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Veröffentlicht am
18.04.2020
Autor
P. Peter Willi FSO

Das war ein "starkes Stück".

Mit Thomas in die "Schule Jesu" gehen.

„Sei nicht ungläubig, sondern gläubig“ (Joh 20,27). Das war eine ernste Ermahnung Jesu an Thomas, und man hat den Eindruck, dass der Herr sie liebevoll und doch mit großem Nachdruck an Thomas gerichtet hat. Wie hat sich der Unglaube des Thomas gezeigt? Am Abend des Ostertages offenbarte sich der auferstandene Herr allen Aposteln, ausgenommen Thomas. Die zehn anderen Apostel bezeugten diese tiefgehende Erfahrung und Erkenntnis gegenüber ihrem Mitbruder Thomas mit dem einmütigen Zeugnis: „Wir haben den Herrn gesehen“ (Joh 20,25). Thomas aber nimmt dieses Zeugnis nicht an, ja sogar noch mehr: Man hat den Eindruck, dass er es kategorisch zurückweist. Er will es nur annehmen, wenn er die Wunden Jesu selber sieht. Man könnte sagen: Das war ein „starkes Stück“ des Thomas. Die zehn Apostel waren nicht irgendwelche Leute, die dahergelaufen kamen und irgendeine Sensation bezeugten. Thomas kannte die zehn Mitbrüder alle ganz persönlich. Das waren nicht religiöse Schwärmer oder abergläubige Männer. Drei Jahre waren sie gemeinsam unterwegs, lebten miteinander, hörten gemeinsam auf die Worte Jesu, kannten Jesus,  und sie wuchsen zu einer brüderlichen Gemeinschaft zusammen. Thomas hätte zunächst einmal wenigstens etwas bescheiden nachfragen können über die Umstände dieser besonderen Erfahrungen, über den Inhalt, über die Wirkungen, die diese Erfahrung auf sie hatte, und anderes mehr. Es scheint, dass Thomas mit einem sehr selbstsicheren Urteil das Zeugnis seiner Mitbrüder vom Tisch fegte. Gewiss war es etwas Unglaubliches und das Denken gewaltig Übersteigendes, jenen als lebend zu bekennen, der wirklich tot war. Dennoch war es nicht richtig, über das einmütige Zeugnis von zehn gut bekannten Freunden einfach hinwegzugehen. Das war Unglaube.
Mein Herr und mein Gott!
Acht Tage später geht der Auferstandene liebevoll auf die Forderung und Bedingung des Thomas ein und erfüllt sie. Thomas darf die Wunden Jesu berühren. Die äußere Berührung bewirkt eine innere Berührung und Betroffenheit. Das Licht Jesu Christi leuchtet im Denken des Thomas auf, und ohne Zögern bekennt er die Auferstehung und Gottessohnschaft Jesu Christi: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20, 28). Der achte Tag nach der Auferstehung Jesu wurde für Thomas ein sehr lehrreicher Tag.
 
Thomas bekam Einsicht in sein noch ungläubiges Denken und Urteilen. Er musste lernen und war dazu bereit, Wahrheiten anzunehmen, die das Denken übersteigen. Glaube bedeutet, heraustreten aus den Begrenzungen unseres Denkens, unseres Wahrnehmens, unserer Einsichten, unserer spontanen Urteile und unserer Sichtweisen. Glauben bedeutet, sich auf etwas Größeres als uns selbst einzulassen. Wer nur das annimmt, was er versteht, bleibt eingeschlossen in eine sehr kleine Welt. Gott in seiner Güte ruft uns ständig heraus aus der Welt, die wir uns selber aufgebaut haben oder in der uns auch der ungläubige Zeitgeist eingemauert hat. Müssen wir nicht immer wieder die nur scheinbar weite und einsichtige Welt unseres rein menschlichen Denkens verlassen, um in die Welt der unglaublichen Höhen, Tiefen und Weiten Gottes einzutreten? Freilich ist uns diese Welt meistens nur zugänglich über die enge Tür des Glaubensaktes. Vor dieser engen Tür, die unsere menschlichen Argumente und unsere menschliche Freiheit scheinbar begrenzt, schrecken wir manchmal zurück. Aber gerade durch die enge Tür des Glaubensaktes müssen wir hindurch. Thomas und wir alle müssen lernen, uns auf das einzulassen, wozu Gott uns ruft, auch wenn es uns im ersten Augenblick menschlich übersteigt. Mutter Julia hat dies oft getan und einmal mit den Worten bezeugt: „Ich habe immer das im Glauben getan, wozu ich von mir aus nicht fähig war.“
 
