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Veröffentlicht am
22.01.2019
Autor
P. Georg Gantioler

Die Christusliebe des hl. Paulus - 3. Teil

Eine dritte Antwort auf die Frage, wie die Liebe zu Jesus im Herzen des Paulus gewachsen ist, haben wir nochmals in der vorher ange­führten Stelle aus dem Philipperbrief. Paulus sagt (3,10):
 
„Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen.“
Jesus hat Paulus ganz tief mit seinem Leiden vereinigt. In den Briefen schreibt Paulus immer wieder von den Leiden, die er um des Evan­ge­liums willen erträgt. Die echte Liebe bewährt sich nicht nur im Leiden, sondern wächst mit dem Leiden. Eine Liebe ohne Opfer gibt es nicht. Jesus selbst sagt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mt 16,24). Die Regungen der menschlichen Natur erblicken im Leiden ein Hindernis, oft auch eine Strafe. So sahen es auch die Menschen im Alten Bund, vielleicht auch Paulus vor seiner Be­gegnung mit Christus. Diese Vorstellung ändert sich, wenn ein Mensch zum Glauben an Jesus kommt. Durch Jesus Leben erkennt Paulus im Leiden ein Zeichen der Liebe. Das Kreuz wird zum Ausdruck tiefster Liebe. Um das Ganze im Bild der Dornenkrone zu sagen: Überall dort, wo ein Mensch seine see­lischen und körperlichen Leiden in die persönliche Liebes­beziehung mit Christus integriert, verwandelt sich die Farbe und die Richtung der Dornen: Die dunklen Dornen werden golden und richten sich auf, sie werden Licht­strahlen. Mit Jesus in Liebe verbunden sein heißt, auch sein Leiden zu teilen. Im zweiten Korintherbrief schreibt Paulus (4,8‑11.16f):
„Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Wohin wir auch kommen, immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird. Denn immer werden wir, obgleich wir leben, um Jesu willen dem Tod ausgeliefert, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar wird. Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert. Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit.“

3. Was hat die Liebe zu Jesus im Paulus bewirkt?

Wie hat sich die Liebe zu Jesus im Leben des Paulus ausgewirkt? Es ist kein Geheimnis, dass die Be­gegnung mit Jesus verbunden war mit seiner Beauftragung, das Evangelium Jesu zu den Heidenvölkern zu tragen. Paulus wurde nicht nur berufen, Jesus zu kennen, sondern ihn auch bekannt zu machen und Menschen zu seinen Jüngern zu machen. Bis zur Hingabe seines Lebens hat er diesen Auftrag in großer Selbst­losigkeit und Hingabe erfüllt. Der Motor dazu war nicht nur der Gehorsam Gott gegenüber, nicht nur das Wissen um seine Sendung, sondern vor allem und zuerst die Liebe zu Christus. Er schreibt im 2. Brief an die Korinther schlicht und einfach (5,14): „Die Liebe Christi drängt uns.“
Paulus - Kloster Thalbach
Mutter Julia Verhaeghe, die Gründerin des „Werkes“, bringt eine tiefe Einsicht in die Seele des Paulus, die ihr geschenkt war, mit folgenden Worten zum Ausdruck:
„Das gläubige Mitwirken mit der Gnade war für Paulus ohne Berechnung und ohne Vorbehalt. Er war ergriffen und hat sich ergreifen lassen von Jesus Christus, seinem Herrn und Meister. Er wurde von einem solchen Seeleneifer erfüllt, dass er vor nichts mehr zurückschreckte. Er war, getrieben durch die Liebe Christi, ein Vater der Seelen geworden.“
 
„Das Licht der barmherzigen Liebe hat Paulus geleitet und durch eine beständige Umkehr im Denken und Tun zur Einswerdung mit Gott und mit den Brüdern und Schwestern geführt. Dieses Licht hat ihn von aller egozentrischen Liebe bekehrt. Es hat ihn zu einem zielgerichteten Mann Gottes geformt, zu einem Apostel und Priester, der an Christi Opferleben und Opfertod teilhat. So ist er zu einem würdigen und fruchtbaren Werkzeug für den Aufbau des Reiches Christi in den Seelen geworden.“
 
Die persönliche Liebe zu Christus war für Paulus untrennbar verbunden mit der Liebe und Sorge für die Gemeinden, man könnte sagen, für die Kirche, den er den geheimnisvollen Leib Christi nennt. Im Philipperbrief (1,20‑25) finden wir dafür ein schönes Zeugnis. Paulus ist im Gefängnis und ist unsicher, wie seine Haft ausgehen wird. Er schreibt:
 
„Darauf warte und hoffe ich, dass ich in keiner Hinsicht beschämt werde, dass vielmehr Christus in aller Öffentlichkeit durch meinen Leib verherrlicht wird, ob ich lebe oder sterbe. Denn für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbare Arbeit. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht. Es zieht mich nach beiden Seiten: Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein ‑ um wie viel besser wäre das! Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe. Im Vertrauen darauf weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen ausharren werde, um euch im Glauben zu fördern und zu erfreuen.“
 
Wenn wir das Leben des hl. Paulus überblicken, werden wir gewiss eine Ähnlichkeit feststellen mit dem, was wir am Leben des hl. Johannes Paul II. erleben durften. Kardinal Schön­born hat über ihn einmal gesagt, dass im Laufe seines langen Pontifikates seine Person ganz Amt geworden ist und sein Amt ganz Person; beides sei ganz ineinandergeflossen und ver­schmolzen. Das gleiche dürfen wir auch über den Apostel Paulus sagen: Alle seine Kräfte, seine Talente, seine Zeit und seine Ge­sundheit, seine Ge­danken und Taten, seine Worte und Gesten, seine Leiden und sein Sterben: alles floss hinein in seine leiden­schaftliche Liebe und lie­bende Hingabe an Jesus Christus. Und diese Hingabe wurde gleichzeitig zur Hingabe an die Menschen, aber nur mit diesem einen Ziel: Sie zu Jesus zu führen, damit Jesus an ihnen das Werk der Erlösung vollziehen und sie in seine Liebe aufnehmen könne. Ich möchte schließen mit den schönen Worten, mit denen der 2. Timotheusbrief sein Leben zusammenfasst (4,6‑18):
 
„Ich werde nunmehr geopfert, und die Zeit meines Aufbruchs ist nahe. Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten. Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit, den mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, aber nicht nur mir, sondern allen, die sehnsüchtig auf sein Erscheinen warten. Der Herr stand mir zur Seite und gab mir Kraft, damit durch mich die Verkündigung vollendet wird und alle Heiden sie hören; und so wurde ich dem Rachen des Löwen entrissen. Der Herr wird mich allem Bösen entreißen, er wird mich retten und in sein himmlisches Reich führen. Ihm sei die Ehre in alle Ewigkeit. Amen.“
»Wenn wir dem Licht des Glaubens folgen, wird sich unser Leben wandeln.«
Mutter Julia Verhaeghe