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“Christ, erkenne deine Würde!”

Leben aus dem Sakrament der Taufe

"Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." Als diese Worte über uns gesprochen und wir mit dem Taufwasser besprengt wurden, konnten die meisten von uns noch keinen Gedanken denken und kein Wort sprechen. Das wunderbare Geschenk der Taufe ist nicht in unserer Erinnerung festgehalten. Und doch war diese Stunde eine der größten Stun­den unseres Lebens. Der Glaube sagt uns: Durch dieses heilige Sakra­ment wurden wir in den Lebensstrom des dreifaltigen Gottes auf­ge­nommen.
 

Mutter Julia Verhaeghe (1910-1997), die Gründerin unserer geistlichen Familie “Das Werk”, war immer erfüllt von tiefer Dank­barkeit und großem Staunen über dieses Sakrament. Die Taufe war für sie eine lebendige Wirklichkeit, die ihr ganzes Leben bestimmt hat. Dies bezeugt sie mit den Worten: "Dieses Sakrament ist grundlegend und gewährt uns den Zugang zu den anderen Sakramenten. Es erhellt den Sinn unseres Seins und unseres Daseins als Glieder des Mystischen Leibes Christi, als ange­nom­mene Söhne und Töchter Gottes, die in Ihm und durch Ihn neu geschaffen wurden. Welch eine Würde ist uns doch verliehen! Welch ein Zugang zum Herzen unseres himmlischen Vaters steht uns offen."

In jedem Zeitalter braucht die Kirche Menschen, die die Größe dieses Sakramentes im Glauben erfassen, die darin empfangene Gnade in ihrem Leben verwirk­lichen und für die von unserem Heiligen Vater gewünschte Neuevangelisierung fruchtbar machen. Die vorliegenden Ge­danken mögen helfen, dass wir uns der Größe dieses Sakraments neu bewusst werden.
Die katholische Kirche fasst das Geheimnis der Taufe mit folgenden Worten zusammen: "Die Taufe ist die Eingangspforte zu den Sakramenten; ihr tatsächlicher Empfang oder wenigstens das Verlangen danach ist zum Heil notwendig; durch sie werden die Menschen von den Sünden befreit, zu Kindern Gottes neu geschaffen und, durch ein untilgbares Prägemal Christus gleich­gestaltet, in die Kirche eingegliedert (CIC, can. 849).
 
Befreit von Schuld und Sünde
 

Der Mensch kommt als Armer in diese Welt. Adam und Eva haben durch ihre Sünde das Geschenk der Gnade, das Geschenk der tiefen Lebensgemeinschaft mit Gott, für sich und für alle Menschen verloren. Diesen Zustand der geistlichen Armut bezeichnet die kirchliche Lehre mit dem Wort Erbschuld. Im Sakrament der Taufe wurden wir von dieser Schuld befreit. Jesus Christus, "der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen" (2 Kor 8,9). Der Täufling - ob er ein Säugling, ein Kind oder ein Erwachsener ist - empfängt das Geschenk der Gnade: den Reichtum des göttlichen Lebens. Wenn er bereits älter ist und persönliche Schuld auf sich geladen hat, wird ihm auch diese vergeben. Die Taufe macht ihn zu einem Erben des Himmelreiches.

Eine neue Schöpfung
 
Paulus, der in Damaskus das Geschenk der Taufe empfing, war von diesem Geschehen so überwältigt, dass er später schrieb: "Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöp­fung. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden" (2 Kor 5,17). Die Taufe gewährt das Geschenk der Gotteskindschaft. Durch sie wurden wir Gottes geliebte Söhne und Töchter, in deren Seele Er den Samen der Heiligkeit und des ewigen Lebens eingesenkt hat. Mutter Julia drückt diese wunderbare Umge­staltung unseres ganzen Seins mit den Worten aus:
 

 

»Auf jeden Getauften kam der Heilige Geist herab wie bei der Taufe Jesu, und auf eine innerliche Weise wieder­holten sich die Worte: Du bist mein Kind. Dir habe Ich all meine Liebe zugewendet. Im Wasser dieses Sakra­men­tes, welches Jesus geheiligt hat, ließ Ich dich wiedergeboren werden.«
Mutter Julia
Wir sollten jeden Tag wie ein neues Leben beginnen. Edith Stein
Ein untilgbares Prägemal
 
Im Sakrament der Taufe haben wir ein untilgbares Prägemal empfangen, das dem Auge verborgen bleibt. Christus hat unserer Seele sein Bild verliehen und sein Siegel aufgedrückt. Deshalb nannte man die Jünger Jesu schon sehr bald Christen (vgl. Apg 11,26). Durch die Taufe gehören wir für immer Christus an. Er hat uns zu seinen Brüdern und Schwestern gemacht. “Die Taufe hat uns einen anderen Familiennamen verliehen: Christ” (Mutter Julia). Der heilige Papst Leo der Große ruft voll Staunen aus: “Christ, erkenne deine Würde!” Als Getaufte sollen wir Christus bezeugen, seinem Namen Ehre erweisen und unser Leben zu einem Echo und Widerschein seines Lebens werden lassen. Paulus sagt: "Ich ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging" (Eph 4,1). Die Taufe ist eine große Gabe und bleibt zugleich eine lebenslange Aufgabe.
 
