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Veröffentlicht am
18.03.2021
Autor
Leo Kardinal Scheffczyk

Berufung zum Vatersein - der heilige Josef

Predigt von Leo Kardinal Scheffczyk

Die Kirche unterbricht heute ihre Fastenliturgie und feiert das Hochfest des heiligen Josef. Die Verehrung des hl. Josef ist unter den Gläubigen weit verbreitet und hochgeschätzt. Man könnte dahinter etwas von einem sentimentalen Überschwang oder auch von einem Widerspruch vermuten, weil in der Heiligen Schrift und in den Quellen des Glaubens wenig von Josef die Rede ist. Auch sind uns eigentlich keine heroischen Tugenden bekannt, die wir sonst bei Heiligen wahrnehmen. Aber das Wesen des Heiligseins bemisst sich nicht zuerst nach den individuellen persönlichen Leistungen. Es wird zuallererst nach dem Plan Gottes bemessen, nach der Berufung, die Gott einem Menschen zuteil werden lässt und nach der Art, wie der Mensch diesen Ruf beantwortet.

Die göttliche Berufung war bei Josef eine durchaus hohe und einzigartige, auch wenn er, äußerlich betrachtet, im Evangelium zurücktritt. Das Wenige, das im Neuen Testament von ihm berichtet wird, ist aber von grundlegender Bedeutung für den Christusglauben im ganzen. Die Kindheitsgeschichte Jesu nach dem Evangelisten Matthäus wird ganz aus der Perspektive des Josef erzählt. Ihm werden die Weisungen des Engels zuteil, er ist der Handelnde in dieser Geschichte, der Maria trotz anfänglichen Zweifels zu sich nimmt, der das Kind und seine Mutter beschützt, der von ihnen viele Gefahren abhält. Als Haupt der Heiligen Familie ist ihm der Titel des „Nährvaters“ dieser einzigartigen Familie verliehen worden. Aber er ist viel mehr als dies.
Als Davidsspross, als „Sohn Davids“, vermittelt er Jesus und garantiert ihm die Davidssohnschaft. Diese aber ist ein wichtiger Baustein im Gefüge des Lebens Jesu, in dem sich die Vollendung des königlichen Herrschers und Priesters David ereignen sollte. Dazu war der heilsgeschichtliche Anschluss an die Genealogie Davids notwendig. Sie war auch dann garantiert, wenn Josef nur als der gesetzliche Vater Jesu Christi auftrat. Seine Berufung zum gesetzlichen Vater Jesu war darum von heilsgeschichtlicher Bedeutung. So gehört er auch als einzelner in die Heilsgeschichte hinein, wie sonst nur die Apostel und die Propheten. Deshalb ist für die Beurteilung des Heiligen der Blick auf seine Stellung in der Heilsgeschichte von Bedeutung. Aus diesem Blick ergibt sich die Erkenntnis von einer unersetzlichen Bedeutung im Plane Gottes.

Natürlich hängt für die weitergehende Beurteilung alles davon ab, wie Josef sich zu diesem Plane stellte, wie er ihn erkannte und ihn annahm. Darauf gibt uns die Heilige Schrift eine knappe, aber alles in sich schließende Antwort: Sie nennt ihn einfach den „Gerechten“. Er war gerecht. Nun wird allerdings darüber gestritten, was dieses Gerechtsein in dem Zusammenhang genau bedeutet, ob es nur „gütig“ heißen solle wegen der Sorge um Maria, die er nicht bloßstellen wollte, oder ob das Wort gewählt ist wegen des Respektes vor dem göttlichen Eingreifen oder wegen seines demütigen Zurücktretens in dem ganzen Geschehen.
Man geht nicht fehl, anzunehmen, dass das Evangelium alle diese Bedeutungen zusammen meint und anerkennt, dass es sie aber in einer Grundbedeutung konzentriert, die aus dem Zusammenhang hervorleuchtet: Der Gerechte ist derjenige, der den Ruf Gottes hört, der ihn als einen unverzichtbaren Auftrag versteht, der sich in den Dienst Gottes genommen weiß und sich diesem Dienst unter allen Umständen und Bedingungen unterziehen will, weil er darin seine Berufung erkennt. Es ist jene Grundhaltung, die wir als „Gehorsam“ gegenüber dem Rufe Gottes verstehen, der den Menschen mit dem Willen Gottes eins sein lässt, woraus sich das Einssein mit Gott als tiefe Begnadung und als Sinnerfüllung des Lebens erschließt.
Die Gläubigen haben, trotz der geringen Erwähnung Josefs in den Quellen, diese innere Größe Josefs wohl immer erkannt. Sie haben damit, wie selbstverständlich, besonders auch die Tugend der Demut, des Kleinseins vor Gott, der Selbsterniedrigung gewürdigt. Weil sich in diesem Gehorsam eine vollkommene Sinnerfüllung des Lebens abzeichnete, konnte es dahin kommen, daß das gläubige Volk die Gestalt Josefs als Vorbild für viele Sinnbereiche menschlichen Lebens anerkannte. So versteht es ihn als Vorbild der Arbeiter, als Patron der Sterbenden, als Schutzpatron der Familie wie der ganzen Kirche.

»Als Haupt der Heiligen Familie ist ihm der Titel des „Nährvaters“ dieser einzigartigen Familie verliehen worden. Aber er ist viel mehr als dies.«
Leo Scheffczyk
vor der Josefskirche in Nazareth

Wenn man diese Bedeutungen des Heiligen auf einen gemeinsamen Nenner bringen und ihren Grund bestimmen will, dann darf man wohl auf seine Stellung als Vater zurückgehen. Die Wichtigkeit des Vaterseins mit seiner Verantwortlichkeit, seiner Fürsorge, aber auch seiner Autorität wird uns vom Vater Josef besonders eindringlich nahegebracht. Das ist ein besonderes Zeichen für unsere Zeit. In der sogenannten „vaterlosen Gesellschaft“ geht der geistige wie der kulturelle Wert des Vaterseins verloren. Damit schwindet ein Kerngehalt menschlicher Gemeinschaft, menschlicher Sozialität und Familiarität. Die Brüchigkeit vieler menschlicher Ordnungen und Verhältnisse heute, die Destabilisierung unseres gesellschaftlichen und kirchlichen Lebens, das Schwanken und Schwinden der Werte: das alles hat nicht zuletzt mit der verlorenen Position des Vaters zu tun. Am Beispiel des hl. Josef können wir die Wichtigkeit dieser Position, auch in ihrem dienenden Autoritätscharakter, wiederentdecken. Die väterliche Autorität sollte aber nicht als rein formale, zwanghaft wirkende Vollmacht verstanden werden, sondern als solche, die in der Ordnung der Natur gründet, die aber vom Geist und von der Gnade erfüllt wird. Es sollte eine innerliche, von Weisheit, von Liebe und Hingabe, auch von Gehorsam gegenüber der göttlichen Berufung erfüllte Autorität sein, die nicht zwingt, sondern überzeugt. An der Gestalt des Vaters Josef können wir sie erkennen und von ihr übernehmen. Insofern kommt diesem schlichten, scheinbar nur vom einfachen Volk verehrten Heiligen eine für die Gemeinschaft der Kirche wie auch für die moderne Gesellschaft unersetzliche Bedeutung zu.

19. März 2003, München, Kolpinghaus, Komtureiabend der Ritter vom Hl. Grab