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Veröffentlicht am
26.08.2018
Autor
P. Peter Willi

Außergewöhnlich in den gewöhnlichen Dingen

die Liebe von Mutter Julia für die kleinen Dinge

Im Evangelium gibt es verschiedene Stellen, in denen Jesus sagt, dass es auf die ganz kleinen Dinge ankommt. Der heilige Lukas überliefert uns folgendes Jesuswort: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen“ (Lk 16,10). Im Gleichnis vom anvertrauten Gut sagt Jesus zu einem der Diener: „Sehr gut, du bist ein tüchtiger Diener. Weil du im Kleinsten zuverlässig warst, sollst du Herr über zehn Städte werden“ (Lk 19,17). In der Bergpredigt lehrt Jesus: „Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich“ (Mt 5,19). Für Jesus ist nichts unbedeutend. Er wusste, dass sich die Größe im Kleinen zeigt, die Verlässlichkeit in kleinsten Dingen beginnt und sich die Treue in kleinsten Dingen erweist. Unser Leben ist ein großes Mosaik von vielen Tagen und Stunden, von vielen Möglichkeiten und Chancen, von vielen inneren Anrufen und täglichen Arbeiten. Niemand ergreift alle Möglichkeiten, aber es gibt Menschen, die ein Verlangen haben und eine innere Kraft aufbauen, in tausenden Augenblicken die sich bietenden Möglichkeiten zu nützen. Zu diesen Menschen gehörte Mutter Julia. Ich will nun ein wenig berichten, wie Mutter Julia die Zuverlässigkeit in den kleinsten Dingen gelebt und damit eine Seite des Evangeliums verwirklicht hat.
 
Mutter Julia hat uns vorgelebt, wie man mit materiellen Dingen sorgsam umgeht und ein guter Verwalter von allen materiellen Dingen ist. Sie hatte Sinn für Harmonie, Ordnung, Sauberkeit und war überzeugt: „Ordnung führt zu Gott.“ Sie legte Nachdruck darauf, ausgeliehene Dinge wieder auf ihren Platz zurückzubringen und somit einem Mitmenschen unangenehme Situationen und Ärger zu ersparen. Sie war der Meinung, dass man auch auf einer Baustelle Ordnung halten kann. Man kann chaotisch oder mit Disziplin arbeiten. Sie litt unter dem Geist der Verschwendung und Verwahrlosung in der Gesellschaft und wollte, dass wir als Christen einen sorgsamen Umgang mit materiellen Dingen, mit Energie, mit Lebensmitteln und vielen anderen Dingen pflegen. Sie versuchte, die vielen Arbeiten Tag für Tag mit kurzen Gebeten zu verbinden und daraus auch Apostolat zu machen. In diesem Sinn ermunterte sie eine junge Schwester, die Arbeit gut zu machen und sagte: „So können wir noch eine Gnade verdienen für eine Seele, die sich in Not befindet“. Eine besondere Liebe hatte sie zum Gotteshaus. Sie wollte Gott ehren und verherrlichen durch den Einsatz für schöne Kapellen und Kirchen. Sie sagte einmal: „"Ja, das Haus Gottes muss eine Seele ausstrahlen. Es soll eine Stätte sein, die in ihrem Schmuck und in ihrer Schönheit die Haltung der Hochachtung, der Ehrfurcht, der Verehrung und der feurigen Anbetung des Volkes Gottes und vor allem jener zum Ausdruck bringt, die ganz seinem Dienst geweiht sind".
 
Aus ihrem Mund hörte man immer wieder ein geflügeltes französisches Wort: „Noblesse oblige“. Man kann es übersetzen mit den Worten: Adelig sein verpflichtet! Mutter Julia kam nicht aus einer adeligen Familie, sondern aus einer einfachen Arbeiterfamilie. Aber sie wusste: Die Taufe macht uns zu Kindern Gottes. Der heilige Papst und Kirchenlehrer Leo der Große hat es so ausgedrückt: „Christ, erkenne deine Würde!“ Dieser hohen Würde des Christseins wollte Mutter Julia entsprechen. Wir Christen sind Menschen wie alle anderen, aber wir sind noch mehr: wir sind mit Gottes Gnade beschenkte Menschen. Von dieser hohen Würde unseres Christseins her ergeben sich viele Fragen, die für Mutter Julia wichtig waren. In vielen Details soll man den Christen erkennen. Deshalb stellt sie sich die Fragen: Wie ist mein Benehmen? Wie ist mein Sprechen? Wie ist mein Äußeres und mein Inneres? Bin ich schlampig und verwahrlost? Erkennt man an mir, dass ich Sohn und Tochter Gottes bin? Christen sind keine eitlen Gentlemen und weltlichen Damen, die sehr viel mit dem Äußeren beschäftigt sind. Zugleich hat uns Mutter Julia bewusstgemacht, dass wir durch schlichte Würde, angenehme Umgangsformen, taktvolles Benehmen und herzliche und kluge Worte Zeugnis geben sollen von der großen Würde unseres Getauftseins. Authentische Christen haben in der Nachfolge Jesu Christi und aus Liebe zu ihren Mitmenschen an ihrem Charakter ein Leben lang gearbeitet und ihr Menschsein veredelt und vervollkommnet. Sie wussten: Außen und Innen müssen zusammenstimmen.
Wie wichtig ist es, dass wir unser Inneres kultivieren: unser Denken und Fühlen, unseren Glauben und unseren Gebetsgeist, unsere Seele und unser Herz. Das Unkraut der sieben Hauptsünden Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und Trägheit überwuchert so rasch die Seele. Die materiellen Dinge brauchen ihre Pflege und ihren Service, ebenso die geistlichen Dinge, unsere Gottesbeziehung, unser Glaube. Wer täglich betet, morgens und abends, der wird in seinem Leben den rechten Weg gehen und keine großen Dummheiten machen. Wer von der Sonntagsmesse keine Abstriche macht und sich nicht Ausnahmen gewährt und die sonntägliche Eucharistie nicht nur aus Gewohnheit, sondern aus voller Überzeugung mitfeiert, wird im Glauben nicht unsicher. Wer regelmäßig beichtet, der wird den Schlingen des Teufels entkommen. Ein kleiner Hinweis: Warum sollten wir uns nicht die Beichttermine in den Kalender schreiben: September – Herbstbeichte. Beginn November - Allerheiligenbeichte. Advent – Weihnachtsbeichte. Aschermittwoch: Beichte zum Beginn der Fastenzeit usw. oder was noch besser ist jeweils am Herz Jesu Freitag. Getaufter Christ, nimm Verantwortung für Deine Seele!
 
