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P. Hermann Geissler FSO

Beistand Gottes. Der Heilige Geist - 2. Teil

ein Heilmittel gegen Gottvergessenheit

Den Heiligen Geist können wir nicht mit unseren leiblichen Augen sehen. Wir können ihn auch nicht mit unserem Verstand erkennen. Um den Geist Gottes wissen wir nur aus der Offenbarung. Was sie uns – oft in Bildern und Symbolen – über den Geist sagt, ist im Großen Glaubensbekenntnis mit folgenden Worten zusammengefasst: „Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten“. Der Heilige Geist ist also „der Herr“. Das bedeutet: Er ist Gott. Genauer gesagt: Er ist die dritte göttliche Person, die „aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht“. Er ist das Band, das den Vater und den Sohn im Strom göttlichen Lebens und Liebens miteinander verbindet. Ja, Gott ist einer und zugleich dreifaltig. Er ist Vater, Sohn und Geist. Er ist die ewige Liebe, die sich unaufhörlich verschenkt. Und er ist der heilige Gott, der von uns angebetet und verherrlicht wird. Wie wir zum Vater und zum Sohn beten, so können und sollen wir uns auch an den Heiligen Geist wenden.
Dieser Heilige Geist ist es, der „lebendig macht“. Das zeigt sich schon bei der Schöpfung. Der heilige Irenäus sagt, dass Gott alles, besonders aber den Menschen, „mit seinen eigenen Händen“ formte, das heißt mit dem Sohn und dem Heiligen Geist. Obwohl der Mensch durch die Sünde dem Tod verfiel, entzog Gott ihm seine Liebe nicht, sondern versuchte, ihn erneut an sein Herz zu ziehen. Er erwählte das Volk Israel und offenbarte ihm durch den Heiligen Geist (angedeutet im Symbol der Wolke) die zehn Gebote, die der Weg zum Leben sind. Er sandte Propheten, die das Kommen des Messias ankündigten, auf dem „der Geist des Herrn“ ruhen werde (vgl. Jes 11,1). Der Messias sollte den Menschen „ein neues Herz“ und „einen neuen Geist“ schenken (vgl. Ez 36,26). Diese Weissagungen haben sich erfüllt in Jesus Christus, dem Mensch gewordenen Sohn Gottes. Er ist „der Christus“, das heißt der Gesalbte, auf dem der Geist Gottes ruht und der diesen Geist allen offenbart. Schon immer ist der Geist verborgen am Werk. Aber durch Christus haben wir Kunde von ihm, durch Christus ist er uns in Fülle geschenkt.
 
Vor allem in den Abschiedsreden vor seinem Leiden und Sterben spricht Jesus offen vom Heiligen Geist. „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll“ (Joh 14,16). Unser erster Beistand ist Jesus selbst; er tritt beim Vater unaufhörlich für uns ein. Der andere Beistand ist der Heilige Geist, der göttliche Helfer und Tröster, der immer bei uns bleibt. Inmitten des grauen Alltags spüren wir oft die eigene Schwachheit, nicht selten fühlen wir uns überfordert. Jeden Tag müssen wir Entscheidungen treffen und stehen vor Fragen, die uns Kopfzerbrechen bereiten. Ständig droht die Verzagtheit an unser Herz zu klopfen. Wir spüren, wie sehr wir den Beistand Gottes brauchen, seine Nähe, seine Hilfe, seine Kraft.
»In der Kirche lebt und wirkt der Geist Gottes, der Geist der Wahrheit und der Liebe.«
Julia Verhaeghe
Diesen Beistand Gottes hat Christus nicht nur angekündigt. Er hat ihn am Ostersonntag als Frucht seines Opfertodes den Jüngern mitgeteilt. Er hat ihn fünfzig Tage später zu Pfingsten über die junge Kirche ausgegossen. Durch Taufe und Firmung hat er uns mit seinem Heiligen Geist erfüllt. Dieser Geist wäscht uns rein von allen Sünden. Er schenkt uns das neue Leben. Er schafft in uns ein neues Herz und einen neuen Geist. „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5).
Entwurf von Sr. Johanna S. FSO
Der Heilige Geist ist der Beistand Gottes, den wir so nötig haben wie die Luft zum Atmen. Fragen wir uns zum Abschluss, wie der Heilige Geist wirkt und worin er uns beisteht und stärkt.

