Cover
»«
author
P. Peter Willi FSO

FRIEDE - das Ostergeschenk des Herrn

Fünf Wege zum inneren Frieden

Die Osterevangelien berichten uns, dass der auferstandene Herr seine Jünger mit den Worten begrüßte: Der Friede sei mit euch! Diese Worte beinhalteten nicht nur einen Wunsch, sondern waren ein wirkliches Geschenk. Der Herr erfüllte die Herzen seiner Apostel mit österlichem Frieden. Wie sehr bedurften sie des Friedens nach all den Ereignissen, die hinter ihnen lagen. Vieles war geschehen zwischen dem letzten Abendmahl und dem Ostermorgen. Zunächst hielten die Apostel mit ihrem Herrn das Paschamahl. Es war der bewegende Abschiedsabend, an dem ihnen der Herr die Füße wusch, ihnen das Gebot der Liebe anvertraute und ihnen seinen Leib und sein Blut reichte. Mit den Worten „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ beauftragte er sie, dieses Opfermahl auch in Zukunft zu halten. Als er an diesem Abend dem Petrus voraussagte, dass er ihn verraten werde, versprach der erste der Apostel, dass er dies niemals tun werde. Das gleiche versprachen auch alle anderen (vgl. Mk 14,31). Dann folgten bittere Ereignisse, Schlag auf Schlag. Der Verleugnung des Petrus; der Verrat des Judas und sein Selbstmord; der skandalöse Prozess Jesu durch die Hohenpriester, vor Pilatus und Herodes; die Flucht der Jünger, außer Johannes; die schreiende Menge; der Kreuzweg und der stundenlange Todeskampf Jesu am Kreuz; der Zusammenbruch der Hoffnung der Apostel; die maßlose Enttäuschung, die Mutlosigkeit und dann die Nachricht der Frauen vom leeren Grab und von der Auferstehung. Die Apostel reagierten darauf zuerst mit Unverständnis. Lukas berichtet uns: „Doch die Apostel hielten das alles für Geschwätz und glaubten ihnen nicht“ (Lk 24,11).

Die Herzen und Seelen der Apostel waren sehr verwundet und verletzt: durch ihr eigenes Versagen; durch die Bosheit der religiösen Führer gegenüber ihrem geliebten Meister; durch die Ungerechtigkeit des Pilatus und den Ruf „Kreuzige ihn“ der Menge. Ihre Herzen und Seelen waren verwirrt und aufgewühlt durch die tragischen Ereignisse, aber auch durch seine angebliche Auferstehung. Und nun kommt der Auferstandene zu ihnen. Er offenbart sich als derjenige, der lebt und den Tod überwunden hatte. Der Herr kommt, er macht ihnen keine Vorwürfe und spricht keinen Tadel aus. Er beginnt mit ihnen kein Gespräch über ihr Versagen; er macht mit ihnen keine Analyse über all das, was geschehen war. Er kommt in ihre Mitte und sagt: Der Friede sei mit euch. Dieser Friedensgruß war wie eine Lossprechung für die Sünde ihres Versagens. Er war zugleich ein innerer Trost, eine Quelle neuer Freude und bewirkte eine wunderbare Beruhigung ihrer aufgewühlten und verwundeten Herzen.
 
Zu den größten Geschenken, die der Herr auch uns bereitet und immer neu bereiten will, gehört der Friede. Was nützt es dem Menschen, wenn er materiellen Reichtum besitzt, Karriere macht oder Ehre und Anerkennung empfängt, aber keinen Frieden im Herzen trägt. Wer jedoch Frieden im Herzen trägt, der ist wahrhaft glücklich. Wie erlangen wir das große Geschenk des göttlichen Friedens. Liebe Gläubige, ich möchte euch einige Wege zu Frieden aufzeigen.
»Zu den größten Geschenken, die der Herr auch uns immer neu bereiten will, gehört der Friede.«

