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Veröffentlicht am
13.07.2020
Autor
Die geistliche Familie "Das Werk"

Der 16. Juli 1941 im Leben von Mutter Julia

Unter dem Schutz der Karmelmutter begann der Pilgerweg von Mutter Julia Verhaeghe, der Gründerin der geistlichen Familie „Das Werk“

Schon länger dachte Mutter Julia daran, ihr Elternhaus um des Charismas willen zu verlassen. Bereits 1938 hatte sie dies erwogen und mit ihrem geistlichen Begleiter, Vater Cyril Hillewaere, darüber gesprochen. Auf seinen Rat hin blieb sie jedoch weitere drei Jahre zu Hause. Die Stunde Gottes für den Weggang vom Elternhaus schien noch nicht gekommen zu sein. Der Gehorsam gegenüber ihrem geistlichen Begleiter gab ihr die Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein: “Für mich bedeutet der Gehorsam, in abgesicherter Freiheit zu handeln und zu leben.”

Kapelle, Collegium Paulinum in Rom
Im Juli 1941 gelangte sie zu der inneren Gewissheit, dass sie von ihrem Elternhaus wegziehen sollte, so wie Abraham auf den Ruf Gottes hin seine Heimat hinter sich gelassen hatte. Sie bat um die Zustimmung von Vater Hillewaere. Er machte sie auf das Wagnis aufmerksam, das sie einging, gab ihr jedoch zur Antwort: “Tu, was Gott in dein Herz gelegt hat!”  und segnete sie. Er wusste um ihren starken Glauben und ihren nüchternen Blick auf die Wirklichkeit. Seit längerer Zeit war ihr bewusst, dass die Situation zu Hause nicht mehr jene Voraus­setzungen bot, die für die Entwicklung des Charismas notwendig waren. Im Blick auf die Zukunft hatte sie keine einzige menschliche Sicherheit, und der Abschied von ihrer kranken Schwester, mit der sie offen über das “Werk” und die Belange der Kirche sprechen konnte, fiel ihr nicht leicht: “Madeleine, meine geliebte Schwester, war schwer krank; eine tiefe Seelenverwandtschaft hat uns verbunden.”  Gerne wäre Madeleine mit Mutter Julia von zu Hause weggezogen. Doch wegen ihrer Krankheit konnte sie nicht daran denken.
 
Der Krieg vermochte Mutter Julia nicht davon abzuhalten, dem Ruf des Herrn zu folgen: “‘Vergiss dein Volk und dein Vaterhaus!’ (Ps 45,11) - ‘Folge mir nach!’ (Joh 1,43). Der Seelendurst Jesu hat mich ganz tief durchdrungen und die Bereitschaft zum Opfer war in mir. Durch alles hindurch erklang in meiner Seele das Lied: ‘Näher mein Gott zu Dir’.”  Mit angegriffener Gesundheit, ohne erlernten Beruf, ohne Arbeit und ohne menschliche Sicherheit ver­ließ sie mitten im Krieg am 16. Juli 1941 ihr Elternhaus und ihre Schwestern, die noch zu Hause lebten. Sie wusste sich dabei von Maria, der Mutter des Karmel, ge­führt, deren Gedächtnis an diesem Tag gefeiert wurde. Später schrieb sie darüber: “Voll Glauben legte ich meine Hand in die Hand der Karmelmutter. Sie hielt mich fest und half mir, den heiligen Willen Gottes inmitten der weiteren Kriegsjahre zu erfüllen. ‘Magnificat anima mea Dominum!’ - ‘Meine Seele preist die Größe des Herrn!’ Maria war meine einzige Sicherheit für die Gegenwart und für die Zukunft, die Gott allein bekannt war. Es schien mir, dass sie, unsere Mutter, die Verantwortung für mein Leben übernahm und mich Tag für Tag vorantrug.”
»Maria hat mich vor allem gelehrt, das wahre Vertrauen zu begreifen und zu leben.«
Mutter Julia Verhaeghe
In Liebe gehorchte Mutter Julia dem Ruf des Herrn und begab sich auf einen Pilgerweg des Glaubens. Sie wusste sich von der Gnade Gottes getragen, mit der sie aus freiem, großherzigem Entschluss mitarbeitete: “Die Gnade wirkt nicht automatisch, sie drängt sich auch nicht auf. Sie ist für Gottes Kirche und Volk ein Geschenk seiner unausschöpflichen Barmherzigkeit und seiner unbegrenzten Güte zur Erlösung und Heilung vieler. Die Gnade ist umhüllt und erfüllt vom Gesetz der göttlichen Liebe. Darum ist sie ihrem Wesen nach fordernd. So durfte ich die Gnade kennen lernen, sehen, erfahren und leben in einem Glauben, der einte, was zerteilt war, der heilte, was verwundet und krank war, der befruchtete, was unfruchtbar war.”
 
Mutter Julia ahnte, dass sie mit diesem Ja zu Gottes Ruf das Ja ihrer künftigen Schwestern und Brüder mitverdienen durfte. Ihre gläubige Hingabe sollte im Leben vieler Menschen ein Echo finden. Rückblickend auf diesen Tag schrieb sie viele Jahre später an die Mitglieder des “Werkes”: “Es lag im Willen Gottes und in seinem ewigen Ratschluss, dass in dem einen Ja, das ich Ihm gab, als ich unter dem Schutz der Karmelmutter meinen Pilgerweg begann, auch euer aller Ja eingeschlossen und geborgen war. Vergesst dies nie, denn auch euer Ja birgt in sich den Ruf zum gleichen Pilgerweg, den ihr durch diese Zeit, durch dieses Jetzt zu gehen habt, das die Geschichte eures Lebens ist.”
Während der Zweite Weltkrieg tobte und noch nicht absehbar war, wie das Charisma konkrete äußere Gestalt annehmen könnte, stand es immer klarer vor den Augen ihrer Seele. So bekannte sie im November 1941: “Mir scheint, dass der gute Gott mich mehr und mehr festigt in dem, was das ‘Werk’ betrifft. Gottes Wort, das ich in der Stille meines Herzens gehört habe, geht in Erfüllung.”
Herr, du lässt mich den Weg des Lebens erkennen. Ps 16,11

Der 16. Juli blieb für Mutter Julia immer ein Tag der Dankbarkeit und des Staunens über die wunderbaren Wege der göttlichen Vorsehung. Als dieser Tag viele Jahre später wieder einmal näher kam, schrieb sie: “In Vorbereitung auf den gesegneten Gedenktag, an dem die Karmelmutter mich souverän an der Hand genommen hat, um mich auf dem Weg des ‘Werkes’ Jesu voranzu­führen, fließt mein Herz über von Dankbarkeit, Frieden und tiefer Freude. Wie ein Kind seiner Mutter, habe ich mich ihr damals übergeben und ihr den ganzen zukünftigen Weg anvertraut, der mir noch unbekannt war. Sie hat mich vor allem gelehrt, das wahre Vertrauen zu begreifen und zu leben. Dieses wahre Vertrauen, so scheint es mir, ist der Mut zur Treue in allen Prüfungen. Es ist wie die Treue der Braut, die an die Treue ihres Bräutigams glaubt.” 

 

Gekürzter Auszug aus dem Buch:
Sie liebte die Kirche. Mutter Julia und die Anfänge der geistlichen Familie „Das Werk“.
Im Eigenverlag, Bregenz 2005

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