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Die Erwählten rufen

Untersuchungen über den Berufungsweg von Priestern in den USA zeigen, dass 88% von ihnen dem Ruf des Herrn folgten, weil sie früher einmal vonseiten eines Priesters darauf angesprochen wurden. Allerdings sind nur 30% der Priester bereit, junge Männer auf eine mögliche priesterliche Berufung aufmerksam zu machen. Wo der Ruf des Herrn nicht durch Menschen vermittelt wird, gehen der Kirche wertvolle Kräfte verloren. Hier wird deutlich: Gott ruft Menschen durch Menschen.

Wie erkennt man die Berufung zur engeren Nachfolge Christi?

Berufung des Petrus - Skulptur am See Genesareth
Der Bericht im Evangelium vom reichen jungen Mann (Mk 10,17-31; Mt 19,16-30; Lk 18,18-30) gibt darauf eine Antwort. Ein junger Mann wendet sich an Jesus mit der Frage: „Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ (Mk 10,17). Wir haben es hier mit einem gewissenhaften und religiös engagierten Menschen zu tun. Schon in jungen Jahren beschäftigt ihn die wichtige Frage, wie man das ewige Leben erlangt. Jesus antwortet klar: „Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!“ (Mk 10,19). Der Weg der Gebote führt zum ewigen Leben. Es ist der Weg, auf den Gott alle Menschen ruft. Der junge Mann verweist darauf, dass er schon viele Jahre diesen Weg geht: „Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt“ (Mk 10,20). Matthäus berichtet, wie der junge Mann nun weiter fragt: „Was fehlt mir jetzt noch?“ (Mt 19,20). Diese Frage macht deutlich, woran man eine Berufung in die engere Nachfolge Christi erkennen kann: Es ist das Verlangen nach einem Mehr. Der junge Mann geht den Weg der Gebote, aber damit ist er noch nicht zufrieden. Er will noch mehr geben. Er spürt eine Unzufriedenheit, eine innere Unruhe. Diese innere Unruhe erfahren Menschen seit 2000 Jahren. Hinter ihr steht eine Erwählung. Es ist nicht etwas, das sich jemand selbst gibt. Die Erwählung kommt von Gott und ist Ausdruck seiner Liebe. Deshalb heißt es bei Markus: „Da sah ihn Jesus an und weil er ihn liebte, sagte er…“ (Mk 10,21).
 
Die Berufung zur Ganzhingabe an Gott kommt aus der Liebe Christi und bewirkt im Berufenen eine innere Unruhe. Die Ganzhingabe besteht nicht in einer religiösen Leistung, in einer religiösen Aktivität oder etwa in einem bloßen Theologiestudium. Sie ist die Bereitschaft, sich dem Herrn in der ehelosen Lebensweise zu schenken und in ein besonderes Liebesverhältnis zu ihm einzutreten, seinen Willen zu tun und frei zu werden von der Anhänglichkeit an das „ich“. Deshalb sagt Jesus zu dem jungen Mann: „Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,21). Ohne Loslösung, die zur inneren Freiheit führt, kann man dem besonderen Ruf des Herrn nicht folgen. Beim jungen Mann war es der materielle Besitz, an dem er hing. Bei anderen Menschen kann es etwas anderes sein: Der Traum von einer glücklichen Ehe und Familie; die Bindung an Menschen, Freunde, Aufgaben und eigene Lebenspläne; der Wunsch, das eigene Leben ganz selbständig zu gestalten usw. Jeder, der vom Herrn berufen wird, muss um seinetwillen auf irgendetwas Großes und manchmal sogar Heiliges verzichten. – Der junge Mann im Evangelium war dazu nicht bereit. Die Apostel und viele andere Jünger Jesu bis zum heutigen Tag sind der Einladung des Herrn gefolgt.
»Die Erwählung kommt von Gott und ist Ausdruck seiner Liebe. «

Der Vater erwählt

Jede Berufung ist ein Werk der göttlichen Dreifaltigkeit. Der Vater erwählt Menschen von Ewigkeit her. Das hat der Prophet Jeremia bei seiner Berufung in tiefer Weise verstanden und das gilt für alle, die Gott zu einem besonderen Dienst beruft: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt“ (Jer 1,5). Geistliche Berufungen, d. h. Berufungen zum priesterlichen und gottgeweihten Leben, sind Geschenke Gottes. Die Kirche kann sie nicht „produzieren“, sie können nicht „erzwungen“ und geplant werden. Sie kommen von Gott. Gott befragt jene, die er erwählt, nicht nach ihrem Einverständnis, und auch nicht deren Eltern oder die Umgebung. – Eines jedoch ist gewiss: Gott erwählt in jeder Zeit genügend Menschen für die Erfüllung der Heilssendung der Kirche.
 
Wenn sich weniger geistliche Berufungen zeigen, ergibt sich eine Anfrage an die Kirche, nicht an Gott. Glauben wir fest genug an Gottes erwählendes Wirken? Beten wir genügend entsprechend der Aufforderung des Herrn: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden“ (Mt 9,37f). Sind Eltern bereit, eine sich bei ihren Kindern zeigende geistliche Berufung anzunehmen und zu fördern? Sind junge Menschen so großmütig, den Ruf des Herrn anzunehmen? Ist in Pfarrgemeinden, kirchlichen Jugendgruppierungen, Familien usw. der Boden bereitet, damit der kostbare Same einer Berufung aufkeimen kann?
See Genesareth

Der Sohn ruft

Jesus Christus hat Menschen berufen und ihnen mit menschlicher Stimme und menschlichen Worten gesagt: „Kommt her, folgt mir nach“ (Mk 1,17). „Fürchte dich nicht. Von jetzt an wirst du Menschen fangen“ (Lk 5,10). Der Ruf Christi ergeht fordernd an die Erwählten; und zugleich einladend, wie es uns Johannes berichtet: „Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du? Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde“ (Joh 1,38f).
 
