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Die geistliche Familie "Das Werk"

Die Fußwaschung - eine unvergessliche Tat der Liebe

Bis zum Ende seines Lebens bemühte sich der Herr, Petrus mit Geduld in die Welt des Glaubens und der Liebe und in das Geheimnis des Erlösungswerkes einzuführen. "Jesus, der wuss­te, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte, stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen? Jesus antwortete ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen. Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen!" (Joh 13,3-4.6-8). Die Haltung Jesu war für Petrus erneut unerklärlich: Auf keinen Fall wollte er es zulassen, dass sich der Meister so erniedrigte und Diener seiner Jünger werde. Petrus konnte nicht begreifen, dass der Herr jenen Dienst auf sich nahm, der normalerweise dem niedrigsten Haussklaven zufällt. Sein Meister jedoch wollte ihm durch sein Beispiel verständlich machen, dass im Reich Gottes nur derjenige für andere Verantwortung tragen kann, der bereit ist zum Dienen. Er wollte ihm helfen, ein noch unvollkommenes Verständnis von Autorität zu überwinden. Auf seine Weigerung hin, sich die Füße waschen zu lassen, sagte der Herr deshalb zu Petrus: "Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir" (Joh 13,8). Petrus, der trotz vieler Einsichten auf dem bisherigen Weg der Bekehrung immer noch in Versuchung kam, zu rasch zu reagieren, gab in seinem Enthusiasmus sogleich die Antwort: "Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt" (Joh 13,9). Alles oder nichts ..., aber auch mit dieser Antwort schoss Petrus über das Ziel hinaus. Jesus ernüchterte ihn erneut und sprach: "Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen" (Joh 13,10).
Jesus nahm im Abendmahlssaal die Gelegenheit wahr, den Apos­teln deutlich zu machen, was Führen und Leiten im Licht des Glaubens bedeutet: "Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende. Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient" (Lk 22,25-27).
See Genesareth
Der letzte Abend des Herrn mit seinen Aposteln offenbarte, dass sie noch manches nicht begreifen konnten, was ihr Meister ihnen sagte, obwohl sie schon drei Jahre in Gemein­schaft mit ihm lebten. Immer wieder fielen sie in ihrem Denken auf zu menschliche Dimensionen zurück. Vieles konnten sie nicht verstehen, bis der Heilige Geist auf sie herabkam: "Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen" (Joh 16,12-13). Jesus versuchte nicht, Petrus und die anderen Apostel zur Annahme der göttlichen Geheimnisse und zu tieferen Einsichten zu zwingen. Bei der Fußwaschung sagte er nur: "Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen" (Joh 13,7). Jesus respektierte mit liebevoller Geduld die innere Glaubens­entwicklung des Petrus, gab ihm aber zugleich ein konkretes Beispiel dafür, was er nach der Herabkunft des Heiligen Geistes begreifen und auch selbst tun sollte, nämlich in Demut, Hingabe und Selbstverleugnung Diener des Gottesvolkes zu sein, das ihm als dem obersten Hirten künf­tig anvertraut war.

Eine andere für seinen künftigen Auftrag unentbehrliche Einsicht, die Petrus im Abendmahlssaal erhielt, bestand darin, dass er die unbedachten "Entweder-Oder"-Entscheidungen überwinden und mehr nach dem Geist der Unterscheidung handeln lernen sollte. Zuerst wies Petrus den Liebesdienst des Herrn entschieden ab und dann wollte er, dass er ihm den ganzen Körper wasche. Petrus neigte zu spontanen Über­treibungen und sollte lernen, diesen Charakterzug zu läutern. Das war für ihn nötig, um in Zukunft der Wahrheit Gottes und der Kirche in rechter Weise dienen zu können. Dazu braucht es den Geist der Unterscheidung, der hilft, von Gott her zu sehen, zu urteilen und Lösungen zu suchen. Dieses unter­scheidende Licht, das Gott schenkt, bewahrt davor, nur ein Element zu sehen, danach zu urteilen und den Blick auf das Ganze und auf die größeren Zusammenhänge zu verlieren. Um einseitiges Urteilen zu überwinden und Diener der Gerech­tigkeit und Liebe zu werden, bedarf der Mensch der heilenden und heiligenden Gnade Gottes.

