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P. Thomas Felder FSO

Die Heiligen sind uns nahe

Der Himmel ist nicht zum Billigtarif zu erwerben

 
Ist es nicht eine Auszeichnung und eine Ehre, die Heiligen als Brüder und Schwestern zu haben? Mutter Teresa von Kalkutta, den Chinamissionar P. Josef Freinademetz, den hl. Augustinus und den hl. Thomas von Aquin, Paulus und Stefanus, Edith Stein und Tausende anderer mehr. Sie alle sind unsere Brüder und Schwestern. Wir gehören zu derselben Familie, der Kirche.
 
Die Heiligen sind auf unterschiedlichste Weise Heilige geworden, so dass jeder von uns sich Vorbilder und Fürbitter wählen kann. “Ja, sie alle liebten Jesus, in je verschiedener Weise, je nach dem Maß der Gnade, die ihnen verliehen wurde und je nach dem Maß des Großmutes, mit dem sie darauf antworteten. Deshalb erfreuen sie sich im Himmel des gerechten Lohnes und der Seligkeit...” (Mutter Julia). Sie alle liebten Jesus.
 
Ihre Wege sind so unterschiedlich, doch haben sie mehreres gemeinsam: Ihr Herz glühte vor lauter Liebe zu Jesus Christus und seiner Kirche; jeder von ihnen lebte die Hingabe an Gott und die Mitmenschen in konkreten, oft widrigen Umständen, oft über Jahre und Jahrzehnte. Weiters ist ihnen gemeinsam: jeder und jede hatte den guten Kampf zu kämpfen und das Kreuz zu tragen. Und: sie alle haben sich im Alltag - in der Treue - bewährt. Keiner ist nur aufgrund von außerordentlichen Gnaden wie Visionen oder Schauungen selig geworden.
Bild am Ort des Maryriums der Ersten Christen in Rom, Campo Santo
Alle heiligen Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche haben erfahren, dass die Welt das Heilige nicht oder sehr schwer erträgt. Die Welt will es abstoßen. Wohl will die Welt von den Taten der Heiligen profitieren - wie etwa dem sozialen Einsatz, dem Dienst an den Kranken, an den Ärmsten der Armen, oder im Schulwesen, aber die Heiligkeit, die aus der Gottverbundenheit und der Hingabe an Gott erwächst, will sie nicht. Heilige sind oft wie ein Fremdkörper in einer profanen Welt. Die Heiligen waren deshalb Salz der Erde. Salz kann man nicht abstoßen, es durchsäuert. Jesus sagte bereits den Aposteln: “Ihr seid das Salz der Erde!” Es darf nicht schal werden. Schal aber wird es, wenn Gott fehlt, wenn er nicht mehr die Hauptsache sein darf.
 
Der Allerseelentag ruft uns die lieben Verstorbenen in Erinnerung, aber auch Gericht, Gerechtigkeit Gottes, aber auch die Notwendigkeit der Läuterung. Wir wollen der Heimgerufenen im November besonders dankbar und bittend gedenken. Aber bevor wir dies tun, lenkt die Mutter Kirche unseren Blick in weiser Voraussicht auf die Heiligen. Sie sind uns Ermutigung auf unserem Weg durch das Zeitliche und Vergängliche.
 
Die Kirche gibt uns am Hochfest Allerheiligen eine klare ZIELANGABE. Deshalb läuft der Christ nicht orientierungslos. Im Gegenteil: er hat klare Weisung: Jeder ist berufen, ein Heiliger zu werden!
 
Manch einem befällt bei diesem Gedanken vielleicht eine gewisse Scheu. “Nein, um Gottes Willen, ein Heiliger möchte ich nicht werden!” mag sich jemand denken. Vielleicht geschieht das aufgrund einer Verwechslung, dass Heiligkeit Frömmlerei und Weltfremdheit wären. Vielleicht aber auch aufgrund falscher Demut. Natürlich wird nur die demütige Seele das Ziel erreichen. “Die Hochmütigen stürzt der Herr vom Thron, die Niedrigen erhöht er”, vernehmen wir aus dem Mund der Gottesmutter. Mit echter Frömmigkeit und Streben nach Vollkommenheit darf man nie prahlen, man darf sie auch nicht zur Schau stellen. Und doch haben wir entschieden danach zu trachten. Der hl. Maximilian Kolbe sagte: “Nicht jeder kann ein Genie sein, aber der Weg zur Heiligkeit steht jedem offen!”
 