1. Zufriedenheit

Zufrieden wird ein Mensch, wenn er seine Wünsche mäßigt. Nicht wenige Menschen unserer Tage, junge und erwachsene, werden geplagt von einer gewissen Unersättlichkeit: immer mehr haben und besitzen, mehr wissen, mehr Vergnügen, mehr Lust, mehr Reisen, mehr Informationen. Immer mehr Weltliches und immer weniger Göttliches, immer mehr Zeitliches und immer weniger Ewiges, immer mehr eigene Wünsche und Gedanken und immer weniger Gottes Wort und Wille. Ein Weisheitswort sagt: „Das Anhäufen von irdischem Reichtum ist wie das Trinken von salzigem Meerwasser: je mehr man davon trinkt, umso durstiger wird man.“ Zur Zufriedenheit und damit auch zum inneren Frieden gelangen wir, wenn wir unsere Wünsche mäßigen, wenn wir Abstand nehmen vom Zuviel und von den vielen Übertreibungen, die unserer Zeit eigen sind, wenn wir lernen, bescheiden und einfach zu werden. Zufriedenheit – ein erster Weg zum inneren Frieden.

2. Offenheit für Gott und seine Wahrheit

Ein Mensch, der Gott gefunden hat, hat alles gefunden. Wer aber gegen Gott lebt, geht gegen sich selbst. Und wer ohne Gott lebt, bleibt im Tiefsten seines Herzens leer. Sich für den Gott und Vater Jesu Christi entscheiden heißt: sich für die Wahrheit öffnen, für seine Gebote, für seinen Willen.
 
Ein guter Freund, ein Jesuitenpater, aus einem der früheren kommunistischen Länder des Ostens erzählte mir, dass der Jesuitenorden vor einigen Jahren einen Teil eines großen von den Kommunisten beschlagnahmten Hauses zurückerhalten hat. Man hatte aus diesem Ordenshaus eine Abtreibungsklinik gemacht. Nach der Rückgabe richtete dieser Priester im Keller eine Anbetungs- und Sühnekapelle ein. Sie wird gerne aufgesucht, unter anderem auch von Frauen, die in dieser Klinik ein Kind abtreiben ließen. Viele Kerzen brennen dort, manche Menschen finden nach Jahrzehnten wieder den Weg zum Beichtstuhl. Aufgrund seiner reichen seelsorglichen Erfahrung sagte mir dieser Priester: „Wer sich gegen Gott erhebt, der verwundet sich selbst.“ Wer zum inneren Frieden gelangen will, der muss lernen, auf Gottes Stimme zu hören. Diese Stimme der Wahrheit vernehmen wir durch die Heilige Schrift, durch den Heiligen Vater, durch unser Gewissen oder einfach durch Menschen, die die Wahrheit bezeugen, verkünden und vorleben. Die Annahme der Wahrheit schenkt uns tiefen inneren Frieden. Das Ja zum Willen Gottes lässt unser Herz zur Ruhe kommen.
 
Und wenn wir uns gegen die Wahrheit, gegen die Liebe und gegen das Gebot Gottes versündigt haben, dann erwartet uns der Herr im Beichtsakrament, dem Sakrament des Friedens, seinem Ostergeschenk. Ja, dort geschieht in Stille jene wunderbare Versöhnung zwischen Gott und Mensch, die uns den tiefen Frieden des Herzens und der Seele gewährt.

3. In die Stille gehen

Ich besuchte einmal eine kinderreiche Familie, die in einfachen Verhältnissen lebt. Am Ende der schönen Begegnung wurde ich gebeten, einigen Familienmitgliedern die Beichte abzunehmen. Als Ort für die Beichte führte man mich in einen ganz kleinen Gebetsraum. Die Mutter sagte mir: „Da gehe ich oft hin, einige stille Augenblicke jeden Tag braucht meine Seele.“ In unserer lauten Welt brauchen wir Orte der Stille, in denen wir ruhig werden, Gebete sprechen, nachdenken können oder einmal dem Herrgott einfach unser Leid klagen. Mutter Julia, die Gründerin der geistlichen Familie des „Werkes“, sagte einmal: „Lausche oft der Stille, die Ihn, den Herrn allen Lebens, umgibt, und lass es in deiner eigenen Seele still werden.“
 
