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Autor
P. Peter Willi FSO

Das Mitleid Jesu

Gedanken zum Evangelium des 16. Sonntags im Jahreskreis Mk 6, 30-34

Sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben
+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
 
Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.
Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen.
Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.
Aber man sah sie abfahren, und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an.
Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.
Schafherde auf der Via Appia, Rom
 
Mehrmals ist im Evangelium die Rede, dass Jesus Mitleid mit den Menschen hat. Er hat Mitleid mit den Menschen, die nichts zu essen haben, und er wirkt das Wunder der Brotvermehrung (vgl. Mt 15, 32). Er hat Mitleid mit den Kranken und heilt sie (vgl. Mt 14,14). Er hat Mitleid mit den Menschen, die keinen Hirten haben (vgl. Mk 6,34) und er lehrte sie lange. Jesus wendet sich den Hungrigen, den Kranken und den führungslosen Menschen zu.
 
Wir wollen jetzt ein wenig ausführlicher über das Mitleid Jesu für die führungslosen Menschen nachdenken. Sowohl Markus als auch Matthäus überliefern uns dieses Wort. Markus schreibt: „Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange“ (Mk 6,34). Matthäus schreibt: „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mt 9,36).
 
Welche Aufgabe hatte ein Hirte? Der Hirte sucht Weideplätze für die Herde, wo sie sich sättigen können, und zugleich erkennt er die Gefahren für die Schafe, die ihnen durch unwegsames Gelände oder durch wilde Tiere, etwa reißende Wölfe drohen. Der Hirte hat eine Führungsaufgabe. Er muss vorangehen, Nahrung suchen und beschützen.
 
Das Bild vom Hirten und den Schafen spricht von Jesus Christus und den Menschen. So wie der Schafhirte eine Weide sucht, so will Jesus Christus uns Nahrung geben. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sagt er, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt (vgl. Mt 4,4). Der Mensch braucht Nahrung für den Geist, er braucht Orientierung und Sinngebung, er braucht Antworten auf wesentliche Fragen seines Lebens. Wir haben nicht nur einen Leib mit seinen Bedürfnissen, die wir befriedigen wollen und zum Teil müssen. Ohne Nahrung, Kleidung, Schlaf, Wohnung, Arbeit oder Sicherheit können wir kein menschenwürdiges Leben führen. Zugleich erschöpft sich unser Leben nicht darin, dass wir diese Dinge für den Leib haben. Wir brauchen mehr. Von Jesus heißt es: „Und er lehrte sie lange“ (Mk, 6,34). Er gab ihrem Geist Nahrung. Er verkündete ihnen den Vater im Himmel, er lehrte sie die Kunst eines erfüllten Lebens, er warnte sie vor der Gefahr der Sünde und der verkehrten Lebenswege und er erschloss ihnen den Sinn des Lebens. Wenn Menschen all dies nicht wissen, dann sind sie, wie es bei Matthäus heißt: müde und erschöpft. Es gibt eine körperliche Müdigkeit und Erschöpfung, die zum Beispiel durch Hunger, durch Krankheit oder durch Überbelastung hervorgerufen wird. Es gibt aber auch eine geistige Ermüdung und Erschöpfung. Es gibt hier verschiedene Formen und Ursachen:
Es gibt Menschen, darunter nicht wenige Jugendliche, die sich innerlich leer und unzufrieden fühlen. Sie haben kein richtiges Zuhause, schauen mit Angst in die Zukunft, kennen Gott und den sinnerfüllenden Glauben nicht, haben vielleicht allerlei materielle Güter, aber wissen sich nicht geliebt usw. Eine häufige und verkehrte Lösung auf diese innere Ermüdung, Leere und Erschöpfung ist die Flucht in die Droge, in den Alkohol, in die Vergnügungssucht, in die maßlos gelebte Sexualität oder in die virtuelle Welt des Internet.
 
Es gibt eine geistige Ermüdung und Erschöpfung, die man Burn-out nennt. Sie kommt häufig aus einer Überbelastung der menschlichen Kräfte, der körperlichen und der seelisch-geistigen Kräfte. Sie kommt heute deshalb so häufig vor, weil nicht wenige Menschen wenig innere Tragkraft aufgebaut haben, ihre Kräfte nicht maßvoll eingesetzt haben und wenig oder keinen Halt im Glauben haben.
 
