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Veröffentlicht am
05.04.2021
Autor
P. Thomas Felder FSO

Die kleine Schwester "Hoffnung"

Predigt in der Feier der Osternacht 2021

In österlicher Freude versammelte Brüder und Schwestern!
 
Christus ist von den Toten auferstanden. Der Tod ist ein für alle Mal besiegt. Christus lebt – das ist der Grund, warum der Christ immer Hoffnung haben kann. Ja, wir haben Menschen der Hoffnung zu sein.
 
Die Gesellschaft ist seit einem Jahr von einem kleinen Virus geplagt. Die Kirche Jesu ist seit Monaten in unseren Breiten von Skandalen und Attacken gehetzt. Und: da gibt es womöglich noch im persönlichen Leben Sorgen und Prüfungen. Wir selbst, die Kirche und die Gesellschaft brauchen Hoffnung. Das kann und darf keine billige Hoffnung sein. Sie würde rasch als nichtig und flüchtig erkannt. Was wir brauchen, ist eine tragfähige, wirkliche Hoffnung, die in die Tiefen der menschlichen Seele verankert ist und dort nachhaltig wirkt. Diese Hoffnung kann die Welt nicht geben. Diese Hoffnung kann nur der auferstandene Herr Jesus schenken. Warum? Weil er die Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit, die der Tod mit sich brachte, besiegt und vernichtet hat. Jesus stiftet Sinn und schenkt Hoffnung über das Grab hinaus. Warum kann er das? Weil er tatsächlich tot war und nun wirklich lebt. Damit ist die Grundfrage des Menschen: „Was kommt nach dem Tod“ beantwortet. Wer Hoffnung auf ewiges Leben in der Fülle der Liebe Gottes hat, der findet in den gesellschaftlichen, kirchlichen und persönlichen Herausforderungen leichter und schneller Sinn und Hoffnung. Mit Jesus hat die Hoffnung ein Gesicht bekommen: das Antlitz des Auferstandenen. Mit Jesus hat die Hoffnung einen Namen erhalten: der gekreuzigte und auferstandene Christus.
 
Aber was bedeutet die christliche Hoffnung konkret? Das kann uns ein Text einer Todesanzeige verdeutlichen. Junge Menschen haben ihn in der Zeitung für ihren gleichaltrigen Freund so formuliert: „Irgendwo bist du nun – irgendwie. Wir schließen die Augen und sehen dich irgendwo, irgendwie in der Ferne. Eines Tages sind wir wieder mit dir vereint, irgendwann, irgendwie, irgendwo.“
Spüren wir die Not, die entsteht, wenn kein persönlicher Gott in Blickfeld ist, wenn keine konkrete Auferstehung der Toten am Horizont leuchtet?
Das Irgendwie, das Irgendwo und das Irgendwann haben vor 2000 Jahren ein Gesicht und einen Namen erhalten: Jesus Christus, das Alpha und Omega.
 
Hoffnung ist neben dem Glauben und der Liebe eine der drei großen theologischen Tugenden. P. Cantalamessa schreibt, „diese drei sind wie Schwestern. Zwei sind schon erwachsen und die dritte ist noch ein Kind. Gemeinsam gehen sie voran, Hand in Hand, mit dem Kind Hoffnung in der Mitte. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die beiden Älteren das Kind ziehen, aber tatsächlich ist es anders; die kleine Schwester – die Hoffnung – zieht die Größeren. Sie zieht Glaube und Liebe. Denn ohne Hoffnung käme alles zum Erliegen.“ (Dritte Adventspredigt 2007 - zitiert nach Ch. Péguy Oeuvres poétiques complètes, Gallimard, Paris 1975, S. 531 ff.).
 