Mutter Julia hat sich um die Mitmenschen gekümmert durch viele kleine Dinge: eine Aufmerksamkeit zum Namenstag, ein ermunterndes Wort für eine Schwester, die sich mit irgendeiner Arbeit schwer getan hat, ein Zeichen der Dankbarkeit, eine Hilfestellung, … Als sie einmal durch eine Ortschaft fuhren, sagte sie spontan: Hier hat eine Wohltäterin gelebt, die uns Gutes getan hat. Beten wir für sie einen Rosenkranz. Sie war eine Frau des Einfühlungsvermögens und lehrte diese Haltung den Schwestern. Sie wollte, dass die Schwestern ihre Arbeit gut machen und zu Ende bringen, damit nicht andere dann nachhelfen müssen. Mutter Julia war keine Frau der Halbheiten. Wer liebt, hat viele Augen, viele Ohren, viele gute Worte, manchmal auch fordernde und strenge Worte, die ebenfalls sehr helfen können. Wer liebt, spürt nicht gleich Müdigkeit, er überwindet Lust und Laune und verbirgt manches innere Unwohlsein nach außen. Die Liebe bewährt sich im Dienen, in der Anstrengung, im Opfer. Wer liebt, stellt sich die Frage: Was kann ich tun, um anderen nicht zur Last zu fallen und anderen zu helfen? Mutter Julia wusste: das innere seelische Leben jedes Menschen ist eine große Welt, eine wunderbare Welt, eine bedrohte Welt, eine empfindsame Welt, ein Schauplatz des Kampfes zwischen Licht und Finsternis, zwischen Liebe und Sünde, Wahrheit und Lüge. In diese innere Welt wollte sie eintreten und konnte sie mit ihrer Liebeskraft eintreten, damit Menschen sich auf Gott hin entwickeln, in die die Fülle des Lebens hinein, hin zum inneren Frieden und zu einem Leben des Dienstes. Unglaublich vielseitig und reich waren ihre vielen kleinen Initiativen.
 

Mutter Julia sagte einmal: „Die Treue im Kleinen ist die Garantie für die Treue bis zum Ende“ Um diese Treue wollen wir uns bemühen. Ein neues Schuljahr, ein neues Studienjahr, ein neues Arbeitsjahr liegt vor uns. Nach schönen, manchen heißen und schwülen Sommertagen, nach Reisen und Erlebnissen kehren nicht wenige von uns zum normalen Lebensrhythmus zurück. Gehen wir mit neuem Elan an unsere Lebensaufgaben heran: mit ganzer Entschiedenheit und vollem Vertrauen auf die Gnade. Wie viel vermag die Gnade, wenn wir mir ihr mitarbeiten. Wie viel vermögen wir, wenn wir uns ganz der Gnade Gottes öffnen. Die Kirche, unsere Mitmenschen, unsere Familien, unsere geistliche Familie und die Gesellschaft braucht Menschen, die entschieden leben, in den kleinen Dingen des täglichen Lebens treu sind, Menschen, die brennen und nicht auf Sparflamme leben: für Christus und sein Reich. Wir brauchen Menschen, die innere Größe aufgebaut haben, weil sie tausende kleine Dinge aus Liebe gut getan haben und das tun, was der hl. Paulus einmal gesagt hat: „Setzt eure Ehre darein, ruhig zu leben, euch um die eigenen Aufgaben zu kümmern und mit euren Händen zu arbeiten, wie wir euch aufgetragen haben. So sollt ihr vor denen, die nicht zu euch gehören, ein rechtschaffenes Leben führen und auf niemand angewiesen sein“ (1Thess 4,11). Heiligkeit bedeutet für Mutter Julia nicht etwas Außergewöhnliches tun, sondern die liebevolle Erfüllung der Pflichten – als Schüler, als Jugendlicher, als Erwachsener, als älterer Mensch und dies inmitten mancher Verwicklungen, die das Leben mit sich bringt.

Lasst uns solche Heilige werden – mit den Füßen am Boden und dem Herzen bei Gott.

»Die Liebe tun: das vereinfacht das Leben.«
Mutter Julia Verhaeghe