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P. Johannes Nebel FSO

Beim Namen gerufen

zum Gedenktag des heiligen Namens Jesu, 3. Januar

Es ist schön, dass seit einigen Jahren der Gedenktag des heiligen Namens Jesu wieder in das liturgische Leben der Kirche zurückgekehrt ist. Der Name Jesu wurde sowohl Maria als auch Josef von einem Engel offenbart. Jesus erhielt seinen Namen also nicht aus rein menschlichem Willen, sondern von Gott selbst her: Und in der Tat hat der Name Jesus eine besondere Bedeutung: "Jeschuah" heißt auf Deutsch "Gott rettet". Der Eigenname steht im biblischen Denken für die Eigenart eines Wesens, einer Person. Jesu innerste Eigenart ist es, die Menschheit zu retten, also der Erlöser, der Heiland, zu sein.
 
Indem der menschgewordene Gott einen Namen hat, kann Gottes Sohn konkret angeredet werden. Das Neue Testament bezeugt es allerdings nur ganz selten, dass Jesus mit seinem Namen angesprochen wird: zu seinen Lebzeiten nur von dem guten Schächer am Kreuz, der sagte: "Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst" (Lk 23,42). Die Jünger hingegen pflegten Jesus mit "Herr" oder "Rabbi" anzusprechen. Natürlich werden Maria und Josef den heranwachsenden Jesus bei seinem Namen gerufen haben, aber dies wird biblisch nicht eigens festgehalten. Dann begegnet uns die Anrufung des Namens Jesu erst wieder bei der Steinigung des heiligen Stephanus, der sterbend rief: "Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!" (Apg 7,59). Und dann finden wir die Anrufung des Namens Jesu wieder ganz am Ende der Heiligen Schrift, am Schluss der Geheimen Offenbarung, in dem Ruf "Amen. Komm, Herr Jesus!" (Offb 22,20).
Die Anrufung des Namens Jesu ist also selten, dafür aber umso bedeutender. Sie wird in der Bibel nicht ins Banale und Alltägliche hinab gezogen, sondern streng und konsequent auf das Eine bezogen: auf die Erlösung, Jesu ureigenste Sendung vom Vater her, auf das also, was Jesus am innerlichsten berührte und sein ganzes Wesen ausmachte. Und diese Beziehung sollen auch wir zum Namen Jesu aufbauen: Wenn wir gläubig den Namen Jesu aussprechen, erheben wir unser Herz zu dem, was Jesu innerste Motivation uns gegenüber ausmacht, nämlich uns das Heil Gottes zu schenken. Deshalb sollten wir den Namen Jesu nie leichtfertig im Munde führen, sondern immer bewusst und in großer Ehrfurcht und großem persönlichem Vertrauen aussprechen. Dies verbindet uns auf einzigartige Weise mit Jesus, und wir können spüren, dass im heiligen Namen Jesu eine geistliche Kraft liegt.
 
Das alles sagt auch etwas überhaupt über die Bedeutung der Eigennamen aus. Jeder von uns trägt einen eigenen Namen, den keiner sich selbst gegeben hat. Ob uns unser Name gefällt oder nicht – wir sollten in viel grundsätzlicherem Sinne zutiefst dankbar sein dafür, überhaupt einen Namen zu tragen.  Einen Eigennamen zu tragen, ist etwas, was zur menschlichen Würde gehört. Unserem Namen verdanken wir, ganz konkret und individuell ansprechbar zu sein. Wenn wir auf der Straße gegrüßt werden oder um etwas gebeten werden, und man nennt in einem Atemzug dabei unseren Namen mit, so trifft uns der Gruß beziehungsweise die Bitte tiefer ins Herz. Der Name, den wir tragen, hat also Kraft, eine Kraft, die uns auf besondere Weise mit anderen Menschen in Verbindung bringt.
Unser Name ist dazu da, dass wir – eben beim Namen – gerufen werden. Wenn es so urmenschlich ist, einen Namen zu tragen, dann ist es folglich ebenso urmenschlich, gerufen zu werden. Ja, das gehört, recht besehen, zum innersten Wesen des Menschseins. Wenn uns ein Ruf trifft, haben wir automatisch einen Ort in dieser Welt. Das kann negativ wie positiv sein: Wenn uns jemand in feindlicher Gesinnung ruft, bekommen wir ihm gegenüber einen dementsprechenden Ort zugewiesen. Wenn uns aber jemand im ermutigenden oder im bittenden Sinne ruft, erfahren wir unseren Ort innerhalb der Welt eben jeweils in diesem Sinne. Wer überhaupt nicht gerufen wird, empfindet sich als isoliert, ortlos, unnütz, überflüssig und sinnlos. Daran erkennen wir: Die Grundlage des Sinnes unseres Lebens besteht darin, gerufen zu werden.
 