Wie viel ist in der Gesellschaft zum Erliegen gekommen. Wie viel ist in der Kirche zum Erliegen gekommen. Wie viel ist vielleicht auch in unserer Familie, unserer Gemeinschaft und unseren Gemeinden zum Erliegen gekommen?
Die Gesellschaft braucht die kleine Schwester „Hoffnung“ als Zugkraft. Die Kirche unserer Breiten braucht diese kleine Schwester und auch wir brauchen sie als Zugkraft für unser Leben.
Diese Hoffnung kann nur der auferstandene Herr geben und sein; niemand sonst. Kein Religionsgründer, kein globales Wirtschaftsunternehmen und keine Regierung. Sie können und müssen den Menschen Hoffnung bringen. Es sind irdische Hoffnungen, die die Tiefe der menschlichen Seele oft nicht erreichen können und vorübergehend sind. Aber die eigentliche Hoffnung auf ein erfülltes Leben heute und nach dem Tod in innigster Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott können sie nicht geben. Das macht etwa eine Regierung nicht ersetzbar. Nein, sie hat ihre unverzichtbare Aufgabe zu leisten. Aber das, was sie an Hoffnung vermitteln kann, zerrinnt letztlich, wenn sie nicht auf dem Fundament der großen und alles bestimmenden Hoffnung ruht, dem auferstandenen Herrn Jesus Christus. Denn nur ihm ist „alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden“ (vgl. Mt 28,18). Aber: „Wie unscheinbar, wie armselig sieht diese Macht für uns und nach den Maßstäben der Welt aus! Jesus hatte weder damals noch heute Divisionen. Er hat keine Waffen; kein Team von Spezialisten der Machtergreifung; keine Universitäten; keine Banken, kein Geld; kein Wirtschaftsimperium; nichts von alledem. Nur Zeugen hatte er, die er, wie Schafe unter die Wölfe sandte (Mt 10,16) (vgl. Joseph Ratzinger).
 
Jesus braucht auch heute Zeugen. Die österliche Gnade, die wir heute empfangen dürfen, will uns zu österlichen Zeugen für Jesus machen, innerhalb der Kirche und in der Gesellschaft. Als überzeugte Katholiken, die zur geoffenbarten Lehre der Kirche stehen, begegnet uns das Phänomen, dass es viel Kraft gegenüber Mitkatholiken kosten kann, wenn man zur Lehre der Kirche uneingeschränkt steht. Die Ereignisse der letzten Wochen haben uns dies schmerzhaft vor Augen geführt. Was bisher als latenter Widerspruch und als getarnte Kirchlichkeit erschien, hat sich bei einer Reihe von Verantwortungsträgern und Professorinnen zu einem öffentlichen, lauten Nein gegenüber einigen Punkten der Lehre der Kirche entpuppt.
 
Solche und ähnliche Erfahrungen versetzen unserer Hoffnung in der Regel einen Schlag. Die Hoffnung kommt in die Bewährung. In solchen Situationen sollten wir uns daran erinnern, dass „vom Kreuz Jesu alle Macht kommt. Seine ganze Erlösungsmacht ist Macht vom Kreuz her und darum müssen wir als Brüder und Schwestern Jesu immer wieder dort – beim Kreuz – beginnen“ (vgl. Joseph Ratzinger, Die Liebe Gottes lehren und lernen. Priestersein heute, S 229f). Hier, im Alltag, in der Erprobung, muss sich die Kreuzverehrung vom Karfreitag bewähren.
In diesen Situationen muss sich unser Osterglaube zeigen und er soll zum Bestimmenden heranreifen.
Bitten wir Jesus, in dieser Osternacht um die Stärkung unseres Glaubens.
Bitten wir ihn demütig und vertrauensvoll um die Gnade eines österlichen, felsenfesten und frohen Glaubens.
 
Auferstandener Jesus, du bist die Hoffnung auf Sieg. Du bist der Sieger! Du bist die Hoffnung auf ewiges Leben. Du bist das Leben! Als Sieger hast du das letzte Wort in meinem Leben, in dem der Kirche und in dem unserer Gesellschaft. Halleluja. Amen.
»Nur Zeugen hatte Jesus, die er, wie Schafe unter die Wölfe sandte (Mt 10,16).«
Joseph Ratzinger
Heiliges Grab in Jerusalem