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Veröffentlicht am
28.10.2018
Autor
P. Georg Gantioler FSO

Die Christusliebe des heiligen Paulus

1. Teil

Im Stundengebet der Kirche, im deutschen Stundenbuch, ist ein Hymnus von Alphanus von Salerno aus dem 11. Jahrhundert ab­gedruckt. Die erste Strophe dieser alten Dichtung heißt:
 
Christus, göttlicher Herr,
dich liebt, wer nur Kraft hat zu lieben:
unbewusst, wer dich nicht kennt;
sehnsuchtsvoll, wer um dich weiß.
 
Diese Worte könnte man auch Paulus in den Mund legen. Genau das war die große Erfahrung seines Lebens: Er hat Jesus Christus gefun­den und ihn mit aller Kraft seines Herzen geliebt. Unbewusst hat er Jesus geliebt, als er ihn verfolgt hat: Denn er hat eigentlich nicht den wirklichen Jesus und dessen Jünger verfolgt, sondern ein Zerrbild von Jesus: Den Gotteslästerer aus Nazareth, der sich gegen den Glauben der Väter erhoben hat. Als Paulus aber den wirklichen Jesus kennenlernte, da wurde seine Sehnsucht nach ihm unendlich groß. Im Brief an die Philipper schreibt er (Phil 3,8f):
„Ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein.“
 
Wer Jesus findet, der findet den größten Schatz. Um diesen Schatz zu gewinnen, lohnt es sich, wie Jesus einmal im Gleichnis vom Schatz im Acker sagt (Mt 13,44ff), voll Freude alles zu verkaufen, um den Acker zu kaufen, in dem der Schatz vergraben ist; oder im anderen Gleichnis vom reichen Kaufmann, alles zu verkaufen, um die kostbare Perle zu erwerben, die mehr bedeutet, als alle anderen Güter der Welt.
 
 
Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. (1 Kor 15,10)
Wie hat Paulus Jesus gefunden? Wie ist er in die Liebe zu Jesus hinein­gewachsen? Was hat die Liebe zu Jesus in seinem Leben bewirkt? Diesen Fragen wollen wir nachgehen.
 
1) Wie hat Paulus Jesus gefunden?
 
Im Brief an die Galater (1,15f) beantwortet Paulus diese Frage mit einem einzigen Satz: „Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Heiden verkündige, da zog ich keinen Menschen zu Rate.“
Gott selbst hat Paulus „schon im Mutterleib“ auserwählt und berufen, ein Werkzeug für Jesus zu sein. Im Mutterleib, das heißt völlig unabhängig von seinem späteren Leben, unabhängig von eigenen Ver­diensten oder von eigener Schuld, unabhängig von eigenen Vorlei­stungen, einfach aufgrund seiner Gnade. Es war auch nicht das eigene Suchen nach der Wahrheit, das Paulus zu Jesus geführt hätte; sondern die Güte Gottes. Gott selbst hat Paulus seinen Sohn geoffenbart. Aus der Apostelgeschichte wissen wir, dass dieses Ereignis völlig uner­wartet auf dem Weg nach Damaskus stattgefunden hat, wo er Jesus sehen durfte und ihn als den Messias und Sohn Gottes erkannt hat. Auf diese ungeschuldete Erkenntnis Jesu Christi kommt Paulus in seinen Briefen mit großer Dankbar­keit zurück: Im 1. Korintherbrief (15,8ff) schreibt er z. B.:
 
„Als letztem von allen (Aposteln) erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der «Missgeburt». Denn ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben.“
 
Oder im 1. Timotheusbrief: „Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat. So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte“ (1 Tim 1,12-14).
 
Der Glaube an Jesus und die Liebe zu Ihm sind Geschenk. Das war nicht nur die Erfahrung des Paulus, sondern das ist auch die Er­fahrung aller, die Jesus entdecken. Es ist Geschenk. Man kann jemanden nicht durch Argumente oder langes Reden vom Glauben überzeugen. Noch weniger kann man mit Worten jemanden dazu führen, dass er Jesus liebt. Diese Gnade müssen wir erbitten. Sicher können Worte dazu beitragen, könne Argumente Auslöser sein und können andere Menschen für uns Werkzeuge Gottes sein; sonst wäre ja der ganze Verkündigungsdienst der Kirche umsonst. Aber das Entscheidende ist Gnade Gottes, die erbeten und oft auch erlitten werden muss. Viel­leicht war es gerade die Lebenshingabe des Stefanus, die diese Gnade für Paulus mitverdient hat. Nicht umsonst wird sein Name in der Hl. Schrift erstmals bei der Steinigung des Stefanus erwähnt. Wie hat Paulus Jesus gefunden? Durch die Gnade Gottes. Das wollen wir fest­halten, denn das ist der Schlüssel zum Verständnis seines Lebens und seiner Christusliebe.
 
»Jesus verlangt unsere Nachfolge nicht deshalb, weil er unseren Dienst etwa brauchte, sondern um uns das Heil zu schenken. Denn dem Herrn folgen heißt am Heil teilhaben, und dem Licht folgen heißt Licht empfangen.«
hl. Irenäus von Lyon