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04.10.2016

Christliche Vollkommenheit und menschlicher Perfektionismus

Eine Betrachtung im Geist von Mutter Julia Verhaeghe

„Habt keine Angst, die Heiligen des dritten Jahrtausends zu sein!“ So rief der heilige Johannes Paul II. den jungen Menschen beim Weltjugendtag 2000 in Rom zu. Es war ihm ein großes Anliegen, die Sehnsucht nach Heiligkeit in vielen Herzen neu zu wecken. In den zahlreichen Heiligsprechungen während seines Pontifikats stellte er uns Männer und Frauen vor Augen, die den Ruf Jesu in der Bergpredigt ernst genommen haben: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48).  Beim Weltjugendtag in Köln sagte Benedikt XVI.: „Im Leben der Heiligen kommt, wie in einem großen Bilderbogen, der Reichtum des Evangeliums zum Vorschein. Sie sind die Lichtspur Gottes, die Er selbst durch die Geschichte gezogen hat und zieht.“ Im Auf und Ab der Geschichte waren sie die wirklichen Erneuerer, die immer wieder die Geschichte aus den dunklen Tälern herausgeholt haben, in denen sie zu versinken droht, und die immer wieder so viel Licht in sie brachten, dass man dem Wort Gottes, wenn vielleicht auch unter Schmerzen, zustimmen kann, der am Ende des Schöpfungswerkes gesagt hatte: Es ist gut.
»„Im Leben der Heiligen kommt, wie in einem großen Bilderbogen, der Reichtum des Evangeliums zum Vorschein. Sie sind die Lichtspur Gottes, die Er selbst durch die Geschichte gezogen hat und zieht.«
Benedikt XVI.
Mit diesen Worten greifen die Päpste eine der wichtigsten Lehren des II. Vatikanischen Konzils auf, die besagt, „dass alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen sind“ (LG 40). Die Heiligkeit ist also das große Ziel aller Christen. „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung“ (1 Thess 4,3). Die Heiligkeit gründet in der Taufe, bei der wir von der Erbsünde befreit, mit der heiligmachenden Gnade beschenkt und in die große Familie der heiligen Kirche aufgenommen worden sind. Durch das Gebet, das Hören auf das Wort Gottes und den gläubigen Empfang der Sakramente, vor allem der heiligen Eucharistie, gibt der Herr uns Tag für Tag die Kraft, auf dem Weg der Heiligkeit voranzuschreiten. Dieser Weg fordert unseren ganzen Einsatz im „guten Kampf“ (1 Tim 1,18). Mutter Julia hat in diesem Zusammenhang auf eine Gefahr aufmerksam gemacht, die der christlichen Vollkommenheit im Weg steht: der menschliche Perfektionismus. Sie schrieb einmal: „Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem, was wir ‚Vollkommenheit‘ nennen, und der ‚christlichen Vollkommenheit‘, die uns Christus bei seinem Kommen verkündet und in Liebe mitgeteilt hat.