Jesus sagt: „Der Beistand, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26). Der Heilige Geist verkündet nichts Neues, er erinnert an die Botschaft Christi. Wir Menschen sind ja ständig in Gefahr, Gott und seine Großtaten zu vergessen – wie das Volk Israel, das kurz nach dem Auszug aus Ägypten gegen Gott zu murren begann. Sind wir nicht oft in derselben Versuchung, zu klagen, zu jammern, uns selbst zu bemitleiden? Der Heilige Geist ist die beste Medizin dagegen. Er lässt uns nicht vergessen, dass Gott uns durch Christus erlöst hat und immer bei uns bleibt. Ja, der Heilige Geist führt uns „in die ganze Wahrheit“ (Joh 16,13), indem er von dem nimmt, was Christi ist, und es uns verkündet (vgl. Joh 16,14f.). Er führt uns zu Christus, der allein „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ ist (Joh 14,6). Paulus sagt deshalb mit geradezu verblüffender Einfachheit: „Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“ (1 Kor 12,3). Das ist die erste Wirkung des Heiligen Geistes: nicht äußerer Enthusiasmus und Ekstase, die es auch im Heidentum gibt, sondern das schlichte Bekenntnis: Jesus ist der Herr, der Sohn Gottes, der Erlöser. Der Heilige Geist ist Beistand Gottes, weil er in uns den Glauben weckt und stärkt und uns hilft, Jesus als den Herrn anzunehmen, ihm nachzufolgen und das Leben nach seinem Maßstab formen zu lassen.
 

Der heilige Paulus schreibt im Römerbrief: „Wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selbst tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein“ (Röm 8,26f.). Das Gebet ist heute wichtiger denn je. Ohne Gebet trocknet unsere Seele aus, werden wir ein Rad am rastlosen Getriebe der Welt, verliert das Leben seinen Geschmack. Wir alle brauchen Zeiten zum Beten, zum Atemholen, zum Ruhen am Herzen des Erlösers. Aber echtes Beten ist gar nicht so leicht. Viele Menschen finden schwer einen Zugang zum Gebet, anderen fehlt die Ausdauer, wieder andere beten mit den Lippen, aber kaum mit dem Herzen. Alle brauchen wir den Heiligen Geist, um in rechter Weise beten zu können. Dies ist eine zweite Wirkung des Heiligen Geistes: die Freude an Gott und am Gebet. Deshalb ist es wichtig, den Heiligen Geist immer wieder zu bitten: Komm', Heiliger Geist, lehre mich lieben, lehre mich beten!

Schließlich eint und verbindet der Heilige Geist die Menschen in der großen Familie der Kirche. Der Apostel schreibt: „Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt“ (1 Kor 12,13). Von Anfang an war die Kirche katholisch, bestehend aus vielen Völkern. Sie ist eine weltumspannende Kirche, die alle Grenzen von Rassen, Klassen und Nationen aufreißt und die Menschen im Bekenntnis des dreifaltigen Gottes eint. Diese Einheit ist nicht Menschenwerk, sondern Gabe des Heiligen Geistes. „In der Kirche lebt und wirkt der Geist Gottes, der Geist der Wahrheit und der Liebe“ (Julia Verhaeghe). Er, der die Liebe in Person ist, führt die Menschen beständig zueinander. Er festigt die Einheit zwischen dem Papst und den Bischöfen, zwischen den Bischöfen und den Priestern, zwischen den Priestern und den Gläubigen. Er hilft den Gliedern der Kirche, sich gegenseitig zu achten, zu lieben und anzunehmen. Wie sehr brauchen wir Gottes Geist, damit wir mehr und mehr der flehentlichen Bitte Jesu entsprechen: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21).
Die Kirche ist eine weltumspannende Kirche, die alle Grenzen von Rassen, Klassen und Nationen aufreißt und die Menschen im Bekenntnis des dreifaltigen Gottes eint.