Es gibt dann bei Menschen, die ihr Leben für Christus einsetzen, ebenfalls das Phänomen der geistigen Ermüdung. Die Ursache kann darin liegen, dass man viel gegeben und zu wenig sich bemüht hat, in der Christusfreundschaft zu wachsen. Eine innere Trockenheit und Müdigkeit kann aber durchaus von Gott zugelassen werden, um sich noch mehr Gott zu übergeben. Solche Erfahrungen können zu einer kostbaren Zeit der Reifung und des Wachstums in der Hingabe an Christus und die Kirche werden.
 
Das ganze Phänomen der geistigen Ermüdung und Erschöpfung kann man nicht in einer kurzen Sonntagspredigt behandeln. Aber eines ist sicher: Wenn der Mensch, der auf Gott hin erschaffen worden ist, sein Inneres nicht mit Göttlichem nährt, mit dem Wort Gottes, mit den Sakramenten und der Erfahrung der Gegenwart Gottes in der Gemeinschaft der Kirche, dann droht ihm wirklich die Gefahr der inneren seelischen Müdigkeit und Erschöpfung. Viele Menschen haben Angst, Scham oder Stolz, dies zuzugeben oder sich helfen zu lassen. Sie setzen eine Maske auf und signalisieren nach außen anderes als was wirklich im Inneren lebt. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen.“ Warum sich nicht helfen lassen von Gott, von der Kirche und von Menschen, die den Hirtendienst Jesu Christi sichtbar in dieser Welt weiterführen? Wenn der Geist des Menschen nicht nach oben gezogen wird, wird der Mensch irdisch, weltlich, ein Opfer seiner Triebe und Leidenschaften. Früher oder später kommt der Punkt der seelischen Ermattung.
Gott hat es so gefügt, dass sich kein Mensch selber führen kann. Man kann selbstsicher der Chef des eigenen Lebens sein, sogar viele Jahre hindurch, aber einmal kommt doch der Punkt, wo man zu wanken beginnt.  Er hat es so gefügt, dass wir uns führen lassen sollen. Deshalb braucht es in jeder Zeit gute Hirten, Führer, Begleiter, Helfer und Menschen, die anderen vorangehen, wobei auch alle Hirten und Helfer ebenso auf Führung angewiesen sind. Auch jene, die andere begleiten oder führen, sollen sich selber wie Schafe führen lassen.
 
In der Kirche und in der Gesellschaft gibt es heute eine große Armut, weil es zu wenig Hirten, Priester, Verantwortliche, gute Väter und Mütter oder Lehrerpersönlichkeiten gibt. Es gibt viele Verführer und zu wenig Führer. Es gibt Lehrer, die Wissen und Information weitergeben, aber zu wenig Herzens- und Charakterbildung, Erziehung und Orientierung geben. Viele Mütter und Väter geben zu wenig Gewissensbildung, ein echtes Zuhause, Liebe, Klarheit, Eindeutigkeit und Festigkeit. Vielleicht denken Sie, dass ich ein zu pessimistisches Bild zeichne. Dennoch wage ich zu behaupten: Was das Evangelium sagt, ist wahr: Es gibt viele Menschen, die wie Schafe sind, die keinen Hirten, keinen guten Hirten haben.
 
Liebe Brüder und Schwestern, ich bitte jeden und jede von Ihnen: Leben Sie Tag für Tag überzeugt, dankbar, froh, entschieden und eindeutig Ihren christlichen Glauben. Dann werden Sie in Ihrer Umgebung für andere Menschen eine Hilfe sein. Wir dürfen keine wankenden und unklaren Christen sein. Christus macht uns stark, wenn wir uns an ihn halten, wenn wir uns an die Lehre der Kirche halten, wenn wir das Wort Gottes leben, aus den Sakramenten, aus der Kraft des Gebetes, wenn wir die Tugenden leben und uns selber demütig helfen lassen.
 
Ein Zweites: Erbitten wir gute Hirten für die Kirche. Erfüllt vom Mitleid über die Menschen, die keinen Hirten hatten, sagte Jesus: „Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden“ (Mt 9, 37f).
 
Sonntagspredigt – zum Evangelium des 16. Sonntags im Jahreskreis
 
Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.