Der menschliche Perfektionismus

Die Größe und Schönheit der wahren Vollkommenheit können wir deutlicher erfassen, wenn wir zuerst ihr Trugbild, den menschlichen Perfektionismus, in Kürze erwägen. Mutter Julia, der die innere Not des Menschen unserer Tage klar vor Augen stand, sagte: „Die Kinder dieser Zeit sind für den Perfektionismus sehr anfällig.“ Menschlicher Perfektionismus ist ein Vollkommenheitsideal, das nicht von Gott kommt, sondern vom Menschen gemacht wird, der sich selbst, nach seinen eigenen Vorstellungen und mit seiner eigenen Kraft, verwirklichen möchte. Wenn wir dieser Haltung verfallen, sind wir zu sehr mit uns selbst und unseren eigenen Gedanken beschäftigt. Dann suchen wir das menschlich Perfekte: eine Welt ohne Sünden, einen Ehepartner ohne Schwächen, Vorgesetzte ohne Fehler. Als Folge davon kommt es oft zu Mutlosigkeit, zu Ärger und zu einer gewissen Unfähigkeit, die guten Seiten der Mitmenschen zu sehen und dafür dankbar zu sein. Der Perfektionismus kann das gemeinschaftliche Leben, die Einheit zwischen Ehepartnern, das gegenseitige Vertrauen unter den Menschen und das Klima am Arbeitsplatz schwer belasten.
Im Letzten ist der Perfektionismus eine Form des Stolzes. Wenn wir davon befallen sind, tun wir uns schwer, eigene Gedanken und Vorstellungen aufzugeben. Wir treffen dann zwar Urteile, die Keime der Wahrheit enthalten, aber es fehlt uns an Liebe, Güte und Wohlwollen. Treffend bemerkte Mutter Julia: „Tugend ohne Liebe führt zum Perfektionismus. Der Christ darf kein ‚Gentleman‘ sein, der das Perfekte aus Selbstsucht sucht.“ Wenn sich im menschlichen Zusammenleben oder bei einer Arbeit der Perfektionismus breit macht, entsteht meistens eine gespannte Atmosphäre. Dann genügen kleine Fehler oder Missverständnisse, um böse Worte auszulösen.
In der Haltung des Perfektionismus vergleichen wir uns nicht selten mit anderen Menschen und streben nach einem selbstgemachten Ideal, welches nicht dem Bild entspricht, das Gott für uns entworfen hat. Mit viel Anstrengung suchen wir unser eigenes Ideal zu verwirklichen, anstatt in Freude mit jenen Gaben zu dienen, die Gott uns geschenkt hat. Manche Eltern machen diesen Fehler, wenn sie von ihren persönlichen Vorstellungen über ihre Kinder nicht ablassen wollen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir wohl alle zugeben, dass wir manchmal so sehr mit eigenen Gedanken beschäftigt sind, dass wir das Leid der anderen und die vielen Nöte in der Welt zu wenig sehen.

»Tugend ohne Liebe führt zum Perfektionismus«
Mutter Julia

Die christliche Vollkommenheit

Der Ausgangspunkt der christlichen Vollkommenheit ist nicht das eigene Ich, sondern Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes. Als gläubige Menschen schauen wir zuerst auf den Herrn und dann, von Ihm her, auf die anderen und auf uns selbst. So lösen wir uns von Idealen, die dem eigenwilligen Denken und Wollen entspringen, und öffnen unseren Verstand und unser Herz für Christus und seine erlösende Liebe. In dieser Schule lernen wir jene Haltungen, die uns vom menschlichen Perfektionismus heilen und auf dem Weg der wahren Heiligkeit voranführen.

Der Blick der Liebe

Jesus Christus, der Heilige, kam in eine Welt der Sünde, um das verirrte Schaf, den gefallenen Menschen, zu suchen, zu finden und in das Haus des Vaters heimzuführen. Sein Herz war erfüllt von Liebe und nicht von Kritik, von Frieden und nicht von Unzufriedenheit, von Güte und nicht vom Ärger über die schlechte Welt. Auch wenn Er die Sünde und die Hartherzigkeit der Menschen aufdeckte, war Er ständig bemüht, die verwundeten Herzen mit dem Balsam der Liebe zu heilen. Mutter Julia sagte humorvoll, dass Jesus alle Apostel nach Hause hätte schicken müssen, wenn Er ein Perfektionist gewesen wäre. Denn diese waren unvollkommen und hatten ihre Sünden und Fehler. Selbst Petrus, der Erste unter ihnen, hatte seine Eigenheiten und Charakterschwächen. Aber er war zugleich ein Mann, der den Herrn aufrichtig liebte und bereit war, sich etwas sagen zu lassen. Jesus, der göttliche Erzieher, begegnete ihm und den anderen Aposteln mit viel Geduld, Festigkeit und Milde. Er half ihnen, sich aus ihrer Schwachheit und Sündhaftigkeit zu erheben. Er lehrte sie vor allem, ihre Herzen für sein Licht, sein Erbarmen und seine Liebe zu öffnen.
Die Verhaltensweise Jesu gegenüber den Menschen sagt uns: Schau nicht mit perfektionistischen Gedanken auf die anderen und auf dich selbst! Beginne jeden Tag damit, in deinem Denken, Reden und Handeln der Liebe Raum zu geben! Nur die Liebe macht uns fähig, die anderen so sehen zu lernen, wie sie wirklich sind. Nur die Liebe schafft eine Atmosphäre, in der Änderung und Wachstum möglich sind. Gott erwartet von uns nicht das menschlich Perfekte, sondern Hingabe und Liebe. Er erwartet nicht, dass wir vor Ihm glänzen, sondern dass wir durch Güte von innen her leuchten. Wir brauchen vor Gott nicht als Helden auftreten, sondern müssen nur eines tun: lieben, lieben, lieben. Der Weg der Bekehrung vom menschlichen Perfektionismus zur christlichen Vollkommenheit ist der Weg vom Stolz zur Liebe, von der Selbstbezogenheit zur Hingabe, vom Ich zu Gott und zum Nächsten. Mutter Julia sagte:
»Was wir tun, muss nicht an sich vollkommen sein. Vielmehr sei das Grundmotiv unseres Strebens und Bemühens Gottes Ehre und Verherrlichung.«
Mutter Julia

