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+ Joachim Kardinal Meissner

Der Rosenkranz - die Blindenschrift der Bibel

mit den fünf Fingern die Hand des Herrn ergreifen

Auch unser Weg heißt: „Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen. Ich verlasse die Welt wieder und kehre wieder zum Vater zurück.“
Bei der Reise durchs Leben braucht man einen guten Begleiter, der die Wege kennt, braucht man einen festen Halt, auf den man sich stützen kann, und braucht man einen sicheren Weg, der zum Ziele führt. Das traurigste Wort, das im Neuen Testament steht, kommt aus dem Munde des 38 Jahre lang Gelähmten in der Säulenhalle von Bethesda: „Herr, ich habe keinen Menschen“ (Joh 5,7). Kann eigent­lich so ein Mensch leben? Allein? Ein katholischer Arbeiter aus Oberöster­reich war in der Nazizeit ohne Verhör in das Kon­zentrations­lager Dachau eingeliefert worden und schließlich dort an den Entbeh­rungen gestorben. Man sandte der Witwe seinen Anzug zurück. Als die Frau suchend in die Taschen des Anzugs griff, fand sie da­rin eine aus Stoffresten gefertigte Schnur mit vielen Knoten. Nach je zehn kleinen Kno­ten kam ein Doppelknoten und wiederholte sich fünfmal. Es war der Rosenkranz eines Glaubens­zeugen unserer jüngsten Vergan­genheit, der ihn als einziger Weggefährte bis in die Hölle des Konzentrationslagers Dachau begleitet und ihn vor dem letzten Alleinsein bewahrt hat.
 
Im Vatikanischen Museum kann man einen Rosenkranz sehen, den ein Kriegsgefange­ner in der Hungerhölle des Gefangenenla­gers aus dem kostbarsten Material geformt hat, das es damals gab, nämlich aus Brot­krumen. Der Mensch lebt, wie die Schrift sagt, nicht vom Brot allein. Dieser aus Brotkrumen gefertigte Rosenkranz wurde der Begleiter dessen, der sich das kostbare Brot vom Munde abgespart hat und der ihn dafür vor der Verzweiflung bewahrte. Es ist erstaun­lich, dass an eine kleine un­scheinbare Kette aus Perlen und mit einem Kreuz, also an einen Rosenkranz, so große Gnadengaben und eine Fülle des Segens geknüpft ist. Gewiss, er stammt nicht aus den Händen des Herrn selber; er hat sich gebildet in den Händen der durch die Jahr­hunderte betenden Kirche. Tausende haben an ihm gebetet, und da war der Herr mitten unter ihnen, wie er es verheißen hat, und hat den Rosenkranz gleichsam zu einem macht­vollen Instrument seiner Gnade gemacht. Die Perlen des Rosenkranzes sind wie die Spuren seiner Füße: „Vom Vater bin ich ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater“ (Joh 16,28). Wie viele Wege ist der Herr gegangen? Vom Himmel auf die Er­de, dann kreuz und quer durch das Land, schließlich auf den Taborberg und hinab ins Kidrontal und am Ende wiederum hinauf auf Golgota, hinab ins Grab, von dort hi­nauf in den Ostermorgen und dann wieder zurück von der Erde in den Himmel. Wir folgen dem Herrn von Perle zu Perle, von Gesätz zu Gesätz, von den Geheimnissen der Jugend Jesu über die Leidensstationen; bis zur Auffahrt in den Himmel gehen wir den Weg Christi mit und steigen mit Maria bis zur Rechten des Vaters. Sein Weg und ihr Weg ist auch unser Weg. Auch unser Weg heißt: „Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen. Ich verlasse die Welt wieder und kehre wieder zum Vater zurück.“ Eigentlich sollte man uns einmal auf den Grabstein nicht die beiden Zahlen schreiben: Geboren am ... und gestorben am ..., dafür aber: Ich kam vom Vater und ging zum Vater. Beim Rosen­kranzgebet ge­hen wir die gleichen Wege wie Jesus selbst. Er bewahrt uns vor Abwegen und Irrwegen. Mit dem Rosenkranz in der Hand kann man sich darum nicht verlieren.
Im Rosenkranz mit seinen fünf Geheimnis­sen ergreift der Beter gleichsam die Hand des Herrn mit ihren fünf Fingern. Der Beter sollte etwas in seiner Hand spüren, wenn er im Gebet nach der Hand Gottes greift. Aber die körperliche Hand will nicht ins Leere greifen. Wenn sie den Rosenkranz erfasst, weiß der Beter, dass er die helfende Hand Gottes ergreift. Deshalb ist der Ro­senkranz in den Händen der Leidenden und Sterbenden so häufig anzutreffen, nicht als ein heid­nischer Talisman, sondern als letz­ter Halt, wenn alle anderen Stützen fallen. Hier gibt sich der Christ wie Christus aus der Hand und empfiehlt sich in die Hände des Vaters. „Vater, in deine Hände lebe ich meinen Geist“ (Lk 23,46). Hier ergreift der Beter die Hand Christi, die mit einer Bewe­gung den Leichenzug vor der Stadt Naim stoppte und den Sarg berührte, so dass der Tote lebendig wurde. Wir sollten uns die­se Geste seiner Hand tief einprägen, da sie auch einmal unseren Sarg berühren wird, um den Tod ins Leben zu wandeln. Die Perlen des Rosenkranzes sind das auf­gereihte Wort Gottes. Die Perlen enthalten eigentlich alles, was zu wissen und zu glauben notwendig ist, um das ewige Leben zu gewinnen. Das ist zunächst das Kreuz am Anfang des Rosenkranzes. Vom Kreuz sagt der hl. Thomas von Aquin: Das Kreuz ist mein Buch. Man liest es nie aus. An ihm beten wir das Glaubens­bekenntnis. Das ist unsere Glaubenslehre. Dann kommen die ersten drei Ave Maria: Das ist unsere Le­benslehre: Glaube, Hoffnung, Liebe. Wir beten um diese drei göttlichen Tugenden. Dabei erinnern wir uns an das Wort des heiligen Paulus: Am größten unter ihnen ist die Liebe. Daran hängen alle anderen Gebote: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.
 
