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Die geistliche Familie "Das Werk"

Begenung mit dem Auferstandenen am See

Aufrichtige Liebe als schönste Form der Buße und beseelende Kraft des Hirtendienstes

Vieles war im Leben des Petrus geschehen, seit er den Ruf des Herrn vernommen und Kafarnaum und die vertraute Welt des Sees Gennesaret verlassen hatte. Jesus, sein Freund und Meister, ging durch die Nacht unvorstellbaren Leidens, die Nacht der Ungerechtigkeit und des Todes. Doch durch seinen Tod wurde der Tod besiegt. Drei Tage später durften Petrus und einige andere erwählte Zeugen den Auferstandenen sehen und ihm begegnen. Was nur ganz wenige geglaubt hatten, wurde Wirklichkeit: Der Herr ist auferstanden! Nun war Petrus wieder dort, wo sein Weg mit Jesus begonnen hatte. Er und sechs andere Jünger befanden sich auf dem See von Tiberias. Der Auferstandene offenbarte sich ihnen. Petrus durfte nach erfolgloser Nacht erneut einen wunderbaren Fischfang machen. Anschließend lud Jesus sie ein, mit ihm das Mahl einzunehmen. "Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer! Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, das ich dich liebhabe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe" (Joh 21,15-17).

Jesus wollte dreimal aus dem Mund des Petrus ein Bekenntnis der Liebe hören. Es fiel Petrus nicht leicht, dies zu tun. Aber drei­mal hatte er seinen Herrn und Erlöser verleugnet, dreimal sollte er die Sünde des Verrates durch das Bekenntnis der Liebe wieder gutmachen. Jesus forderte keine langen Erklärungen und keine Analyse seines Verhaltens, denn die Wun­den seiner Seele und die schmerzliche Erinnerung an seine große Schwäche konnten nicht durch viele Gedanken und Worte, sondern nur durch die Liebe geheilt werden. Bei der dritten Frage fügte er hinzu: "Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich lieb habe" (Joh 21,17). Dieses "Alles" besagte so vieles. Es enthielt den bisherigen Weg mit seinen Höhen und Tie­fen. Petrus erkannte, dass er aus der Macht seines im­pul­siven Charakters und der damit verbundenen Kleingläubigkeit durch die Liebe seines Herrn gerettet worden war. Er wusste, dass der Herr ihm seine Schwachheiten nicht nachtrug. Jesus wollte ihm gerade dies deutlich machen: Die Schwach­heit der Ver­gangenheit ist erlöst durch die barmherzige und gerechte Liebe Gottes. So schmerzlich die Erfahrung der Verleugnung für Petrus war, so wichtig war sie zugleich für seinen Auftrag. Er, der dazu berufen wurde, als oberster Hirte der Kirche die barmherzige und rettende Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus offenbart, zu verkünden, durfte in seinem eigenen Leben lernen, die Vergebung Got­tes vorbehaltlos anzunehmen. Durch die Liebesreue, wie sie uns in Petrus aufleuchtet, werden nämlich die Spuren der Schuld in unserer Seele getilgt. Sie ist ein Geschenk, das alle empfangen dürfen, die vertrauensvoll zum Gekreuzigten auf­blicken.
»Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich lieb habe!«
Joh 21,17
Einst fragte Petrus seinen Meister: "Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich ver­sündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht sieben­mal, sondern sie­ben­undsiebzigmal" (Mt 18,21-22). Für sein Leben in der Nach­folge Jesu und besonders auch für sein hohes Amt war es unabdingbar anderen Verzeihung zu schen­ken. Am See von Tiberias ließ ihn der Herr noch etwas anderes begreifen: Nur derjenige kann verzeihen, der auch selber im Glau­ben die verzeihende Liebe des Herrn an­nimmt.
 
Das Bekenntnis der Liebe sollte die Schuld der Vergangenheit wie­der gutmachen und zugleich das Fundament für seinen künftigen Hirtendienst bilden. "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?" (Joh 21,15). Der Herr wollte, dass Petrus ihn mehr liebe als die anderen. Die dreifache Frage nach der Liebe des Petrus und der dreifache Auftrag, die Schafe zu weiden, machen deutlich, dass das Hirtenamt in der Kirche an die Liebe gebunden ist. Nur jene, die den Herrn lieben, werden die Herde Gottes weiden und sie wahrhaft lieben können. Das Leitungsamt in der Kirche darf nicht in die Falle unerlöster menschlicher Machtgier und menschlichen Karrierestrebens geraten. Dieser Auftrag kann nur in der Liebe Christi in rechter Weise wahrgenommen werden. Das Petrus­amt ist auf die Liebe gegründet. Hirtendienst ist Liebesdienst in der Wahrheit.
»Jesus sagte zu Petrus: Weide meine Schafe!«
Joh 21,17