Die Bereitschaft zur Vergebung

Weil der Herr uns seine vergebende Hand gereicht hat, müssen auch wir sie anderen reichen, müssen wir auch uns selbst vergeben.

In seinem Leben hat Jesus immer wieder Sünden vergeben und uns geboten, „siebenundsiebzigmal“ (Mt 18,22), also immer, zu vergeben. Als Er nach der Auferstehung seinen Aposteln begegnete, die Ihn aus Angst in den bitteren Stunden des Leidens verlassen hatten, machte Er ihnen keine Vorwürfe. Er brachte ihnen den österlichen Frieden. Und Petrus, der Ihn dreimal verleugnet hatte, musste kein öffentliches Schuldbekenntnis ablegen und sein Versagen nicht lang erklären. Er musste dem Herrn nur seine ganze Liebe bekunden, und zwar dreimal ohne Zögern.
Wenn wir nach christlicher Vollkommenheit streben, sind wir bereit zu vergeben. Die Liebe zum Herrn und das Vertrauen auf seine Barmherzigkeit geben uns die Kraft dazu. Als Perfektionisten hingegen tun wir uns schwer, anderen zu vergeben und in aller Einfachheit persönliche Fehler einzugestehen. Wir konzentrieren uns dann zu sehr auf das Unkraut der Sünde und können uns deshalb nicht über den Weizen der Liebe freuen, den es auch gibt. Indem wir das Unkraut bekämpfen, schaden wir auch dem Weizen. In dieser Versuchung sind wir häufig nachtragend und bewahren in unserem Denken ein Schuldregister über eigene und fremde Fehler. So gelangen wir nicht zum inneren Frieden und zum wahren Glück, obwohl wir vielleicht manche gute Taten vollbringen. Ist es nicht schade, wenn uns die Heiterkeit der Seele und die Freude an Gott fehlen?
Jede menschliche Gemeinschaft lebt von der Vergebung. Weil der Herr uns seine vergebende Hand gereicht hat, müssen auch wir sie anderen reichen, müssen wir auch uns selbst vergeben. Da Gott uns annimmt, dürfen und sollen wir uns selber und andere annehmen, auch wenn noch manches wachsen und reifen muss. Der Mensch, der nach wahrer Vollkommenheit strebt, ist ein Mensch der Hoffnung. Er kann sogar über eigene Fehler schmunzeln. Er lässt sich gerne helfen. Mit frohem Mut beginnt er jeden Tag von neuem. In diesem Sinn machte Mutter Julia an einem Festtag folgenden Aufruf: „Lasst uns im Licht des heutigen Tages einander ganz neu gegenüberstehen, so als ob wir uns zum ersten Mal begegneten. Lasst uns alles vergessen, was wir in unserem Gedächtnis aufbewahrt haben. Wir wollen neu beginnen in der Gnade und im Glauben.“ Ist es nicht tröstlich, dass wir in der Liebe Christi immer wieder neu beginnen dürfen?
Freilich fordert die Liebe, die man von der Wahrheit und Gerechtigkeit nicht trennen kann und trennen darf, in verschiedenen Situationen auch die Stellungnahme und das deutliche Wort. Immer wieder hat Jesus der Sünde und dem Bösen durch klare Worte Einhalt geboten. In einer Zeit, in der ein falsches Verständnis von Liebe und Barmherzigkeit sehr verbreitet ist, dürfen wir das nicht vergessen. Falsche Nachgiebigkeit und Güte führen zu vielen Kompromissen mit der Sünde. Es ist gerade die Liebe, die uns verpflichtet, die Sünde zu überwinden.

