das sich wie die Strahlen der Sonne mitteilen und auf alle Kreaturen überfließen will.

So haben es auch die großen Mystikerinnen des Mittelalters verstanden, welche weit vor dem kirchlichen Herz‑Jesu‑Fest die Wahrheit vom Herzen Jesu erkannten. So Gertrud die Große: „Siehe, das ist das Heiligste, das alles Gute im Himmel und auf Erden in sich begreift“. Das Herz Jesu ist die einzigartige Verinnerlichung, Verlebendigung und Verdichtung dessen, was die Person Jesu Christi darstellt und bedeutet.

Wenn wir diese Bedeutung des Herzens Jesu begreifen, dann werden wir auch verstehen, welche Bedeutung die Hinwendung gerade zum Herzen Jesu für den Menschen, für seinen Glauben und für sein Gottverhältnis hat; denn das Herz spricht zu unserem Herzen; was aus diesem Herzen kommt, das dringt auch wieder zu Herzen.

So ist das Herz Jesu zugleich auch die Kraft zur Erweckung der Gegenliebe in den Menschen, zum innersten Ergriffenwerden von der Liebe Gottes, die eben im Tiefsten des Menschen, in seinem Herzen, wohnen soll. Die Großen der Herz‑Jesu‑Verehrung, wie etwa Mechthild von Magdeburg, haben immer beklagt, dass die Liebe zu Gott in den Herzen der Menschen erkaltet ist. Die Betrachtung des Herzens Jesu soll auch unser Herz wie eine gleichgestimmte Saite zum Schwingen bringen und in uns die Gottesliebe erwecken. Die Erweckung dieser Liebe macht den Menschen erst zu dem, was er vor Gott sein soll: Kind und Sohn Gottes, Gottes Freund und Gottes Ebenbild.

Dabei soll es sich nicht um eine ichsüchtige, egoistische Liebe handeln. Diese Liebe oder Gegenliebe soll der Urliebe Jesu Christi entsprechen und ihr ähnlich sein. In einem Herz‑Jesu‑Gebet bitten wir den Herrn: „Bilde unser Herz Deinem Herzen gleich“. Wir müssen deshalb zuerst die Art und den Charakter der im Herzen Jesu wirkenden Liebe zu erkennen suchen. Es war keine Liebe des Besitzenwollens oder der Begehrlichkeit, wie sie die Menschen empfinden. Es war vielmehr eine demütige, selbstlose, sich selbst vergessende Liebe. Von ihr sagt der hl. Paulus im Philipperbrief: „Er wollte Gott nicht gleich bleiben, er entäußerte sich selbst, und wurde wie ein Sklave, den Menschen gleich … Er erniedrigte sich selbst“. Es war die Liebe des Dienstes und der Hingabe an die anderen.

Nur eine solche Liebe konnte die sündige Welt retten, weil sie die stellvertretende Sühne für die Sünde leistete.

Die dem Herzen Jesu entsprechende Liebe muss deshalb so geartet sein, dass sie stellvertretend für andere eintritt, für andere opfert und sühnt. Dadurch kann im geheimnisvollen Leibe Christi den kranken und schwachen Gliedern neue Lebenskraft und neue Gnade angetragen werden. Pius XII. hat es einmal einen geheimnisvollen und erschütternden Gedanken genannt, dass vom Tun und Lassen der einen das Heil und Unheil der anderen abhängen kann.

Schließlich wird unsere Liebesantwort auf die Liebe des Herzens Jesu dann entsprechend und treffend sein, wenn wir die Liebe als eine leidende Liebe erfahren und annehmen. Das Herz Jesu, das wir verehren, ist ja das gebrochene, das vom Leiden durchbohrte, das verwundete Herz. Daraus können wir ersehen, dass unsere Gegenliebe nur dann echt und christusgemäß sein kann, wenn es eine leidenswillige Liebe ist.

Auch bei den Gutwilligen ist es oft so, dass sie sich einer beglückenden, erfüllenden Gottesliebe hingeben möchten, dass sie aber zurückschrecken, wenn sie aus Liebe leiden müssen. So verstehen wir oft nicht, wenn unser guter Wille, unsere Gottesliebe, so von Widerständen, von Misserfolgen, von Anfeindungen und Schmerzen begleitet ist.

Das muss so sein, wenn die Liebe ganz selbstlos werden soll. Die leidende Liebe ist erst die vollkommene, die Christus angeglichen ist. Aus der leidenden Liebe Gottes erwuchs die Erlösungskraft. Wenn wir uns dieser Kraft anschließen wollen, muss unsere Liebe auch eine gekreuzigte sein.

© Scheffczyk-Zentrum, Bregenz

Die geistliche Familie "Das Werk"

 

»O heiliges und gütiges Herz Jesu, Du bist verborgen in der heiligen Eucharistie und schlägst noch immer für uns.«
Selige John Henry Newman