Der innerste und grundlegendste Ruf, der an jedes menschliche Wesen ergeht, ist der Ruf Gottes. Jedem Menschen ist ins Herz geschrieben, was der Prophet Jesaja einmal in folgenden Worten ausgedrückt hat: "Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst Mir" (Jes 43,1). Das besagt nichts anderes, als dass gar jeder Mensch dieser Erde ein Gewissen hat. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt (vgl. GS 16), dass das Gewissen jenes Heiligtum im Innenleben ist, wo jeder Mensch ganz und gar alleine mit Gott ist, wo er das Echo der Stimme Gottes vernimmt, und zwar in der Art eines Rufes, ja eines Befehles: "Tu dies!", und "Vermeide jenes!"
Ich bin berufen, etwas zu tun oder zu sein, wofür kein anderer berufen ist. Ich habe einen Platz in Gottes Plan, den kein anderer einnehmen kann. J. H. Newman
Das Gewissen darf nicht verwechselt werden mit dem Gefühl. Ich kann im Blick auf einen herrlichen Berggipfel ein gutes Gefühl haben bei dem Gedanken, möglichst bald auf den Berg zu steigen und die Aussicht von oben zu genießen. Aber das besagt noch lange nicht, dass ich im Innern spüre, dass ich wirklich die Mühe der Bergbesteigung auf mich nehmen soll. Vielleicht soll ich nämlich etwas ganz anderes tun als das, wohin mein Gefühl mich zieht. Was ich tun soll, sagt mir nie das Gefühl, sondern erst das Gewissen. Damit der Ruf unseres Gewissens immer rein und klar bleibt, müssen wir das Gewissen wachsam pflegen, indem wir auf den Glauben der Kirche und auf Gottes Gebote hören.
 
Wenn wir ganz aus unserem Gewissen leben, dann sind wir uns stets darüber im Klaren, was wir vor Gott tun sollen. Das gibt unserem Leben Sinn: Wir stehen im Ruf Gottes, und dies auch in alltäglichsten Kleinigkeiten. Das Gewissen betrifft sogar die winzigsten Details. Demgegenüber aber setzt unsere heutige Zivilisation den Schwerpunkt auf unsere Gefühle und bringt diese oft in Konkurrenz zur Stimme unseres Gewissens. Das führt bei vielen Menschen dazu, dass nicht mehr entscheidend ist, was ich tun soll, sondern was ich gerade gerne tun mag. Damit wird aber das Grundlegende abgeschwächt, wofür unser Gewissen – und auch der tiefste Sinn unseres Eigennamens – steht: nämlich dass es zu unserem Menschsein gehört, gerufen, ja von Gott gerufen zu sein.
 
Der Ruf Gottes zur engeren Nachfolge Jesu als Priester, Schwester oder Bruder ist etwas Besonderes im Vergleich zum Gewissen als unserem alltäglichen Begleiter - es ist ein Ruf Gottes in konkrete Menschenherzen. Aber dieses Besondere der geistlichen Berufung ist nicht so total anders, dass es gleichsam aus heiterem Himmel fallen würde. Vielmehr ist der geistliche Ruf in die Nachfolge ebenfalls im Gewissen verwurzelt. Wenn sich ein Mensch berufen weiß, mit ganzer Hingabe Jesus nachzufolgen und das Himmelreich zu suchen, so ist er sich gewiss, dass dies der Wille Gottes für sein Leben ist, sprich, dass er diesem Lebensweg folgen soll. Im Kern jeder Berufung steht also das Bewusstsein eines Soll von Gott her, nicht nur – und nie in erster Linie – einer menschlichen Neigung.
Um Berufungen in der Kirche zu fördern, müssen wir uns deshalb mit vereinten Kräften dafür einsetzen, dass in jungen Menschen die Stimme des Gewissens befreit wird aus der heutzutage wirkungsvoll geförderten Macht aller möglichen Gefühle. Dem Gewissen mitten durch viele Gefühle hindurch den Weg zu bereiten – das ist eine zentrale Aufgabe und auch Herausforderung der heutigen Sorge um geistliche Berufungen. Und dafür ist es auch nötig, uns auf die Bedeutung des Eigennamens zu besinnen: So kehren wir zum Ausgangspunkt unserer Überlegungen zurück. Durch Spitznamen, Kosenamen, flotte Namensverkürzungen, Künstlernamen und ähnliches kann man Gefühle berühren – mag dies im Einzelfall auch etwas Gutes haben. Durch die Würde des echten Eigennamens aber erreicht man den Menschen selbst, in seinem Innern. Darin liegt ein Weg, der Menschen zu Gott führt.
 
Wenn das einmal gegeben ist, dann können wir erkennen, dass eine geistliche Berufung gar nicht etwas so Abgehobenes und Außergewöhnliches sein muss. Es gibt nicht wenige Priester und Gottgeweihte, die den ausschlaggebenden Ruf in die Nachfolge Christi nur in Gestalt einer zarten Gewissensregung verspürt haben, deren Intensität über sonstige alltägliche Gewissensregungen nicht maßgeblich hinausging. Gott schenkt also übernatürliche Berufungen vielfach auf eine ganz natürliche, ja normale Art! Und deshalb erweckt Gott auch heute Berufungen in die Nachfolge Christi, mehr als wir denken: Darauf dürfen wir vertrauen, und uns in diesem Vertrauen für Berufungen einsetzen.
»Manch einer weiß gar nicht, was in ihm lebt und wessen er fähig ist, bis er angerufen wird.«
Romano Guardini