Wer den Rosenkranz betet, liest eigentlich die Bibel und betrachtet das Leben Jesu; denn der Rosenkranz ist das aufgefädel­te Neue Testament. Selbst wenn das Augenlicht im Alter oder durch Krankheit schwächer wird und sogar erlischt, kann man mit Hilfe des Rosenkranzes die Heilige Schrift weiterlesen. Der Rosenkranz ist eigentlich die Blinden­schrift der Bibel. Wer den Rosenkranz in seiner Hand hält, hat das ganze Neue Testament mit seiner kleinen Hand umfangen. Wer also den Rosenkranz betet, und wer ihn immer wieder betet, emp­findet am Ende dasselbe wie die Jünger auf dem Wege von Jerusalem nach Emmaus: „Ist nicht unser Herz warm geworden, als er mit uns re­dete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“ (Lk 24,32). Darum geht von Menschen, die den Rosenkranz beten können, Wärme, Licht und Güte aus. Man kommt gern in ihre Nähe. Im Rosenkranz ist uns der Saum des Gewandes Jesu in die Hand gegeben. Er ist eine geistli­che Reliquie des Herrn, gesegnet durch die Kirche, geheiligt durch das gläubige Gebet von Millionen Kindern Gottes und kraftvoll erwiesen im Laufe der Kirchengeschichte. Damals drängte sich die kranke Frau von hinten an Jesus heran und berührte den Saum seines Gewandes. Jesus spürte, dass eine Kraft von ihm ausging; es musste ihn jemand berührt haben, darum wandte er sich um und sprach zu der kranken Frau: ,,Mut, meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht“ (Lk 8,43ff.).
Die Perlen des Rosenkranzes sind das auf­gereihte Wort Gottes.
Wer einfach im Laufe des Tages nach sei­nem Rosenkranz in der Tasche greift, selbst ohne ihn zu beten, gerät in eine solche Be­gegnung mit dem Herrn. Dieser wendet sich um, schaut mich an und spricht: „Mut, meine Tochter, mein Sohn, dein Glaube hat dich gesund gemacht.“ Wenn wir mit Hilfe der Perlen, die durch unsere Finger gleiten, sein Wort des Lebens in uns aufnehmen, dann bringen diese gleichsam göttlichen Samenkörner ihre Frucht: 30-fache, 60-fache, 100-fache Frucht für uns oder andere Menschen. Jede Perle ist wie ein geheimnisvoller Keim ewigen Lebens durch unsere Nachfolge auf den Spuren des Herrn, an der Hand des Herrn und durch das Wort seiner Wahrheit.
 
Einer alten Mutter nahm der angeblich „gelehrte“ Sohn den Rosenkranz aus den beten­den Händen mit der Bemerkung: „Ach, lass doch, Mutter. Wir leben heute in einem auf­geklärten Zeitalter.“ Darauf schaute die alte Frau fragend den jungen Mann an und sagte ihm: „Kannst du mir etwas Besseres dafür geben?“ Und er legte wortlos die schlichte Perlenschnur in ihre Hand zurück.
 
Achten wir dieses kleine Handwerkszeug des Gebetes nicht gering. Wenn es einsamer um uns wird, in schlaflosen Nächten oder in bangen Stunden bleibt der Rosenkranz unser treuer und zuverlässiger Begleiter.