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Die geistliche Familie "Das Werk"

Betrachtungen zum Gebet "Maria, Sitz der Weisheit"

In die Schule Mariens gehen, um wahrhaft lieben zu lernen.

Maria, Sitz der Weisheit,
 
öffne unser Herz für deinen göttlichen Sohn und mache es gleich deinem Herzen. Erfülle es mit deiner Liebe, die weise und schenkend ist:
 
mit einer Liebe, die uns selbst und den andern den wahren Frieden zu bringen vermag;
 
mit einer Liebe, die eine Atmosphäre der Freude schafft und Geborgenheit ausstrahlt für all jene, mit denen wir täglich zusammenleben;
 
mit einer Liebe, die den opferbereiten Willen in neuem Tugend­streben erstarken lässt und ihm ein Gespür für Zuvorkommenheit schenkt;
 
mit einer Liebe, die Kraft verleiht, sich selbst zu verleugnen und die seelischen Lasten anderer zu tragen;
 
mit einer Liebe, die das Opfer nicht flieht, sondern das tägliche Leben davon durchdringen lässt;
 
mit einer Liebe, die dienen will, ohne dabei Lob, Befriedigung und Belohnung zu verlangen, und so die anderen zu entlasten versteht
 
mit einer Liebe, die fähig macht, über sich selbst zu schweigen und in sühnender Buße vieles zu heilen.
 

Mutter der Weisheit, erhöre uns!

Mutter Julia

Das Gebet zu Maria, dem Sitz der Weisheit, stammt von Mutter Julia Verhaeghe (1910-1997), der Gründerin der geistlichen Familie "Das Werk". Es ist eine Bitte an die Gottesmutter um das Geschenk weiser Liebe. Zugleich enthält es eine Anleitung zur Liebe, in die Maria uns einführen will. Die Mutter des Herrn ist uns ein wunderbares Vorbild und eine gute Lehrmeisterin. Bei ihr wollen wir in die Schule gehen, um wahrhaft lieben zu lernen.

Der Inhalt dieses Gebetes ist anspruchsvoll, denn die Liebe ist die höchste Tugend. Der heilige Paulus schreibt: "Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe" (1 Kor 13,13). Echte, weise Liebe ist eine Gabe, die wir immer wieder vertrauensvoll von Gott erbitten müssen. Die wahre Liebe gleicht einem hohen und herrlichen Gipfel. Der Weg dorthin ist steil. Aber die Mühe lohnt sich! Gehen wir deshalb voran wie erfahrene Bergsteiger - Schritt für Schritt -, und lassen wir uns vom Text dieses Mariengebetes leiten.

Betrachtung zur ersten Anrufung

"Maria, Sitz der Weisheit,

öffne unser Herz für deinen göttlichen Sohn und mache es gleich deinem Herzen.

Erfülle es mit deiner Liebe, die weise und schenkend ist."

 

Wenn man einen Menschen als dumm bezeichnet, ist das eine der schwersten Kränkungen, die man ihm zufügen kann. Vieles andere können wir noch eher ertragen, zum Beispiel dass jemand sagt, wir seien ungeschickt oder faul. Aber dumm - das will keiner von uns auf sich sitzen lassen. Wenn aber jemand umgekehrt sagt, wir seien gescheit, so hören wir das recht gern. Wir fühlen uns dabei bestätigt und in unserem Selbstwertgefühl bestärkt. Solche Reaktionen sind nichts Neues. Sie sind so alt wie die Menschheit. Allerdings haben sich manche Namen und Bezeichnungen geändert. So sprach man früher meist von Weisheit und von ihrem Gegenteil, der Torheit. Das Streben nach Weisheit finden wir in allen hohen Kulturen, so auch bei den alten Griechen und Römern. Kein Wunder, dass dieses Streben nach Weisheit im jüdischen Volk ebenfalls zu finden ist und sich im Alten Testament niedergeschlagen hat. Dort heißt es zum Beispiel: "Weisheit übertrifft alle Perlen an Wert" (Spr 8,11). Oder: "Weisheit erwerben ist besser als Gold" (Spr 16,16). Mit Weisheit ist dabei kein bloßes Sach- oder Bücherwissen gemeint. Ein Weiser ist kein wandelndes Lexikon. Das besondere Wissen des Weisen ist immer verbunden mit der praktischen Anwendung des Wissens im Leben.


