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Veröffentlicht am
01.08.2020
Autor
Die geistliche Familie "Das Werk"

Eine Liebe, die tragen kann.

Betrachtung zur fünften Anrufung des Gebetes "Maria, Sitz der Weisheit"

vollständiges Gebet: Maria Sitz der Weisheit

 

Maria, Sitz der Weisheit, öffne unser Herz für deinen göttlichen Sohn und mache es gleich deinem Herzen,

erfülle es

"... mit einer Liebe, die Kraft verleiht, sich selbst zu verleugnen und die seelischen Lasten anderer zu tragen."

Wenn uns die alltägliche Pflichterfüllung Mühe kostet, wenn uns eine Aufgabe besonders schwer fällt, wenn unsere Gefühle nicht mitgehen, wie leicht verfallen wir dann dem Selbstmitleid! Wir bedauern unser Los, wir beginnen innerlich zu murren oder auch laut zu jammern. Wir vergleichen uns mit den anderen und beneiden jene, die es anscheinend besser haben. Wir kreisen um uns selbst. Da sind oft alle guten Vorsätze vergessen, die wir in guten Stunden ausgesprochen haben. Unser Verhalten in solchen Situationen zeigt, wie es in Wirklichkeit um unsere Liebe steht. Denn die Liebe bewährt und vermehrt sich gerade dann, wenn uns Selbst­verleugnung abverlangt wird. "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach" (Lk 9,23). Je mehr wir in der Liebe und damit in der Selbstverleugnung gefestigt sind, desto mehr werden wir an die läuternde und erlösende Kraft des Kreuzes und an seine geheimnishafte Fruchtbarkeit glauben. Immer wieder werden wir die Erfahrung machen dürfen, dass "das Kreuz - in Liebe getragen - nicht niederdrückt, sondern aufrichtet" (Mutter Julia).
 
In dem Maß, in dem wir gelernt haben, mit Christus das eigene Kreuz zu tragen, bekommen wir ein Auge für die seelischen Lasten anderer und vergessen darüber unsere eigene Bürde noch mehr. Wir werden zum Beispiel fähig, die Sorgen anderer wahrzunehmen und an ihnen aufrichtig Anteil zu nehmen. So können wir den Aufruf des heiligen Paulus immer besser verwirklichen: "Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Gal 6,2). Wer schwer am eigenen Ich trägt, kann nur mit Mühe andere Menschen lieben und mit ihnen Freude und Leid teilen. Wer die eigene "Last" aber immer wieder Gott übergibt und sich in Liebe für die anderen einsetzt, der wird entdecken, wie wahr die Worte Jesu sind: "Mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht" (Mt 11,30).
» Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.«
Gal 6,2

Am Kreuz, als Maria unsäglich litt, wies Jesus ihr eine neue Aufgabe zu. "Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter" (Joh 19,26f.). Von nun an sollte Maria für Johannes sorgen, für die Jünger Jesu, für die Kirche. Das gelebte "Ja" zum eigenen Kreuz macht uns fähiger, so wie sie Verantwortung für andere zu tragen. Eine dermaßen bewährte Liebe lässt uns in der Sorge für andere wachsen und in der geistlichen Mutter- und Vaterschaft reifen.