Nicht selten kam Jesus in Konflikt mit jenen Menschen, die man die religiösen Perfektionisten seiner Zeit nennen könnte. Immer wieder wurde Er in Auseinandersetzungen mit jenen Pharisäern und Schriftgelehrten verwickelt, die vor dem Volk perfekt erscheinen und ihre Unehrlichkeit und Sündhaftigkeit verbergen wollten. Sie waren nicht bereit, ihr Denken zu ändern und Menschen mit einem einfachen Herzen zu werden. Sie machten sich zu viele Sorgen darüber, was die anderen von ihnen dachten, und vergaßen, dass es darauf ankommt, wie Gott über uns denkt.
Sie waren gefangen im Stolz in der Sünde, die das Herz der Erlösers am schmerzlichsten trifft. Im Stolz verschließt der Mensch sein Herz und wird unfähig, die Barmherzigkeit Gottes anzunehmen. Weil der Herr die menschliche Freiheit achtet, steht Er gleichsam „ohnmächtig“ vor dem Stolzen. Unsere eigentliche Tragik besteht nicht darin, dass wir fallen, sondern dass wir uns nicht helfen lassen und nicht rasch genug aufstehen wollen. Heilig sein heißt nicht, ohne Fehler zu sein, sondern Gott und den Nächsten aus ganzem Herzen zu lieben und sich bei jedem Versagen in aller Einfachheit und Demut dem Erbarmen Gottes zu übergeben. Die Tugend der Demut löst den Knoten komplizierter Gedankengänge und vertreibt die Gewitterwolken der Unzufriedenheit und des Ärgers aus dem Herzen. Die Demut war der Weg Gottes zu den Menschen. Sie ist auch der Weg des Menschen zu Gott, der Weg zur Einheit in unseren Familien und Gemeinschaften, der Weg zum Frieden in der Welt.

Der Dienst an der Kirche

Die Heiligen waren nicht ängstlich mit ihrer eigenen Heiligkeit beschäftigt. Ihre Liebe schenkten sie dem Herrn und den Mitmenschen, ihre Sorge galt der Kirche. In diesem Sinn sprach Mutter Julia: „Diene der heiligen Kirche, dem Mystischen Leib Christi, und Gott selbst wird für deine Heiligkeit sorgen.“ Gott heilt und heiligt jene, die sich als Vater oder Mutter für ihre Kinder, als Diakone oder Priester für die Gläubigen, als Bischöfe für ihre Diözese, als Gottgeweihte für ihre Gemeinschaft, als Christgläubige für die Mitmenschen hingeben. „Die Liebe deckt viele Sünden zu“ (1 Petr 4,8). Wer liebt und dient, tritt aus den vielen Bindungen an das eigene Ich heraus und kommt gerade dadurch zu sich selbst. Er vertraut ganz auf Gottes Gnade und gibt zugleich alles, was er geben kann. Er strebt danach, Gott in allem zu gefallen und jeden Tag in Treue seine Standespflichten zu erfüllen.
 
Vollkommenheit ist das große Ziel unseres Lebens. Wir können und werden sie erreichen, wenn wir Menschen der Liebe, der Vergebung, der Einfachheit und der Dienstbereitschaft werden. Die wahre Demut führt uns zum Herzen Gottes und zur Erkenntnis der Wahrheit. Sie befähigt uns, das zu vollbringen, was Gott von uns erwartet. Denn „seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im Voraus bereitet hat“ (Eph 2,10).

Mutter Julia ermutigte uns, nach wahrer Heiligkeit zu streben, um lebendige Glieder der Kirche und Werkzeuge Gottes in der Welt zu sein: „Die Kirche von heute braucht mehr denn je Heilige. Lasst uns die Heiligkeit füreinander erbitten und darin wachsen, um Gott zu ehren und für Gottes Dienst unter den Menschen fähig und fruchtbar zu sein.“
»Die Liebe deckt viele Sünden zu.«
1 Petr 4,8