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P. Burkhard Feuerstein FSO

Der heilige Bruder Klaus und das „Wunder von Waldenburg“

Gedanken zum Gedenkjahr 2017

Liebe Brüder und Schwestern!
 
Am 10. Mai 1940 erfolgte der Angriff Hitlers auf die Benelux-Staaten und Frankreich. Am 11. Mai kam es zur Generalmobilmachung der Schweizer Armee. Am 12. Mai verkündete Propagandaminister Joseph Goebbels, dass es in Europa innerhalb der nächsten 48 Stunden keine neutralen Staaten mehr geben werde. Und am 14. Mai meldete das Japanische Radio, dass um 2 Uhr nachts deutsche Truppen in der Schweiz einmarschiert seien. Dazwischen aber lag der 13. Mai 1940, an dem die Schweiz den Angriff durch Nazi-Deutschland befürchtete. Die Schweizer Armee verschob ihre Truppen an die deutsche Grenze, und gleichzeitig flohen Teile der Bevölkerung Richtung Süden. In dieser Nacht aber ereignete sich unweit von Basel das „Wunder von Waldenburg“: Über diesem Ort erschien eine große, hell leuchtende Hand am Himmel – die schützende Hand des Landespatrons Bruder Klaus. Wie wir wissen, blieb die Schweiz entgegen bereits verbreiteter Nachrichten von Besetzung und Krieg verschont. Viele Soldaten bezeugten das nächtliche Ereignis am Himmel. Ein eigenartige Wolkenkonstellation, die es verursacht haben könnte, wurde von den meteorologischen Anstalten von damals und von alle Zeitzeugen ausgeschlossen: Der Himmel über Waldenburg war an diesem Abend völlig wolkenlos gewesen.
 
Wenn wir heute von diesem Geschehen hören, dann können wir nicht anders als annehmen, dass der Schweizer Nationalheilige konkret und sichtbar seine Hilfe gezeigt und seine Heimat vor dem Kriegsgeschehen, das sonst fast ganz Europa überzogen hat, bewahrt hatte. Gewiss wird man auch noch andere Gründe finden, die Deutschland eventuell gehabt haben könnte, das kleine Land nicht einzunehmen, weil man es für andere Zwecke noch brauchte: z. B. zum Umtausch von Gold in die Devisen, für die Deutschland als kriegsführender Staat im Laufe des Krieges kaum mehr Möglichkeit hatte. Wir wollen aber bei allem Zweitrangigen vor allem am Wichtigsten festhalten und es uns nicht relativieren oder verdunkeln lassen: dass das Eingreifen der Heiligen und ihre Fürsprache für einzelne Menschen und ganze Länder eine konkrete Wirklichkeit ist, auf die auch wir immer wieder hoffen und mit der wir rechnen sollten.
Wohnhaus in Sachseln
Noch ein zweiter Gedanke: Im Jahr 1446 im Alter von 29 Jahren, heiratete Niklaus von Flühe die 14jährige Dorothea Wyss. Er wurde Vater von 5 Mädchen und 5 Buben. Im Alter von 50 Jahren verschärfte sich in ihm die Suche nach dem Lebenssinn. Schließlich beschloss er – mit ausdrücklichem Einverständnis seiner Frau und der Kinder, was er als große Gnade Gottes wertete –, ins Ausland zu gehen. Im Oktober 1467 legte er alle politischen Ämter nieder und verließ Niklaus seine Familie. Das jüngste Kind war gerade ein Jahr alt. Nach einer Zeit des Suchens kam Niklaus schließlich nicht ins Ausland, sondern an jenen Ort, den er seit Kindestagen in einer Vision als seine Einsiedelei gesehen hatte: in die, nur wenige Minuten vom Wohnhaus seiner Familie auf dem Flüeli entfernt.
 
Der Einsiedler im Ranft wurde zu einem gesuchten Ratgeber für viele. Gott hatte seine geistliche Vaterschaft auf eine ganz neue Weise sichtbar gemacht. Dazu war es aber nötig, dass er seine natürliche Familie verließ. Das bekannteste Eingreifen von Bruder Klaus in das Leben seiner Mitmenschen war wohl jenes für die Tagsatzung in Stans: Dort konnte 1481 seine vom Pfarrer überbrachte Botschaft den Frieden unter den Eidgenossen vermitteln. Diese waren nach ihrem überraschenden Sieg über Burgund uneins gewordenen. Es bestand die Gefahr, sich jetzt untereinander zu bekriegen. Bruder Klaus rettete die damals aus acht Kantonen bestehende Eidgenossenschaft. Wer über das Leben von Bruder Klaus spricht, wird sich immer etwas schwertun, die Trennung von seiner Familie zu erklären. Es bleibt etwas „Sperriges“ in seinem Leben. Man kann es wohl nur mit dem Verweis auf das Evangelium tun, in dem der Herr seine Jünger zur Nachfolge einlädt und ihnen als Bedingung nennt, die Familie zu verlassen. Und man kann es nur mit dem Verweise auf die geistliche Vaterschaft tun, die vielen, ja der ganzen Schweiz, deren Patron er ist, ganz augenscheinlich zuteil geworden ist.
 
Vesperpredigt am 25. September 2017, Radio-Horeb-Übertragung