 
Berufen zur Heiligkeit
 

Wir wurden durch die Taufe in das Leben Gottes aufgenommen, aber die menschliche Schwachheit, Gebrechlichkeit und Versuchbarkeit - die Lehre der Kirche nennt dies Konkupiszenz (Begierlichkeit) - bleibt zurück. Es gehört zur Aufgabe eines Getauften, den Weg der Heiligkeit zu gehen. Die Gnade, die durch unser bereitwilliges Mitwirken befruchtet werden muss, befähigt uns dazu. Nach Heiligkeit streben bedeutet, dass wir unser ganzes Leben, Sprechen, Handeln, Denken und Urteilen vom über­natürlichen Licht des Herrn durchdringen lassen. Die Welt braucht dringend Zeugen Christi, Menschen, die die Gnade der Erlösung im Glauben annehmen und durch ihr Leben ausstrahlen. Erlöste Menschen sind “sehende” Menschen; sie können Gott und seine Wahrheit erkennen. Ihr Herz ist nicht aus Stein, sondern aus Fleisch; sie sind fähig, zu lieben und zu dienen. Durch Taten des Glaubens, der Selbstverleugnung und der Liebe überwinden sie die verschiedenen Formen der Ichgebundenheit. So erlangen sie jene innere Kraft des Willens und des Geistes, die sie dazu befähigt, das Böse zu überwinden und im Geist der Unter­scheidung das Gute zu tun.

Glieder der großen Familie Gottes
 
Die Kirche braucht Menschen, die glücklich, froh und - in rechter Weise - stolz darauf sind, zu ihr gehören und an ihrer Sendung in der Welt mitwirken zu dürfen. Mutter Julia schreibt:
 
"Das Sakrament der Taufe verbindet die Getauften als Glieder des Mystischen Leibes Christi zu einer Familie Gottes. Dadurch wird es für jeden eine heilige Pflicht der Gerechtigkeit und Liebe, an der erlösenden und heiligenden Sendung Christi mitzuwirken und daran teilzunehmen; jeder gemäß der Gnade, die ihm zum Wohl aller verliehen ist."  
 

Bei vielen Getauften ist das Verhältnis zur Kirche belastet. Es gibt Unzufriedenheit, Unwissenheit, inneren Aufstand und falsche oder einseitige Vorstellungen über die Kirche. Deshalb braucht die Kirche Menschen, die sie kennen und lieben, von ihrer Größe und Herrlich­keit überzeugt sind und durch ihr Lebenszeugnis bei anderen Menschen neues Vertrauen in die Kirche wecken. Die Kraft der Kirche liegt nicht in erster Linie in der Zahl ihrer Ge­tauften, sondern vor allem in der Heiligkeit ihrer Glieder, in der Kraft ihres Zeugnisses und in der Reife ihres Gewissens. Wenn wir  mit Freude aus der Gnade der Taufe leben, wirken wir einladend auf die Menschen unserer Tage und dürfen auf Gott verweisen, der in uns wirkt und uns in seiner Kirche zusammenführt.

»Die Kirche ist Leben und Glanz von unserem himmlischen Vater. Wie sehr müssen wir sie lieben, sie verkünden und durch unser Leben ausstrahlen. «
Mutter Julia
Das Taufbewusstsein erneuern
 
Die Schriften des Alten und Neuen Bundes lehren uns, dass wir die Wohltaten Gottes niemals vergessen dürfen. Die heilige Taufe ist eine dieser Wohltaten Gottes, die wir bereits am Beginn unseres Lebens empfangen haben. Hier einige Anregungen, um bewusster aus dem Sakrament der Taufe zu leben. Im Katechismus der katholischen Kirche gibt es einen längeren Abschnitt über die Taufe, den wir lesen und besprechen können (KKK 1213-1284).
 
  • Im Katechismus der katholischen Kirche gibt es einen längeren Abschnitt über die Taufe, den wir lesen und besprechen können (KKK 1213-1284).
  • Wir können uns beim Besuch einer Kirche oder zuhause bewusst mit dem Weihwasser bekreuzigen. Eltern sind eingeladen, ihren Kindern oft mit Weihwasser das Kreuzzeichen auf die Stirne zu zeichnen und so den Elternsegen zu erteilen (am Abend, bevor die Kinder zu Bett gehen; vor wichtigen Aufgaben, vor einer Reise, usw.). Wir können in der Wohnung ein Weihwas­serkrüglein anbringen, sofern dies nicht schon der Fall ist.
  • Es ist schön, den eigenen Tauftag zu einem Tag des Dankes werden zu lassen und den Tauftag mit den Kindern bewusst zu begehen.
  • In den vielfältigen Situationen des Lebens, in Versuchungen und Prüfungen, in Freude und Leid sind wir gerufen, das Taufversprechen zu erneuern und bewusst zu sagen: "Ich widersage dem Satan" und "Ich glaube an Gott".
  • Priester können in der Predigt über dieses Sakrament sprechen oder bei der Sonntagsliturgie gelegentlich das Taufgedächtnis halten. In der Katechese könnten sie öfter auf die Taufe eingehen, um die Bedeutung dieses Sakraments bewusst zu machen. Wer Taufpate ist, soll seine Verantwortung für den Täufling in Treue wahrnehmen und regelmäßig für ihn beten.
  • Gottgeweihte Menschen sind eingeladen, sich darauf zu besinnen, dass die drei evangelischen Räte in der Taufgnade verwurzelt sind, und dieses Sakrament zu besonderer Entfaltung bringen.
 

Der Herr hat uns zum ewigen Leben berufen. Durch die Taufe haben wir bereits in verborgener Weise Anteil an diesem ewigen Leben. Bitten wir Maria, die Mutter der Kirche, dass wir unserem Taufbund treu blei­ben, den Glauben im Alltag leben und so das Ziel unseres Lebens erreichen: die Freude der himm­lischen Herr­lich­keit.

Apsismosaik Basilika St. Johann im Lateran, Rom