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Autor
P. Peter Willi FSO

Die Gabe des Trostes

Gedanken zum Fest unserer lieben Frau von Lourdes – Weltgebetstag für die Kranken.

Der Apostel Paulus war der begnadete Apostel, der wohl größte Missionar aller Zeiten und der Gründer bedeutender christlicher Gemeinden in der Mitte des ersten Jahrhunderts. Sein Wirken war gekennzeichnet vom erstaunlichen Wirken der Gnade Gottes. Zugleich war es geprägt von vielen Leiden und Schmerzen. Die Christengemeinde von Korinth war wohl sein größtes „Sorgenkind“. Es war nicht leicht, in dieser Stadt des Wohlstandes, des Reichtums, der Sittenlosigkeit und der vielen Kulte die Menschen für Christus zu gewinnen. Erstaunliche Wunder der Bekehrung haben sich dort ereignet, aber auch Untreue, Streit, Konflikte und menschliche Schwachheit und Sünde. Die beiden Briefe, die er dieser Gemeinde geschrieben hat, kommen aus dem Herzen eines geistlichen Vaters, der mit unerschütterlichem Gottvertrauen, mit brennender Liebe und mit seelischem Schmerz erfüllt waren. Den zweiten Brief beginnt er mit einem Lobpreis: „Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes. Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden“ (2 Kor 1,3-4). Gott, dem wir dienen, ist ein Gott des Trostes. Durch den Mund des Propheten Jesaja stellt er sich uns schon im Alten Bund vor mit den Worten: „Ich bin es, ja, ich, der euch tröstet“ (Jes 51,12).
Pietà - Klosterkirche Thalbach
Eine der großen Gaben Gottes ist der Trost. Diese Gabe ist kostbarer als viele Dinge dieser Welt, ja, ich wage zu behaupten: Diese Gabe überbietet alle Dinge der Welt. Gott bereitet uns viele Freuden. Menschen tragen zum Glück unseres Lebens bei. Durch Fleiß und Eifer und ein Leben nach dem Wort Gottes können wir uns selber viel Freude bereiten, wobei wir Christen den lebendigen Gott immer als den eigentlichen Urheber jeder Freude anerkennen. Zugleich gibt es in jedem Menschenleben die Tränen, die Mutlosigkeit, die Lustlosigkeit, die innere Trockenheit, den Schmerz, das Leid, die Versuchung zum Zweifeln und Verzweifeln usw. Das Salve Regina, dieser wunderbare Gruß an die Gottesmutter, seit 1000 Jahren in der Kirche gesungen, spricht zu recht von dieser Welt als einem lacrimarum valle, einem Tränental. Paulus und mit ihm viele andere Jünger Christi durften zugleich die Erfahrung machen: Derjenige, der Leiden in unserem Leben zulässt, gewährt uns auch seinen Trost. Derjenige, der uns belastet, trägt uns auch. Der Völkerapostel bezeugt: „Wie uns nämlich die Leiden Christi überreich zuteil geworden sind, so wird uns durch Christus auch überreicher Trost zuteil“ (2 Kor 1,5).
 
Was verstehen wir unter der Gabe des Trostes? Ich will sie so beschreiben: Sie ist eine Einwirkung des Heiligen Geistes in unser Denken und Fühlen, die Frieden und Zuversicht gewährt, Hoffnung schenkt, dem Leiden Sinnhaftigkeit verleiht, die Schmerzen ertragen lässt, die eine Freude ganz eigener Art verleiht und dem Herzen Ruhe verschafft. Paulus macht folgende Erfahrung: „Trotz all unserer Not bin ich von Trost erfüllt und ströme über von Freude“ (2 Kor 7,4). Wenn der Heilige Geist diese Gabe gewährt, dann kommt eine seelische Kraft in unseren inneren Menschen, die Trostlosigkeit wird von Licht erhellt, die Annahme und das Ertragen des Leidens wird möglich und die zermürbenden Gefühle der Sinnlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit und der Leere verschwinden.
 
In der Lauretanischen Litanei wird Maria als die Trösterin der Betrübten angerufen. Diese Anrufung kommt aus der Erfahrung vieler Menschen, dass sie uns als die Mittlerin aller Gnaden diese Gabe des Heiligen Geistes, des Trösters, vermittelt. Lourdes, Fatima und viele andere Pilgerorte, wo Maria verehrt und geliebt wird, sind Orte des großen Trostes. Viele Gebete um Genesung werden nicht erhört, aber die Gabe des Trostes empfangen unzählige Kranke, Leidende oder Menschen, die vom Leiden anderer Menschen mitbetroffen sind.
»Gott tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden. «
2 Kor 1,3-4
Via Dolorosa, Jerusalem
Wer leidet, soll den Trost des Heiligen Geistes erbitten. Er soll mit dem Psalmisten beten: „Tröste mich in deiner Huld, wie du es deinem Knecht verheißen hast. … Meinen Augen sehnen sich nach deiner Verheißung, sie fragen: Wann wirst du mich trösten?“ (Ps 119, 76.82). Wer die Kranken liebt, wird für sie die Gabe des Trostes erbitten.
 
So wie die Mutter des Herrn eine große Vermittlerin des göttlichen Trostes ist, so dürfen wir selber neben ihr ganz kleine, aber doch wirklich Trostspender sein. Ja, manche Menschen haben diese Gabe in einem besonderen Maß von Gott empfangen. Deshalb sagt Paulus: „Wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne“ (Röm 12,8). Paulus selbst hat es getan und bezeugt: „Wir werden geschmäht und trösten“ (1 Kor 4,13). Worte, Gesten, kleine Geschenke, Aufmerksamkeiten jeder Art, die Zeit, die wir schenken, und unsere Anwesenheit an der Seite von Kranken und Leidenden, unser froher Blick, unsere Herzlichkeit oder ein schriftlicher oder digitaler Gruß können Trost bewirken. Wer liebt, wird Wege finden, die Leidenden zu trösten. Paulus wurde getröstet durch den Glauben der Christen von Thessaloniki und schreibt ihnen: „Darum, Brüder, wurden wir … in all unserer Not und Bedrängnis durch euren Glauben getröstet“ (1 Thess 3,7).
Das Sakrament der Krankensalbung ist eine besondere Quelle des Trostes. Wie oft dürfen Priester die Erfahrung machen, wie sehr dieses Sakrament den schwer Kranken und Sterbenden Trost bringt. Deshalb müssen wir mithelfen, Ängste vor diesem Sakrament abzubauen, und wir müssen wachsam sein, dass dieses Sakrament rechtzeitig gespendet wird. Hier kommt der Gott des Trostes zu den Kranken und richtet sie innerlich auf.
 
Liebe Brüder und Schwestern, ich bin überzeugt, dass Maria, die Trösterin der Betrübten, in unserer Mitte ist. Erbitten wir inständig diese große Gabe Gottes für jene, die sie jetzt besonders brauchen.
 
»Viele Sorgen habe ich in den Rosenkranz hineingelegt und habe dadurch stets Stärkung und Trost erfahren.«
Hl. Johannes Paul II.