Cover
»«
Autor
P. Johannes Nebel FSO

Baustelle Kirche? Oder festes Fundament?

Eine Betrachtung zum Epheserbrief (Eph 4,11-13)

"Christus setzte die einen als Apostel ein,
andere als Propheten, andere als Evangelisten,
andere als Hirten und Lehrer, um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten,
für den Aufbau des Leibes Christi.
So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen,
damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen." (Eph 4,11-13)
 
 
Wir begehen heute das Kirchweihfest von zwei herrlichen und weltberühmten Gotteshäusern, den Basiliken St. Peter und St. Paul in Rom. Die alte Peterskirche ist zwar am Beginn der Neuzeit durch den heutigen Petersdom ersetzt worden, und die Paulusbasilika musste im 19. Jahrhundert nach einem Großbrand weitgehend neu errichtet und eingeweiht werden. Aber beide Basiliken bergen in sich die Gräber der jeweiligen Apostel, beide Gotteshäuser sind bis heute Zielpunkt unzähliger Wallfahrer aus aller Welt, beide Kirchen vermitteln dem heutigen Besucher einen großartigen Eindruck, sind je auf ihre Weise ein steinernes Wahrzeichen unseres katholischen Glaubens. Sie wurden von Menschenhand gebaut und dann eingeweiht, um Ort von Gottes Gegenwart, Ort christlicher Liturgie zu sein.
 
Entsprechend ist in der heutigen Kurzlesung auch von einem Aufbau die Rede, in welchem Gott – Christus nämlich – gegenwärtig ist. Die steinerne Kirche ist ein Sinnbild für die lebendige Kirche. Wie Steine dem Bau einer Kirche dienen, so sind wir Gläubige als Glieder der Kirche berufen dem "Aufbau des Leibes Christi" zu dienen. Ist die Kirche daher, wie man heute gerne zu sagen pflegt, eine Baustelle? So redet man gerne, um die Idee von Kirche offen halten zu können für allerlei spürbare Wandlungen und Veränderungen.
 
So einfach dürfen wir es uns aber nicht machen. Bei der heutigen Kurzlesung müssen wir genau hinschauen. Sie beginnt mit Christus, von dem es heißt, dass er "den einen das Apostelamt gab; andere setzte er als Propheten ein, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer". Was man damals, als der Epheserbrief geschrieben wurde, konkret unter diesen Ämtern verstanden hat, kann heutzutage freilich nur noch annäherungsweise oder hypothetisch ergründet werden. Es gibt in der Tat großräumige Wandlungen im Lauf der Jahrhunderte. Was aber bleibt, und was grundsätzlich auf die Gründung Jesu Christi selbst zurückgeht, ist der damit verbundene Inhalt: Es gibt in der Kirche ein prophetisches Element, es gibt die Aufgaben von Hirten, von Lehrern, auch von Glaubensverkündigern, und eben auch die Nachfolge der Apostel im Bischofsamt und abgeleitet davon im Priesteramt. Auch die Diakone haben als unterste heutige Weihestufe am Gesamten des priesterlichen Amtes Anteil. In vergangener Zeit, seit der christlichen Frühzeit bis wenige Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, gab es zusätzliche niedere Weihestufen des Priesteramtes: den Ostiarier, den Exorzisten, den Lektor, den Akolyten und den Subdiakon. So ist es einst aus der Vielzahl urchristlicher Ämter herausgewachsen, von der auch die heutige Kurzlesung auf ihre Weise Zeugnis ablegt. Manche Gemeinschaften innerhalb der katholischen Kirche haben bis heute die Fülle dieser Weihestufen bewahrt. All das – wie immer es im Laufe der Zeit auch konkret ausgesehen und gegliedert gewesen sein mag – geht grundsätzlich darauf zurück, dass Jesus Christus seiner Kirche die Gabe des Amtes geschenkt hat. Wandlungen hat es zwar gegeben und wird es geben – aber von Christus her gesehen, kann man deshalb die Kirche nicht undifferenziert als offene "Baustelle" bezeichnen.
 
Blicken wir dazu auch auf die Absicht, warum Christus die Ämter eingesetzt hat, nämlich, wie es heute heißt, "um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten". Dieser Dienst besteht, wie schon gesagt, im "Aufbau des Leibes Christi". Worin aber besteht dieser "Aufbau"? Wir brauchen die heutige Kurzlesung nur weiterzulesen. Da ist die Rede vom Wachstum in der "Einheit im Glauben", in der "Erkenntnis des Sohnes Gottes". Das Ziel davon ist nicht irgendein Kirchenbild oder Kirchentraum, sondern die Person dessen, der die Kirche überhaupt begründet hat, Jesu Christi nämlich. Die Kirche, sein geheimnisvoller Leib, ist dazu da, ihn – Christus – "in seiner vollendeten Gestalt dar[zu]stellen". Als kirchliche Gemeinschaft sollen wir also durch Wachstum im Glauben immer mehr ein lebendiges Zeichen Jesu Christi in unserer Welt sein. Jesus, der Messias und Sohn Gottes, ist ja die Fülle aller Zeit, wie er selbst im Evangelium über sein Kommen sagt: "Die Zeit ist erfüllt!" (Mk 1,15) Über Christus hinaus kann es daher auch für uns heute keine Zielsetzung geben. Die beiden großen Apostelbasiliken St. Peter und St. Paul in Rom mahnen uns alle, Christus so sehr in Glaube, Hoffnung und Liebe verbunden zu sein wie die Apostelfürsten Petrus und Paulus, deren ehrwürdige Gräber sie in sich bergen.
 
eine Kurzpredigt bei Vesper am Weihetag der Basiliken St. Peter u. St. Paul zu Rom, 18. November 2019