Sofort möchten wir dem heiligen Maximilian die Frage stellen: Aber wie werde ICH ein Heiliger? Was rätst Du mir? Vielleicht würde er uns mit Worten von der kleinen Theresia geantwortet haben. Sie sagte: “Die Heiligkeit besteht nicht in dieser oder jener Übung. Sie besteht in einer Herzensbereitschaft, die uns demütig und klein in den Armen Gottes macht, in der wir uns unserer Schwäche bewusst sind und bis zur Kühnheit auf die Güte des Vaters vertrauen.”
»Nicht jeder kann ein Genie sein, aber der Weg zur Heiligkeit steht jedem offen!«
Hl. Maximilian Kolbe
Damit gibt sie uns einen entscheidenden Hinweis. Heiligkeit bzw. Vollkommenheit bestehen nicht zuerst in asketischen Übungen wie dem Fasten, nicht zuerst im Erfüllen von Pflichten wie den Geboten, nicht zuerst im Gottesdienstbesuch. All das gehört dazu, aber Heiligkeit liegt tiefer. Sie liegen am Herzensgrund oder wie die deutschen Mystiker sagten, am Seelengrund. Alles von Gott erwarten! Ihm in allem vertrauen und fest an ihn glauben! Die eigene Schwäche und das eigene Kleinsein nicht verdrängen, aber mit Kühnheit auf Gott, den Vater, vertrauen - wie das Kind. “Wir heißen nicht nur Kinder Gottes, wir sind es; aber was wir einst sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir Gott ähnlich sein werden..., denn wir werden ihn sehen, wie er ist (vgl. 1 Joh 3,2).
 
Liebe Brüder und Schwestern, in der Feier des Hochfestes Allerheiligen spüren wir: die Heiligen sind uns nahe. “Sie sind Werkzeuge Gottes. Ihre Worte und ihr Vorbildsein reichen bis an die Enden der Erde und sind ein bleibender Aufruf und ein Ansporn, von Generation zu Generation. Sie sind uns mit dem Licht des Glaubens vorangegangen, hin zu unser aller Vaterhaus und zu unserer ewigen Bestimmung im dreieinigen Gott” (vgl. Mutter Julia).
 
Zurecht bestaunen und verehren wir die Heiligen, doch zugleich sagen sie uns: Du kannst den Himmel nicht zum Billigtarif erwerben.
Ohne Anstrengung im Glauben, ohne Bemühen um Tugend, ohne Bekehrung, ohne Opferliebe und ungebrochener Treue zu Jesus Christus und seiner Kirche ist niemand heilig geworden. Die Heiligen wollen, dass wir zu ihnen beten. Sie wollen uns helfen. Wenden wir uns ihnen zu; z. Bsp. durch das Lesen einer guten Heiligenbiographie oder durch eine Wallfahrt zu einem Heiligen. Eine andere Hilfe könnte sein, immer wieder die Allerheiligenlitanei zu beten, um gemeinsam mit den Heiligen den heiligen Gott zu loben.
 
Fassen wir zusammen: Was können wir in der Schule der Heiligen lernen?
Wir lernen, dass ihre Heiligkeit von der Heiligkeit Gottes her kommt.
Wir lernen; dass es Heiligkeit ohne das Kreuz nicht geben kann.
Wir lernen, dass Hingabe und schenkende Liebe glücklich machen!
Wir lernen, dass die Gnade Gottes alles vermag, wenn sie über ein Menschenherz hereinbricht.
 
Alles ist für Gott möglich. Auch dass Du ein Heiliger wirst.
»In ruhigen Zeit ist es leicht, gut zu sein – aber schwer, heilig zu werden. In Verfolgungszeiten ist es schwer, gut zu sein – aber leicht, heilig zu werden.«
Papst Pius XII.
St. Paul vor den Mauern, Rom