Thomas musste lernen, dass er dem Zeugnis über Jesus vertrauen kann, weil die Zeugen vertrauenswürdig waren. Der auferstandene Herr gewährte dem Thomas, der ungläubig gezweifelt hatte, in seinem Erbarmen einen direkten Zugang zu ihm. Er durfte ihn sehen. Zugleich bekam Thomas die Einsicht, dass es ab Ostern auch einen anderen Zugang zu Jesus gibt, den Zugang über vertrauenswürdige Zeugen, den Zugang zu Jesus Christus über das Zeugnis der Kirche. Ostern ist die Geburtsstunde des kirchlichen Zeugnisses über Jesus. Wir wissen: Es war eine mühsame und schmerzvolle Geburtsstunde. Über die Gemeinschaft der Glaubenden haben wir einen kraftvollen Zugang zum Geheimnis Christi und der göttlichen Dreifaltigkeit. Unser Glaube beruht auf einer zweitausendjährigen, ununterbrochenen Kette der Zeugenschaft. In diese Kette sind auch wir jetzt hineingerufen. Für uns bedeutet dies: Glauben, was uns andere bezeugen, und kraftvoll anderen weiter bezeugen, was wir selbst empfangen haben. Zeugenschaft wächst im Empfangen und im Geben. Zeugen sind umso vertrauenswürdiger, je mehr sie aus dem leben, was sie bezeugen und auch dafür gelitten haben. Die Kraft der Zeugen übersteigt immer wieder die Kraft der Argumente, weil sie in der direkten lebendigen Verbindung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn stehen und von dort her reden.
»Übergib dich mit großem Vertrauen dem barmherzigen und liebenden Herzen Jesu.«
Mutter Julia Verhaeghe
Seien wir stets bereit, auf Zeugen zu hören, und auf Menschen, die sich durch Treue, durch Großmut, Hingabe und Leiden wertvolle Erfahrungen, Wissen und Weisheit erworben haben. Lernen wir aus der Vergangenheit. Cicero hat einmal gesagt, dass es typisch für alle revolutionären Zeiten ist, dass man die Vergangenheit verachtet. Im geistigen Hochmut setzt man einen neuen Beginn. Man erhebt sich über die Vergangenheit. Gewiss war in der Vergangenheit vieles nicht gut. Wer aber aus der Glaubenserfahrung der Kirche seit 2000 Jahren und aus der Erfahrung der Völker seit tausenden Jahren zu lernen bereit ist, wer also hinein hört in den still fließenden und so reichhaltigen Strom natürlicher und übernatürlicher Erkenntnis, angewachsen in langer Zeit, der erspart sich viel Zeit. Er wird bewahrt vor Umwegen und Irrwegen, vor Sackgassen und Engführungen in seinem Denken. Es braucht nur die Haltung der Demut und ein hörendes Herz, und eine große Welt der Einsicht tut sich auf. Wir dürfen und müssen manchmal den Dingen auf den Grund gehen und herausfordernde Fragen stellen. Zugleich sollen wir einen offenen Geist für das bewahren, was der Geist Gottes der Kirche und den Menschen vergangener Generationen an Einsicht geschenkt hat. Menschen, die den gläubigen Lebenskampf gekämpft haben, Christen, die sich für das Reich Gottes in dieser Welt eingesetzt haben, Glieder der Kirche, die durch die Kelter des Leidens gegangen sind, ältere Menschen, die sich Weisheit erworben haben, und Brüder und Schwestern, die seit vielen Jahren unser Charisma in Treue leben, sie alle können uns vieles lehren. Neben dem großen Schatz menschlichen Wissens und Erkennens, den wir in der Vergangenheit entdecken, gewährt Gott immer wieder neue Erkenntnis. Wir sollen uns deshalb verhalten wie der Schriftgelehrte, von dem Jesus sagt: „Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt“ (Mt 13,52). 
 
Bei allem, was der Herr uns sehen und erkennen lässt, bleibt uns vieles verborgen und für kürzere oder längere Zeit geheimnisvoll verschlossen. Benehmen wir uns dann nicht wie der noch etwas trotzige Thomas, der zuerst sehen und verstehen will, bevor er glaubt. Lassen wir uns von der Gnade Gottes zu jener Höhe und jenem Edelmut des Glaubens empor reißen, die der Herr seligpreist mit den Worten: „Selig, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20, 29).
Predigt von P. Peter Willi FSO