Die Weisheit macht den Menschen fähig, die verschiedenen Situationen des Lebens gut zu meistern und die anvertrauten Aufgaben getreu zu erfüllen. Ein Vorbild für das richtige Streben nach Weisheit ist König Salomo (vgl. 1 Kön 3,2-15). Er bittet Gott nicht um ein langes Leben oder um Ruhm und Ehre. Er bittet um die Gabe der Weisheit. Er spricht diese Bitte aus, nicht um von den anderen bestaunt zu werden, sondern um sein Volk richtig regieren und gerechte Entscheidungen treffen zu können. Sollten nicht auch wir immer wieder um diese Weisheit bitten: als Eltern, als Berufstätige, als Priester, als Gottgeweihte, als Jugendliche, als Kinder? Wer Gott um Weisheit bittet, erkennt damit auch gläubig an, dass die Weisheit von Gott kommt. "Alle Weisheit stammt vom Herrn" (Sir 1,1). Die Gläubigen des Alten Bundes haben Gott als den Allwissenden und Allweisen erkannt und gepriesen: "Unermesslich ist seine Weisheit!" (Ps 147,5). Sie ist eine der höchsten Eigenschaften Gottes. An manchen Stellen des Alten Testamentes wird die Weisheit wie eine eigene Person dargestellt, die Gott zur Seite steht. "Vor der Zeit, am Anfang hat er mich erschaffen" (Sir 24,9).

Durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes ist die göttliche Weisheit auf die Erde herabgekommen. Christus ist "Gottes Kraft und Gottes Weisheit" (1 Kor 1,24). Deswegen haben sich die Menschen, die Christus in Wort und Tat erlebten, auch immer wieder gefragt: "Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist?" (Mk 6,2). "Woher hat er diese Weisheit und Kraft?" (Mt 13,54). Paulus gibt die Antwort darauf: "In ihm sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen" (Kol 2,3). Christus ist nicht bloß ein hochbegnadeter, ein besonders weiser Mensch. Er ist die Weisheit selbst, weil er die gleiche göttliche Natur hat wie der Vater im Himmel.


Wie können wir zu weisen Menschen werden? Wie kann die göttliche Gabe der Weisheit in uns wachsen und reifen? Darauf gibt uns die Heilige Schrift die Antwort: "Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit" (Ps 111,10). "Die Gottesfurcht erzieht zur Weisheit" (Spr 15,33). Das bedeutet, dass die Ehrfurcht vor Gott die beste Erzieherin zur Weisheit ist. Ehrfurcht vor Gott haben, das heißt Gott als Gott anerkennen und ernst nehmen, dass er unser Schöpfer und Herr ist und wir seine Geschöpfe sind. Die Ehrfurcht vor Gott zeigt sich konkret in der Ehrfurcht vor Gottes Willen und seinen Geboten. Die Gebote Gottes sind die Wegweiser zur Weisheit. Deswegen sagte Mose zum Volk des Alten Bundes: "Ihr sollt auf sie (die Gebote) achten und sie halten. Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker" (Dtn 4,6). Es genügt also nicht, die Gebote Gottes bloß zu kennen. Nur wer sie auch hält, wird an Weisheit zunehmen. Der liebevolle Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes verleiht die wahre Weisheit. Das ist die alte und doch immer neu zu machende Erfahrung. In einem Psalm wird diese Erfahrung so beschrieben: "Ich wurde klüger als all meine Lehrer; denn über deine Vorschriften sinne ich nach. Mehr Einsicht habe ich als die Alten; denn ich beachte deine Befehle" (Ps 119,99-100).


Maria ist der "Sitz der Weisheit". Das meint nicht allein, dass sie der Thron ist für Jesus Christus, die göttliche und menschgewordene Weisheit. Es bedeutet auch, dass Maria die geschaffene Weisheit ist, die höchste Fülle der Weisheit in einem menschlichen Geschöpf. Ihre weise Liebe zeigt sich im gläubigen Erwägen der wunderbaren Dinge, die Gott in ihr und durch sie gewirkt hat. "Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach" (Lk 2,19; vgl. 2,51). Die Mutter Jesu ist für uns die Vermittlerin dieser Weisheit. Durch sie ist die göttliche Weisheit in die Welt gekommen und Mensch geworden. Darum können wir unser Gebet um die "weise Liebe" mit Recht und mit großem Vertrauen an sie richten.