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P. Hermann Geissler FSO

Beistand Gottes. Der Heilige Geist

Den Beistand von oben - brauchen wir ihn nicht gerade heute – in einer Zeit der Verworrenheit, der Angst, der Verunsicherung? 1. Teil

Als der Apostel Paulus auf seiner dritten Missionsreise nach Ephesus kam, „traf er einige Jünger und fragte sie: Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet? Sie antworteten ihm: Wir haben noch nicht einmal gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt“ (Apg 19,2). Nicht nur vor 2000 Jahren, auch heute ist dieses Wort aktuell. Wir haben uns zwar ein gewaltiges Wissen angeeignet, welches das Leben in vielen Bereichen erleichtert. Aber sind wir nicht in religiöser Hinsicht weithin Analphabeten? Ist uns die Frohe Botschaft von Gott, vom Erlöser und vom Heiligen Geist nicht oft fremd und fern? Und bräuchten wir nicht gerade heute – in einer Zeit der Verworrenheit, der Angst, der Verunsicherung – den Beistand von oben?
Vielen Menschen ist der Heilige Geist unbekannt. Andere wissen zwar um ihn, haben aber einseitige oder falsche Vorstellungen. Es trifft zu, dass der Geist Gottes einzelnen Menschen (wie damals in Korinth) besondere Gaben schenkt: die Gabe der Heilung, die Gabe der prophetischen Rede, die Gabe des Gebetes in fremden Sprachen (vgl. 1 Kor 14). Aber wird manchmal nicht zu sehr das Außergewöhnliche, das Sensationelle gesucht? Besteht nicht die Gefahr, sich mit besonderen Gaben wichtig zu machen und wirkt der Geist nicht auch und gerade im Gewöhnlichen? Und müssen wir nicht immer wieder neu lernen, dass Gottes Geist nicht ein Geist des Chaos ist, sondern des Kosmos: ein Geist der Ordnung, der vor allem im Stillen, im Nüchternen, im Alltäglichen sein Werk tut?
 
 
Noch ein drittes Zeichen der Zeit müssen wir wenigstens andeuten. Heute betonen viele mit dem Evangelisten Johannes, dass der Geist weht, „wo er will“ (Joh 3,8). Wie ein Sturm fährt er über das Antlitz der Erde, um eingefahrene Gewohnheiten und Verkrustungen aufzubrechen und neu zu beleben. Manche Zeitgenossen gehen aber viel weiter und meinen, dass das dynamische Prinzip des Geistes der festen Ordnung der Kirche entgegenstehe, ja dass Gottes Geist weiter und umfassender sei als die Botschaft Christi. Hier steht die Frage auf: Wo ist der Heilige Geist am Werk? Wie verhält er sich zu Christus und zur Kirche?
 
 
 

Wenn die Heilige Schrift vom Geist spricht, verwendet sie häufig Bilder, die uns helfen können, etwas von seiner Größe, von seiner Macht, von seinem Wirken zu verstehen. Greifen wir drei dieser Bilder heraus.

Oft wird der Heilige Geist mit dem Feuer verglichen. Johannes der Täufer kündigt Jesus als den an, der „mit dem Heiligen Geist und mit Feuer tauft“ (Lk 3,16). Von diesem Geist sagt Jesus später: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werden. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ (Lk 12,49). Feuer hat eine vielfache Bedeutung: Es bringt Licht, schenkt Wärme, verwandelt. Als der Heilige Geist am Pfingstmorgen in „Zungen wie von Feuer“ auf die Jünger herabkam (Apg 2,3f.), konnten sie seine göttliche Kraft erfahren. Er vertrieb die Furcht aus ihren Herzen, er schenkte ihnen den Mut zum Bekenntnis, er machte sie zu feurigen Aposteln, die ihr Leben für Christus hingaben. Wir alle haben den Heiligen Geist empfangen, damit wir Feuer seien. Gott will nicht, dass wir oberflächlich, müde und lustlos dahinvegetieren. Er hat uns dazu geschaffen, ihm ähnlich zu sein, als neue Menschen zu leben, in der Welt seine Botschaft zu bezeugen. Kardinal Joseph Ratzinger sagte in einer Pfingstpredigt: „Christentum ist Feuer. Es ist nicht eine langweilige Angelegenheit, ein frommer Wortschwall, mit dem wir uns an jeden Wagen anhängen können, um auch noch dabei zu sein. Christentum verlangt von uns die Leidenschaft des Glaubens, die zur Leidenschaft Jesu Christi steht und von ihr her die Welt erneuert“.
Ein Bild des Heiligen Geistes ist das lebendige Wasser.
Ein weiteres Bild des Heiligen Geistes ist das lebendige Wasser. Einmal ruft Jesus: „Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen“. Und Johannes fügt an: „Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben“ (Joh 7,37f.). Dieses Wort begann sich zu erfüllen, als die Seite Jesu am Kreuz mit einer Lanze durchbohrt wurde und sogleich „Blut und Wasser“ heraus floss (Joh 19,34). Aus dem Herzen Jesu quillt der Strom des lebendigen Wassers, das die glaubenden Menschen aller Völker und aller Zeiten tränkt. Das Bild des Wassers war für Israel selbst sprechend: Ohne Wasser gibt es kein Leben. Die lebendige Quelle, der Brunnen ist deshalb ein Bild für die Lebenskraft schlechthin. Deshalb kann Jesus den Heiligen Geist mit dem Wasser vergleichen, das mitten in der Wüste Leben und Fruchtbarkeit schenkt. Der Herr selber ist der Brunnen, der vom Kreuz her dieses Wasser gibt. Und jeder Mensch, der vom Heiligen Geist getränkt ist, kann ebenfalls zum Brunnen werden, aus dem lebendiges Wasser sprudelt, so dass rundum Leben wächst.
 
Ein drittes Symbol des Geistes Gottes ist der Atem. Als der auferstandene Herr seinen Jüngern erschien, „hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20, 22f.). Die Luft ist eines der vier Lebenselemente. Sie macht unsere Erde bewohnbar. Nur wo sie ist, kann geatmet werden, kann Leben sein. Was die Luft für unser physisches Leben bedeutet, das ist der Heilige Geist für das geistliche Leben. Nur wo er geatmet wird, können wir als Menschen und als Christen leben. Hier merken wir, dass wir den Geist nicht nur hin und wieder, in besonderen Situationen brauchen, sondern immer. Heute hören wir viel von Luftverschmutzung und in größeren Städten ist dies wirklich ein Problem. Von der geistigen Umweltverschmutzung sprechen wir aber kaum, von den Vergiftungen der Herzen durch Gewalt, Sex und Verachtung des Menschen. Als Christen haben wir den Auftrag, uns um die reine Luft zu bemühen, um „Christi Wohlgeruch“ (2 Kor 2,15), um den frischen Atem des Heiligen Geistes, der ein Geist der Vergebung ist, der aus der Spirale der Gewalt herausführt und innere Wunden heilen hilft.