Das Rufen und das werbende Einladen Jesu müssen in der Kirche fortgesetzt werden, wie überhaupt sein ganzes Leben in all seinen Dimensionen und Äußerungen im Leben der Kirche weitergeht. Es braucht auch in unserer Zeit Menschen, die den Ruf des Herrn hörbar machen. Dabei kommt dem Priester, wie die eingangs erwähnte amerikanische Untersuchung zeigt, eine besondere Rolle zu. Es ist wichtig, dass Priester und auch andere Glieder der Kirche den Mut im Glauben haben, junge Menschen auf eine mögliche Berufung anzusprechen: „Hast du schon einmal daran gedacht, Priester zu werden?“ „Kannst du dir vorstellen, der Kirche als Ordensschwester, als Missionar zu dienen?“ Oder: „Ich sehe, dass du ein besonderes Interesse für Religiöses hast. Hast du schon an Berufung gedacht?“ Manche junge Menschen sind dankbar und froh, wenn man ihnen diese Frage stellt. Andere weisen sie zurück, beginnen aber dann doch ernsthaft darüber nachzudenken. Selten ist jemand darüber verärgert. Es wird eingewandt, dass man eine solche Frage nicht stellen dürfe, um die Freiheit eines Menschen nicht zu verletzen. Hier darf die Gegenfrage gestellt werden, ob eine solche Frage wirklich die Freiheit verletzt? Wenn man diese Frage nicht stellen darf, darf man viele andere Fragen auch nicht stellen. Es gibt nicht wenige Erwachsene, die sagen: Wenn mir jemand in jungen Jahren diese Frage gestellt hätte, dann hätte ich die geistliche Berufung ergriffen.

Der Heilige Geist drängt und zieht

Eucharistische Anbetung im Kloster Thalbach
Der Heilige Geist ist der große, unsichtbare, innere Führer des Menschen. Er erleuchtet, leitet und orientiert mit seiner stillen, aber doch kraftvollen Stimme den Menschen, damit er die Wege Gottes geht. Er nimmt das Wort Jesu auf, verkündet es dem Menschen von innen her (vgl. Joh 16,3f) und konkretisiert es auf die Situation des einzelnen hin. Die von Gott Erwählten macht er unruhig. Es ist aber nicht jene Unruhe, die aus der Leidenschaft und aus der Sünde kommt und nur durch Bekehrung und Buße überwunden werden kann. Es ist eine andere Unruhe. Sie drängt dazu, den Willen Gottes anzunehmen, sich nicht mehr Gott zu widersetzen, sondern sich ihm zu schenken, um dadurch zur inneren Freiheit und zur Fülle des Lebens zu gelangen. Das Ja zum Willen Gottes verwandelt die innere Unruhe in Frieden, Kraft und geistliches Licht. Die innere Unruhe erfahren die Erwählten in Momenten der Stille, bei der Anbetung, in der Atmosphäre des Sakralen, im Hören des Wortes Gottes, durch die Lektüre einer Heiligenbiographie, in der Begegnung mit glücklichen Priestern und Schwestern, bei Weltjugendtagen oder angesichts der Nöte der Menschen. Der Heilige Geist bedient sich vieler Situationen, um diese innere Unruhe zu erwecken. Sie zeigt sich drängend und zugleich friedvoll. Meistens ist sie auch verbunden mit Unsicherheit, Ratlosigkeit und Hilflosigkeit. Da braucht es das helfende, orientierende und wegweisende Wort von außen, das zur Klarheit und Gewissheit führt. Es braucht den Ruf, die Einladung, den Anruf eines anderen, damit das Ja-Wort, die Zustimmung „geboren“ werden kann. Der junge Samuel der Bibel kannte im Heiligtum von Schilo schon diese vom Geist Gottes geweckte Unruhe. Er war ratlos und wandte sich an den Priester Eli, der ihm dann eine klare Weisung gab (vgl. 1 Sam 3, 1-21).
In jeder Generation trifft man den „reichen jungen Mann“, der weiß, dass er das Liebesangebot des Herrn annehmen soll, aber sich nicht von seinem „Reichtum“ lösen kann und will. Zugleich gibt es viele, die nicht angesprochen, eingeladen und gerufen werden. Es braucht deshalb Priester, Gottgeweihte und Laien, die mit wachem und mutigem Herzen jene vielen Erwählten entdecken, begleiten und mit ihnen auf den Weg gehen, um mit ihnen in einem bestimmten Augenblick die Frage der Berufung von Person zu Person, von Angesicht zu Angesicht anzusprechen. Sie sind es, die das Rufen Christi in jeder Stunde der Kirche fortsetzen. Es wäre wünschenswert, wenn die Bedeutung des Rufens mehr erkannt würde und die Bereitschaft dazu bei vielen wachsen würde.
»Wir müssen dem Herrn das Schönste geben, das wir haben. «
Mutter Julia