Liebe Gläubige, sucht immer wieder die Stille einer Kirche oder einer Kapelle auf, macht einen kleinen Spaziergang in der Natur. Reserviert euch einige Augenblicke und Momente im täglichen Leben, in denen das Herz in die Stille und in den kraftspendenden Frieden Gottes eintreten kann. Wer sich Gott nähert, empfängt den Frieden und die Ruhe des Herzens. Der heilige Augustinus hat nach vielen Jahren des Suchens und Ringens Frieden in Gott gefunden und gesagt: „Du hast uns auf dich hin geschaffen und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“

4. Das Kreuz annehmen

New Age ist eine Strömung, die starken Einfluss auf viele Menschen hat. Ein charakteristisches Kennzeichen dieser Religiosität ist die Flucht vor dem Kreuz. Solche Leute, die das Kreuz negieren, gab es aber bereits vor 2000 Jahren. Paulus nannte sie die Feinde des Kreuzes Christi. Gewiss, wir sollen durch Umkehr, Klugheit und Selbstbeherrschung alle „eigenen Kreuzfabriken“ schließen. Nicht wenige Kreuze fabrizieren wir uns selbst. Und doch: Das Kreuz bleibt ein Teil unseres irdischen Lebensweges: die unerwartete Krankheit eines lieben Menschen; die Schwierigkeiten im beruflichen Leben; die Sorge um ein Kind; der menschliche Stolz, der zu Streit und Hass führt, und vieles andere mehr. Seit Christus aber am Kreuz die Welt erlöst hat, ist das Kreuz eine Quelle des Segens geworden. Wenn wir uns innerlich nicht gegen das Kreuz wehren, dann empfangen wir daraus Frieden. Wenn wir, vereint mit Christus, die Mühen des Lebens annehmen, wenn wir den Anstrengungen nicht aus dem Weg gehen, wenn wir nicht den bequemeren Weg gehen oder die Flucht in den Genuss ergreifen, dann kehrt Frieden in unser Herz ein. Mutter Julia sagte einmal: „Lebe das Kreuz Christi als einen Segen für die Welt.“ Das innere Ja zu dem, was uns als Lebensaufgabe und manchmal auch als Lebenslast auferlegt ist, bringt dem Herzen den Frieden.

5. Das Vertrauen auf Maria

Wie viele Menschen haben schon bei Maria inneren Frieden und neue Hoffnung gefunden. Wie viele Menschen haben an marianischen Wallfahrtsorten bei ihr Zuflucht genommen und sind gestärkt und mit neuer Zuversicht nach Hause zurückgekehrt. Das Herz Mariens ist ein Ozean des Friedens. Wie viel Frieden hat das Gebet zu ihr den Menschen bereits erwirkt. Beten wir oft und gerne den Rosenkranz. Dieses Gebet gewährt uns immer wieder aufs neue das Geschenk des inneren Friedens, es führt uns hin zu dem, der gesagt hat: Der Friede sei mit euch.
 
Ich glaube, dass der Frieden und die Freude des Herzens eine der kostbarsten Gaben ist, die wir von Gott erbitten und anstreben sollen. Fünf Wege zum inneren Frieden habe ich versucht aufzuzeigen: die Zufriedenheit; die innere Zustimmung zur Wahrheit, zum Willen und Gebot Gottes; das Verweilen in der Stille; das Ja zur Mühe des Lebens und zum Kreuz Christi und die Zuflucht zu Maria, der Mutter des Herrn. Liebe Gläubige, der auferstandene Herr und Meister erfülle Euer Herz und Eure Gedanken mit jenem Frieden, der alles Verstehen übersteigt und kostbarer ist als alle Reichtümer dieser Welt.
 
(Aus einer Osterpredigt, Radio Horeb)
 
»Das Herz Mariens ist ein Ozean des Friedens.«