Jesus sah die Schwächen und Grenzen des Petrus und der anderen Jünger. Doch unermüdlich gab er ihnen Orientierung, Hilfe­stellungen, weise Ermahnungen und Einsichten. Er wusste, dass sie zwar unvollkommen, aber doch lauteren Herzens waren. Deshalb nannte er sie rein. Sie hielten ihm die Treue trotz mancher Schwierigkeiten, trotz der Erfahrung eigener Mängel und zunehmender Anfeindung ihres geliebten Meisters durch einzelne Pharisäer und Schriftgelehrte. Einer von ihnen allerdings verlor die Lauterkeit des Herzens und wandte sich der Lüge zu: Judas Iskariot. Deshalb sagte Jesus: "Auch ihr seid rein, aber nicht alle. Er wusste nämlich, wer ihn verraten würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein" (Joh 13, 10-11).
 
Möglicherweise haben sich Petrus und die anderen zehn Apos­tel gewundert, dass der Herr sie trotz ihrer Schwachheiten als rein erklärte. Rein sein in den Augen Gottes bedeutet also nicht, fehlerlos und menschlich perfekt, sondern vielmehr aufrichtig und ehrlich bereit zu sein, in die Vollkommenheit der Liebe hineinzuwachsen. Wenn wir unsere Unzuläng­lichkeiten, Grenzen, Fehler und Sünden im Lichte Gottes und in der Kraft des Glaubens annehmen und seiner barmherzigen Liebe anver­trauen lernen, dann sind wir vor ihm rein. Gott sucht nicht die Fehlerlosen. Wer könnte dann vor ihn hintreten? Er sucht die lauteren und aufrichtigen Herzen. Aus allem, auch aus dem Un­voll­kommenen sollen wir "das Brenn­holz für das Feuer unserer Hingabe an den lebendigen Gott werden lassen" (Mutter Julia).
 
Für den Menschen, der allzu oft im menschlichen Stolz und Per­fek­tionismus und in der entkräf­tenden Selbstanalyse und Selbst­beurteilung gefangen ist, ist es nicht leicht, dieses Ge­heimnis der Reinheit des Her­zens zu erfassen und zu leben. Und doch schenkt Gott auch für diese in unserer Zeit so ausgeprägte Schwäche des Menschen eine heilende Kraft und Gnade: Wir dürfen zurückkehren zur Einfachheit gläu­biger Hingabe: "Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen" (Mt 5,8). Jene, die reinen Herzens sind, leben nicht mehr in Selbstbetrachtung auf das eigene Ich konzentriert, sondern schau­en auf Gott und sind auf seinen Willen ausgerichtet. Sie haben den Mut, aus dem "Gefängnis" endloser Gedanken über sich selbst hinauszutreten, die vielen beschönigenden Masken vor Gott, vor den Mitmenschen und vor sich selbst abzulegen und sich in großem Vertrauen der erlösenden Liebe Gottes und seinem läuternden Licht auszu­liefern. Sie sind innerliche Menschen, die das Zeug­nis der Liebe und der Freude geben.
 
Auszug aus: Die verwandelnde Kraft des Glaubens im Leben des Apostels Petrus.
Herausgegeben von der geistlichen Familie "Das Werk" im Eigenverlag
»Gott verlangt nicht, dass unsere Taten perfekt sind nach unserer menschlichen Auffassung, sondern vielmehr, dass wir ihn in all unserem Tun und Lassen als Herrn und Meister anerkennen.«
Mutter Julia Verhaeghe