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Veröffentlicht am
31.12.2019
Autor
P. Johannes Reiber FSO

Die „schöne Frau“ – weihnachtliche Gedanken zum Gnadenbild in der Klosterkirche von Thalbach

KURZLESUNG 2 Petr 1,3-4

  Alles, was für unser Leben und unsere Frömmigkeit gut ist, hat Gottes Macht uns geschenkt; sie hat uns den erkennen lassen, der uns durch seine Herrlichkeit und Kraft berufen hat.
  Durch sie wurden uns die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt, damit ihr der verderblichen Begierde, die in der Welt herrscht, entflieht und an der göttlichen Natur Anteil erhaltet.
Gnadenmutter von Thalbach, Sedes Sapientiae (ca. 1280)
Wenn wir den überaus großen Schatz, das altehrwürdige Gnadenbild Mariens in unserer Thalbachkirche so recht betrachten, erkennen wir, wie in der über 700 Jahre alten Statue die soeben gehörte Lesung in Holz verewigt wurde; denn: „Alles, was für unser Leben und unsere Frömmigkeit gut ist, hat Gottes Macht uns geschenkt“ (2 Petr 1,3). Ja, er hat der Thalbachkirche diese Statue geschenkt - und uns, die wir Gottes Kinder sind, Maria, die geliebte Tochter des Vaters, die Mutter des Gottmenschen und die Braut des Heiligen Geistes. Diese hat Gott von Ewigkeit her ersonnen und ausgedacht; sie ist gut für unser Leben und unsere Frömmigkeit (s.o.). Durch sie nämlich, die Mittlerin aller Gnaden, wurde und wird der ganzen Welt Heil gebracht, denn durch sie wollte Gott Mensch werden, in Jesus Christus! Er ist das Wort, welches der Vater (cfr. Joh 1) gesprochen hat, die größte aller Gnaden, welche uns zuteilwerden konnte. Innig betrachten wir dies an der Statue und in diesen weihnachtlichen Tagen an der Krippe, wenn wir froh davor der Krippe stehen.
 
In unserem Staunen über Gottes Heilsplan mit Maria und Jesus sagt uns Petrus nochmal, damit wir es endlich verstehen: „Alles, was für unser Leben und unsere Frömmigkeit gut ist, hat Gottes Macht uns geschenkt“. Seine göttliche Macht hat uns Maria geschenkt, und durch sie wurde uns die göttliche Weisheit selbst geschenkt, denn diese ist Fleisch geworden in Maria und wurde von ihr geboren. Das Gnadenbild der „schönen Frau“ von Thalbach – groß und einmalig in seiner künstlerischen Ausführung, aber auch in seiner geistigen Bedeutung – macht uns diese logische Gedankenkette deutlich: Maria ist nicht die Weisheit selbst, sondern bildet in Einheit mit dem Stuhl, auf welchem sie sitzt, den Thron für die Ewige Weisheit, das göttliche Kind, ihren Sohn Jesus Christus. Ständig lädt dieser Anblick uns Pilger und Beter in der Klosterkirche, aber uns alle, die wir über das Geheimnis der Weihnacht staunen, ein, jene Worte zu sprechen, die wir in der Antiphon zum Magnifikat sprechen: „Wir preisen dich, Gottesmutter Maria, denn aus dir ist Christus geboren, unser Heiland.“
 
Ja, Maria, auch wir wollen von Herzen dein Lob verkünden, die wir dich mit dem Herzen der Weihnacht als Sitz der göttlichen Weisheit bestaunen. In Gold, Rot und Blau bist du gekleidet und lässt uns durch dein Gold in den mit Engeln erfüllten weihnachtlichen Himmel blicken, durch dein Blau stärkst du unseren Glauben an den Mensch gewordenen Gott, deinen Sohn Jesus Christus. Und im Rot hilfst du uns, Gott, den Nächsten und uns selbst richtig zu lieben.
 
O Gnadenmutter von Thalbach, von den ersten geistigen Söhnen des heiligen Gallus geschnitzt, durch Lichtzeichen am Bodensee hast du den Irrenden den Weg geführt, durch eigenen Wunsch bist du an diesen Ort gekommen und hier verblieben, bleibe uns nahe und führe uns tief ein in das Geheimnis der Weihnacht. O du Sitz der göttlichen Weisheit, vor welchem bereits Heilige gebetet und betrachtet haben, von welchem unerfüllter Kinderwunsch in Kindersegen gewandelt wurde, bitte für uns, denn „alles, was für unser Leben und unsere Frömmigkeit gut ist“, will uns Gott schenken, und er schenkt es durch dich, in deinem göttlichen Sohn.
 
Kurzpredigt zur Vesper am 30. Dezember 2019